Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Politiker kritisieren inflationäre ADHS-Diagnose

Montag, 13. Februar 2012

dpa

Frankfurt – Gesundheitspolitiker von Union und Grünen beklagen, dass Hunderttausende Kinder aufgrund voreiliger Diagnosen mit Medikamenten angepasst und ruhiggestellt werden. Die Bundestagsabgeordnete Stefanie Vogelsang (CDU) sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.), man dürfe nicht länger wegschauen, wenn das Aufmerksam­keitsdefizit-/Hyper­aktivitäts­störung (ADHS) inflationär zur Erklärung von Schulversagen herangezogen werde.

„Das Streben nach Leistung darf nicht durch Medikamente unterstützt werden“, sagte Vogelsang. An Kinder würden Maßstäbe angelegt, die nicht passten. Mit ADHS werde oft ein „Krankheitsbild zur Schadensbegrenzung“ herangezogen, wenn die Zeit fehle, sich mit unangepassten Kindern zu beschäftigen. Kindern mit diagnostiziertem ADHS wird oft Methylphenidat (MPH) verabreicht, in der Regel in Form des Medikaments Ritalin.

Der gesundheitspolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Jens Spahn, bezeichnete die Entwicklung als „insgesamt bedenklich“. Er forderte, das Thema „in Form eines Expertengesprächs im Gesundheitsausschuss zu diskutieren“. Harald Terpe, Obmann der Grünen im Gesundheitsausschuss des Bundestages, sagte der F.A.S.: „Der enorme Anstieg von MPH-Verordnungen in den vergangenen Jahren lässt sich rein medizinisch nicht erklären.“

Terpe warnte, dass mit der Verschreibung von Ritalin „im Einzelfall auch ein nicht erwünschtes Verhalten wegtherapiert“ werden solle. Die pharmazeutische Industrie unterstütze die Bedürfnisse einer Gesellschaft, in der Kinder unter erheblichem Erwartungsdruck stehen, „indem sie MPH als schnelle und einfache Lösung bewirbt und die erheblichen Risiken verschweigt“.

© kna/aerzteblatt.de

Anzeige
Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Vromi
am Freitag, 24. Februar 2012, 23:21

ADHS ist ein Problem unserer Gesellschaft

Je unklarer ein Krankheitsbild ätiopathologisch ist, desto leidenschaftlicher und emotionaler und manchmal auch unsachlicher wird darum gestritten. Da wird dann auch schon mal (ungerecht) moniert, daß zwei „Autorinnen“ der Sonntagszeitung nicht in der Lage seien, einen gleich guten Artikel zum Thema zu schreiben wie der emeritierte, spezialisierte US-Psychologieprofessor Alan Sroufe.

Wir sollten doch allen Menschen in unserer Gesellschaft dankbar sein, die sich diesem bislang nur unbefriedigend gelösten, komplexen Thema, für das es bislang keine alleingültigen Antworten gibt, ernsthaft zu nähern versuchen. Insbesondere halte ich auch Beiträge aus nichtkinderpsychiatrischen, nichtneuropädiatrischen, nichtkinderpsychologischen Richtungen für wichtig, da sie der Gefahr eines Tunnelblickes wenigstens etwas gegensteuern.

Wir können doch nicht zufrieden sein mit dem derzeitigen Stand der Dinge. Die Gefahr, daß wir uns in bester Überzeugung, gestützt durch zertifizierte Leitlinien, die von in der Materie verwurzelten, sich gegenseitig bestätigenden Tunnelblickspezialisten erstellt wurden, bereits auf dem Weg in eine Sackgasse befinden, ist vermutlich nicht gering.

Die Definition von „Normalität“ geht häufig von der 3. und der 97. Perzentile aus: alles, was zwischen der 3. und 97. Perzentile liegt, gilt als normal (z.B. Körperlänge oder Körpergewicht). Auf der Webseite der „Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder- und Jugendärzte e.V.“ findet man die Angabe „In Deutschland rechnet man im Kindes- und Jugendalter mit einer Häufigkeit von 5% (für das ADHS)“ (http://www.agadhs.de/informationen/haufige-fragen.html). Hier müßten den ADHS-Spezialisten doch eigentlich Zweifel kommen, daß die verwendete Definition von ADHS (oder dessen diagnostische Kriterien) offensichtlich so viele Kinder erfassen, daß diese Zahlen zunehmend den Bereich des Normalen verkleinern. Das ist nicht mehr mit Hinweis darauf zu erklären, daß es schon immer solche Kinder gegeben hätte („Zappelphilipp“). Das kann man auch nicht mehr mit einer „Fehlkonstruktion“ durch den „lieben Gott“ bzw. durch die Evolution bzw. durch die „Gene“ erklären.

Entweder die ADHS-Spezialisten irren sich mit ihrer Definition und den daraus folgenden Zahlen (wer weiß denn eigentlich, wie korrekt die Definitionen / Kriterien in der täglichen Praxis angewendet werden?) oder sie irren sich eben nicht. Dann sind diese Zahlen in der Tat erschreckend, aber nicht zwangsläufig Ausdruck einer immer häufiger werdenden (oder immer besser diagnostizierten) Erkrankung. Vielmehr deuten sie auf ein komplexes, multifaktorielles, für uns bislang nicht wirklich hinreichend durchschaubares gesellschaftliches Problem hin. Um nur einige Stichworte zu nennen: zunehmender „Stress“ im täglichen Leben, besonders im Beruf, Niedergang der herkömmlichen Familie, Eltern haben (in der Regel aus sehr nachvollziehbaren Gründen) kaum noch Zeit für ihre Kinder, daraus resultiert zwangsläufig eine zunehmende Erziehungsinkompetenz, die Kinder werden noch vor Ausbildung emotionaler Stabilität immer häufiger in Kinderkrippen verbracht, zunehmend bereits im Säuglingsalter, auch danach wird die verfügbare Zeit der Eltern für ihre Kindern immer kürzer (Ganztagskindergarten, Ganztagsschule), Medienverwahrlosung, erschwerter Aufbau kindgerechter sozialer Netzwerke („Freunde“), da die Schüler einer Schulklasse heute oft so weit auseinander wohnen, daß sie im verfügbaren Rest des Tages (nach der Schule) allenfalls noch übers Handy korrespondieren können.

Mit anderen Worten: mir sind die ADHS-Spezialisten zu zufrieden mit der von ihnen aufgebauten ADHS-Welt. Bei so viel Rücksichtslosigkeit unseres derzeitigen Gesellschaftssystems gegenüber unseren Kindern und deren Bedürfnissen vermisse ich einen diesbezüglichen Aufschrei. Schwer zu erfassen ist zudem die subtile Arbeit der Pharmaindustrie, die dabei ist, ihr pharmakologisches ADHS-Angebot jenseits des Methylphenidat zunehmend aufzurüsten.
Bruddler
am Donnerstag, 16. Februar 2012, 14:25

Dank an JohannesStreif

Gute fundierte Stellungnahme, die sogenannten Gesundheitspolitiker haben keine Ahnung. Aber vermutlich setzen sie sich vehement für Hööömmopattiiie ein. Gerne auch von der Beihilfe bezahlt. Vor allem haben sie noch nie ein Kind gesehen, das mit richtiger Diagnoe und richtiger Behandlung wieder Spass an der Schule hat und glückliche Eltern.
JohannesStreif
am Mittwoch, 15. Februar 2012, 17:48

Wo die guten Journalisten wohnten

Der Artikel „Wo die wilden Kerle wohnten“ ist polemisch – bereits in der Überschrift, doch nicht nur dort. Er ist verlogen, weil er eine selektive Auswahl an Meinungen als Fakten präsentiert, und dies zudem ohne jede fundierte Recherche. Und er ist dumm, weil er von dem Unsinn, Leon Eisenberg habe die ADHS erfunden, bis zur Robin-Geschichte einmal mehr falsche Angaben mit falschem Mitleid verbindet.

Zwei Autorinnen musste die Sonntagszeitung aufbieten, um mehr oder minder abzuschreiben, was der SPIEGEL-Autor Jörg Blech seit Jahren publiziert, jüngst erneut und ohne Zusammenhang mit dem Titel in der Ausgabe vom 6. Februar „Die gestresste Seele“. Beide Artikel erreichten nicht näherungsweise die Qualität des Kommentars von Alan Sroufe, eines emeritierten US-Psychologieprofessors, in der New York Times. „Ritalin gone wrong“ hatte der am 28. Januar dieses Jahres seine Argumente gegen die Medikation der ADHS überschrieben. Es ist also kein Zufall, dass SPIEGEL und FAZ gerade jetzt wieder einmal über die ADHS schreiben.

Es ist allerdings auch kein Zufall, dass sie die kluge Replik von Judith Warner im „Time Magazine“ unbeachtet ließen, die zurecht fragte: „Is Stigma Back in Style?“ Eine berechtigte Frage: Ist das Stigmatisieren von Eltern heute wieder in Mode wie vor 40 Jahren im Fall der Mütter autistischer Kinder? Denen warfen die Anhänger des niederländischen Ethologen Nicolaas Tinbergen gnadenlos vor, durch ihre emotionale Kälte die Störung ihrer Kinder verursacht zu haben. Was aber ist der Unterschied zwischen der damaligen Schuldzuweisung und dem heutigen Urteil über die Eltern von ADHS-Kindern? Das Bild von Robins Mutter, die ihren kleinen Kerl wild sein lässt, ist die polierte Vorderseite einer einzigen Medaille, die so tut, als sei die Rückseite aller anderen Medaillen eine rücksichtslose Welt voller naiv-ehrgeiziger Eltern und vernachlässigter, abhängiger Kinder!

Vielleicht macht sich der eine und andere deutsche Journalist die Mühe, an Stelle der Halbwahrheiten einer ideologischen Psychiatriekritik im Internet bei Gelegenheit den Artikel „Über eine hyperkinetische Erkrankung im Kindesalter“ der deutschen Ärzte Franz Kramer und Hans Pollnow zu lesen. Erschienen ist diese wissenschaftliche Arbeit bereits 1932 in der Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie. Ein Faksimile-Abdruck des Artikels findet sich im Zentrum der „Wissenschaftsgeschichte der ADHS“ von Aribert Rothenberger und Klaus-Jürgen Neumärker. In Anlehnung an eine bekannte Fernsehwerbung möchte man fragen: Wer hat’s erfunden? Sprechen wir über die vielen sachlichen Fehler im FAZ-Artikel, dann ist diese Frage tatsächlich schwer zu beantworten. Sprechen wir über die ADHS, dann war’s sicherlich nicht Herr Eisenberg.
WillBerlin
am Mittwoch, 15. Februar 2012, 02:28

Erstmalig CDU-Anhänger

Angesichts dessen, dass es bei dem Thema um Auswirkungen unserer gesellschaftlichen Verhältnisse geht, hätte ich nie gedacht, dass solche Statements ausgerechnet von der CDU kommen.
jerry77
am Dienstag, 14. Februar 2012, 13:44

die Realität...

Unsere Gesellschaft hat sich massiv gewandelt, das hat nix mit Doping zu tun.
Diese Kinder gab es früher schon, aber sie hatten andere Bewegungs/ Spielmöglichkeiten, die auf sie einströmenden Reize waren weniger u.v.m.
Mit dem, was die Kinder zum Spielen hatten, wurde experimentiert, dazugebastelt, umgestaltet, repariert....heute wird neu gekauft, zuviel ferngesehen, wenig kommuniziert, Regeln weniger aufgestellt und eingehalten...Aber das ist nicht der einzige Grund, warum wir diese Kinder jetzt so wahrnehmen, die ADHS Kinder aus den 60er und später haben jetzt selbst Kinder...denen sie ihre Gene mitgegeben haben...

Ich kenne keinen Arzt, der so eine Diagnose leichtfertig vergibt, nur um seine Ruhe zu haben, es geht eine umfassende Diagnostik voraus ( die übrigens mit nem Appel und nem Ei bezahlt wird...), die sehr arbeitsintensiv ist. Und ich kenne auch gute Therapeuten, die sich um diese Kinder bemühen, mit Lehrern und Eltern gut zusammenarbeiten. Schicken wir doch mal die Damen und Herren Politiker an die Basis zurück...da wo das Leben wirklich spielt....
drpfau
am Montag, 13. Februar 2012, 19:24

Dope für alle!

Vielleicht hat unsere Gesellschaft verlernt, ihre Probleme ohne dope zu lösen.
Manche Menschen dopen sich mit Leitlinien, das ist stark!
Ich bin dankbar, daß ich nicht auf die dopes auf Krankenschein angewiesen bin und mir ab und zu einen guten Wein leisten kann. Warum soll immer nur die Pharmaindustrie verdienen und nicht manchmal auch unsere guten europäischen Winzer?
borgmann4
am Montag, 13. Februar 2012, 17:58

Ganz einfach

Es gibt bereits sehr gute von Experten erstellte Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von Aufmerksamkeitsstörungen bei Kindern, z.B. http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/028-019.html

Wenn zugleich die Vorgaben des Wirtschaftlichkeitsgebotes in Bezug auf "Zweckmässigkeit" d.h. Wirksamkeit der therapeutischen Interventionen angewandt werden, dann ist eine Behandlung auf jeden Fall effektiv und ethisch vertretbar. Denn am Anfang einer jeden seriösen Intervention steht eine genaue Diagnostik, die eine Umfeldanalyse und das Berücksichtigen von Kontextfaktoren einschließt. Informationen über entsprechende Prozessmodelle, die auch das konkrete Überprüfen und Darstellen von Erfolgen möglich machen, sind schon seit langem entwickelt. In meiner Berufsgruppe sind das z.B. das CPPF und das Nutzen von Zielvereinbarungen nach der SMART-Regel.

Wirksamkeit/Evidenz ließe sich in vielen Bereichen ganz leicht überprüfen. Es gibt dazu zahlreiche Schemata. Man muss sie nur anwenden.

Es scheint diverse Kräfte innerhalb der Gesundheitsindustrie zu geben, denen an nachhaltigen, umfassenden Interventionen nichts liegt. Ein Schelm.....

Angelika Oetken, Ergotherapeutin, Berlin-Köpenick

Nachrichten zum Thema

01.08.17
Bloomington – Medikamente, die zur Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) dienen, reduzieren das Risiko für Substanzmissbrauch bei Betroffenen mit dieser Störung um bis......
20.07.17
Mainz – Die Zahl der Erwachsenen in Rheinland-Pfalz, die Medikamente wegen einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) erhalten, hat stark zugenommen. Das zeigen Auswertungen der AOK,......
13.06.17
Studie: ADHS-Patienten haben seltener einen Führerschein und etwas häufiger Verkehrsunfälle
Philadelphia – Jüngere Erwachsene mit der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) besaßen in einer US-Kohortenstudie seltener einen Führerschein und sie waren laut der Publikation in......
09.03.17
München – Einen neuen Blick auf die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ermöglicht eine Studie des Lehrstuhls für Entrepreneurship der Technischen Universität München (TUM). Danach......
03.03.17
Köln – Wie gut ist es um die medizinische Versorgung von Patienten mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Erwachsenenalter bestellt? Dieser Frage widmen sich zwei Beiträge in der......
14.02.17
Niedriges Geburtsgewicht: Ein Risikofaktor für psychische und soziale Probleme
Washington – Kinder, deren Gewicht bei der Geburt unter 1.000 Gramm liegt, haben nicht nur ein erhöhtes Risiko für physikalische Probleme. Auch die psychische Gesundheit leidet häufiger als bei......
03.01.17
Sport steigert Konzentration bei Kindern mit ADHS
Köln – Körperliche Aktivität kann auch bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) die geistige Leistungsfähigkeit steigern. „Auf die sogenannten exekutiven Funktionen, zu......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige