NewsMedizinAlkohol häufiger ein Problem weiblicher US-Chirurgen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Alkohol häufiger ein Problem weiblicher US-Chirurgen

Dienstag, 21. Februar 2012

fotolia

Seattle – Jeder siebte US-Chirurg hat ein Alkoholproblem. Bei den weiblichen Chirurgen zeigte in einer Umfrage des Berufsverbands in den Archives of Surgery (2012; 147: 168-174) sogar jede Vierte einen problematischen Umgang mit dem Genussmittel. Der Alkoholkonsum war unter anderen mit Behandlungsfehlern korreliert.

Das American College of Surgeons hat alle 25.073 US-Chirurgen, deren E-Mail-Adresse bekannt war und die einer derartigen Verwendung der Kontaktdaten zugestimmt hatten, die AUDIT-C-Fragen gestellt. Es handelt sich im die Kurzform des AUDIT-Fragebogens der Welt­gesund­heits­organi­sation zu Alkoholproblemen.

Anzeige

AUDIT-C beschränkt sich auf die ersten drei Fragen. Sie erkundigen sich nach der Häufigkeit des Alkoholkonsums, der jeweils konsumierten Menge sowie nach der Häufigkeit eines exzessiven Konsums, der einen Rauschzustand erwarten lässt. Nur 7.197 Chirurgen beantworteten die E-Mail. Die Responserate von 28,7 Prozent liegt damit unter der 60-Prozent-Grenze, die eine Verzerrung durch einen Non-Response-Bias ausschließt.

Es ist deshalb möglich, dass Alkoholprobleme häufiger sind, als die Studie vermuten lässt, weil betroffene Chirurgen (aus Angst vor beruflichen Folgen trotz zugesagter Anonymität) sich eher nicht äußern. Oder aber das Problem wird überschätzt, weil Chirurgen mit einem Problem aus persönlicher Betroffenheit eher antworten als Chirurgen ohne Alkoholprobleme, die den Fragebogen aus Desinteresse achtlos in den Papierkorb schieben.

Die Punktprävalenz, die Michael Oreskovich von der University of Washington in Seattle ermittelt hat, ist beachtlich (auch wenn sie nicht höher liege als beim Rest der Bevölkerung): 13,9 Prozent der männlichen Chirurgen erzielten 5 oder mehr Punkte auf dem AUDIT-C-Score, was (mit hoher Zuverlässigkeit) Alkoholmissbrauch und Abhängigkeit anzeigt. Unter den weiblichen Chirurgen hatten sogar 25,6 Prozent ein ernstes Alkoholproblem – wobei diese Einstufung allerdings schon ab 4 Punkten im AUDIT-C-Score erfolgt.

Der Alkoholkonsum war nicht das einzige Thema, nach dem sich das American College of Surgeons bei seinen Mitgliedern erkundigte. Insgesamt wurden 70 Fragen gestellt und als Ziel der Umfrage wurde die allgemeine Zufriedenheit mit dem Beruf genannt. Dies ermöglichte es Oreskovich, den Alkoholkonsum mit anderen Faktoren in Beziehung zu setzen – mit weiteren überraschenden Ergebnissen.

Die höchste Odds Ratio (OR), sprich Alkoholgefährdung wurde für Chirurgen mit festem Lebenspartner (OR 2,29) gefunden, es folgten positive Ergebnisse im Screening-Test auf Depressionen (OR 1,48) und ein Burnout-Syndrom (OR 1,25). Für zwei Kernsymptome des Burnouts, die emotionale Erschöpfung und die Depersonalisierung, wurde eine dosisabhängige Wirkung zur Häufigkeit des Alkoholkonsums gefunden. Aus Sicht der Patientensicherheit interessant ist sicherlich die positive Assoziation mit der Antwort auf die persönliche Frage nach schweren Behandlungsfehlern in den letzten 3 Monaten (OR 1,45).

Auch die „protektiven“ Faktoren sind teilweise überraschend. Neben höherem Alter (OR 0,99) und Kindern (OR 0,77) scheinen auch Überstunden (OR 0,99), häufige Nachtschichten (OR 0,94) die Chirurgen von einem problematischen Alkoholkonsum abzuhalten. Auch Chirurgen im Angestelltenverhältnis (OR 0,71) oder Beschäftigte der staatlichen Veteranenbehörde (OR 0,46) scheinen eher gegen einen Alkoholkonsum gefeit zu sein – soweit dies aus einer Querschnittsstudie geschlossen werden kann. Ihre Aussagekraft ist geringer als bei einer Beobachtungsstudie, die den Einfluss eines Risikofaktors über einen längeren Zeitraum darstellt.

Insgesamt muss der Editorialist John Fromson vom Massachusetts General Hospital in Boston jedoch feststellen, dass Chirurgen nicht immun gegen Alkoholprobleme sind. Und der größte Fehler dürfte darin bestehen, das Problem zu tabuisieren: Scham und Stigma könnten die Betroffenen davon abhalten, rechtzeitig Hilfe in Anspruch zu nehmen. © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #98372
Thelber
am Mittwoch, 22. Februar 2012, 21:26

Tja, es menschelt halt - bei uns Ärzten auch !!

Sprich: Auch unter den Ärzten gibt es welche mit Alkohol- oder anderen Drogenproblemen, ebenso wie in der Allgemeinbevölkerung.
LNS

Nachrichten zum Thema

3. Dezember 2019
Paris – In Frankreich soll es einen „Monat ohne Alkohol“ geben. Rund 20 Gesundheitsverbände riefen heute zu einem „trockenen Januar“ auf. Die Franzosen sollten nach dem intensiven Spirituosen-Konsum
„Monat ohne Alkohol“ in Frankreich geplant
27. November 2019
London – Das Narkotikum Ketamin, das wegen seiner halluzinogenen Wirkung als Partydroge beliebt ist und in den USA in „Ketamin Clinics“ zur Behandlung von refraktären Depressionen eingesetzt wird,
Einzelne Ketamin-Infusion senkt problematischen Alkoholkonsum
19. November 2019
Berlin – Über die Folgen von zu viel Alkohol muss nach Ansicht der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) mehr aufgeklärt werden. „Zurücklehnen können wir uns bei Alkoholprävention
Mehr Anstrengungen für Alkoholverzicht notwendig
1. November 2019
Stuttgart – Das Trinken von Alkohol bei der Arbeit ist offenbar weit verbreitet. Das signalisiert eine Umfrage des Instituts Forsa im Auftrag der DEKRA. Danach kennt jeder Dritte Kollegen, die während
Alkoholkonsum bei der Arbeit laut Umfrage weit verbreitet
1. Oktober 2019
Moskau – Russland macht nach einer neuen Studie der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) Fortschritte im Kampf gegen den Alkohol. Der Konsum sei von 2003 bis 2016 um 43 Prozent zurückgegangen, teilte die
Russland macht Fortschritte im Kampf gegen Alkohol
23. September 2019
Frankfurt am Main – Ein Nahrungsergänzungsmittel darf nicht als Behandlungsmittel oder zur Vorbeugung eines Alkoholkaters beworben werden. Das hat das Oberlandesgericht Frankfurt (OLG) in einem heute
Nahrungsergänzungsmittel darf nicht mit „Kater“-Heilung beworben werden
9. September 2019
München/Köln – Alkoholkonsum in der Schwangerschaft ist die häufigste Ursache für nicht genetisch bedingte, frühkindliche Fehlbildungen. Eine neue Petition macht sich für ein Warnlogo für Schwangere
VG WortLNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER