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Ausland

„Hilfsorganisationen werden zunehmend zur Zielscheibe“

Freitag, 10. Februar 2012

Michael Brinkmann, Allgemeinarzt aus Niederkassel bei Bonn und Vater zweier Kinder, hat seine Arbeit in einem Camp der Hilfsorganisation Humedica in Äthiopien vorzeitig abgebrochen, nachdem Mitarbeiter anderer Hilfsorganisationen auf dem Weg zum Flüchtlingslager beschossen worden waren. Hintergrund: Die Dürrekatastrophe am Horn von Afrika dauert unvermindert an. Hunderttausende Menschen haben ihre Heimat verlassen; insbesondere Somali flüchten vor dem Hunger und dem Bürgerkrieg, der in ihrem Land seit Jahren keine Sicherheit aufkommen lässt.

Nach zum Teil wochenlangen Wanderungen durch das ausgedörrte Land erreichen sie riesige Auffanglager, in denen Hilfsorganisationen wie Humedica oder Ärzte ohne Grenzen die Menschen versorgen. Doch der Krieg macht auch vor den Helfern nicht Halt. Das „Deutsche Ärzteblatt“ sprach mit Michael Brinkmann über die medizinische Situation in den Flüchtlingslagern an der äthiopisch-somalischen Grenze.

Fünf Fragen an Michael Brinkmann, Mitglied der Hilfsorganisation Humedica

DÄ: Eine Hilfsorganisation wurde in Äthiopien auf einer Straße zu den Flüchtlingslagern beschossen, die Sie mit Humedica eine Stunde später ebenfalls fahren wollten. Weshalb werden in Äthiopien Mitarbeiter von Hilfsorganisationen beschossen

Brinkmann: Leider werden internationale Hilfsorganisationen zurzeit zunehmend zur Zielscheibe der Warlords. Sie geben dafür vordergründig religiöse Motive an. Vermutlich will sich aber die militante Al-Shabaab-Miliz jedoch an Äthiopien rächen, weil das äthiopische Militär im vergangenen Herbst in Somalia einmarschiert ist. Die Al-Shabaab-Milizen wollen nun ihrerseits Äthiopien destabilisieren und haben dafür die Hilfsorganisationen als Zielscheibe gewählt. In Mogadischu hat Al-Shabaab zwei Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen erschossen, in Kenia sechs Mitarbeiter anderer Organisationen. Auch das Schicksal der Flüchtlinge ist ihnen dabei egal.

DÄ: Wie ist die Situation in den Flüchtlingslagern?

Brinkmann: Fünf Flüchtlingslager mit etwa 40.000 bis 50.000 Flüchtlingen liegen in der äthiopischen Grenzregion Dolo Ado. Pro Tag kommen circa 50 bis 100 Menschen hinzu. In die Lager kommen fast nur Frauen, Kinder und alte Menschen. Die Männer sind entweder im Bürgerkrieg gefallen, oder sie versuchen, ihren Besitz in Somalia zu schützen. Jede Familie bekommt vom Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen UNHCR ein Zelt, in dem sie wohnen kann. Weil die Familien sehr kinderreich sind, wohnen in diesen Zelten bis zu 15 Menschen.

DÄ: Wie ist die Stimmung in den Lagern?

Brinkmann: Die Stimmung in den Lagern ist verhältnismäßig gut. Denn die Menschen sind sehr dankbar, dass Hilfsorganisationen vor Ort sind und zeigen, dass die Welt die Somali und ihre Nöte nicht vergessen hat. Auch die Wasserversorgung funktioniert gut, sodass es ausreichend sauberes Trinkwasser gibt. Die hygienischen Bedingungen sind jedoch ansonsten schlecht. Eigentlich sollte es in Lagern, die länger als ein halbes Jahr bestehen, eine Latrine für je 50 Flüchtlinge geben. In unserem Lager gab es eine für 500. Das leistet natürlich Infektionskrankheiten Vorschub. Immer wieder gibt es Durchfallerkrankungen, und die Angst vor einer Choleraepidemie ist groß.

DÄ: Wie ist die medizinische Lage?

Brinkmann: Das UNHCR koordiniert vor Ort die verschiedenen Hilfsorganisationen. Humedica hat daraufhin in einem der Lager eine mobile Klinik, eine Zeltambulanz, eingerichtet, in der wir die ambulante Versorgung der Flüchtlinge übernehmen. In unserem Team hatten wir zwei Allgemeinmediziner, einen Zahnarzt, vier Krankenschwestern und zwei Logistiker, dazu noch somalische Helfer. Durch sie haben wir von vielen Einzelschicksalen gehört. Eine Dolmetscherin wurde zum Beispiel in Mogadischu am Unterleib operiert, als das Krankenhaus beschossen wurde. Die Ärzte konnten ihren Bauch noch zunähen, haben aber OP-Utensilien nicht mehr vollständig herausnehmen können. Ihr Mann und ihre zwei Söhne, die auf dem Gang gewartet haben, wurden getötet, sie konnte jedoch gerettet werden. In Addis Abeba wurde sie von einer Hilfsorganisation noch einmal operiert.

Vorwiegend haben wir Durchfallerkrankungen behandelt, aber auch parasitäre Hauterkrankungen oder Kleinkinder mit spastischen Bronchitiden. Diese entstehen, weil die Familien traditionell am offenen Feuer im Zelt kochen. Deshalb hatten wir auch viele Verbrennungen von Kindern zu behandeln. Es gibt auch Fälle von Hypertonie, Diabetes, Tuberkulose oder Malaria. Vor Ort hatten wir zwar keinen Kühlschrank, aber genügend Arzneimittel und Unterstützung, um etwa 92 Prozent der Erkrankungen zu behandeln zu können. So konnten wir mit einfachen Mitteln eine relativ hochwertige Versorgung sicherstellen.

DÄ: Welche Perspektive haben die Flüchtlinge?

Brinkmann: Ich weiß es leider nicht. Auf absehbare Zeit können sie nicht in ihr Heimatland zurückkehren, solange dort der Bürgerkrieg tobt. Doch in Äthiopien können sie auch nicht bleiben. Das Land ist ebenfalls sehr arm und hat kaum Möglichkeiten, die Flüchtlinge langfristig aufzunehmen, zumal die medizinische Versorgung in Äthiopien bereits ohne die Flüchtlinge aus Somalia schlecht ist. © fos/aerzteblatt.de

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