Medizin

Erbliches Risiko der Drogensucht

Dienstag, 6. März 2012

Richmond – Adoptierte Kinder entwickeln doppelt so häufig eine Drogensucht, wenn ihre leiblichen Eltern ebenfalls drogensüchtig waren. Dies ergab eine Studie aus Schweden in den Archives of General Psychiatry (2012; doi: 10.1001/archgenpsychiatry.2011.2112).

Die familiäre Häufung von Drogen- und Alkoholproblemen ist seit längerem bekannt. Auch Zwillingsstudien weisen regelmäßig auf eine genetische Prädisposition hin, können sie aber streng genommen nicht beweisen. Denn Zwillinge teilen neben den Genen auch das familiäre Umfeld, das zweifelsohne ein wichtiger Einflussfaktor ist.

Adoptionsstudien können besser zwischen Genen und Umwelt unterscheiden, da die Kinder getrennt von ihren leiblichen Eltern aufwachsen. In Schweden werden viele Kinder bereits nach der Geburt zu Adoption freigegeben. Etwa 70 Prozent der Kinder, deren Daten Kenneth Kendler von der Virginia Commonwealth University in Richmond jetzt ausgewertet hat, waren vor dem 5. Lebensjahr von den Adoptiveltern aufgenommen worden. Der genaue Zeitpunkt war dem Forscherteam nicht bekannt. Ihre Angaben beruhen auf den alle 5 Jahre stattfindenden Volkserhebungen.

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Ansonsten bietet Schweden gute Voraussetzungen für epidemiologische Studien. Alle Einwohner haben, wie in allen skandinavischen Länder, eine zentrale Identifikationsnummer, an der sie Kendler in sieben landesweiten Registern ausfindig machen konnte: vom Krankenhausregister, das Aussagen über die Entlassungsdiagnosen speichert, über ein Register aller im Land verordneten Medikamente, dem Multi-Generation Register, über das Verwandtschaftsbeziehungen ermittelt werden können, bis hin zum Strafregister des Landes.

Auf der Basis von 18.115 Adoptionen in den Jahren 1950 bis 1993 ermittelt Kendler folgende Zahlen: Adoptierte Kinder (heute im Durchschnitt 46 Jahre alt) waren zu 4,5 Prozent durch den Drogenmissbrauch aufgefallen, wenn ihre leiblichen Eltern ebenfalls Drogenprobleme hatten. Die Prävalenz des Drogenmissbrauchs in Schweden lag bei den gleichen Geburtsjahrgängen ansonsten bei 2,9 Prozent (nach einer Definition von Drogenmissbrauch, die weiter gefasst ist, als in den psychiatrischen Manualen).

Nach den Berechnungen von Kendler haben Kinder von drogenabhängigen Eltern ein zweifach erhöhtes Risiko, eine Drogensucht zu entwickeln: Odds Ratio von 2,09 (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,66-2,62). Für die Vollgeschwister eines drogenabhängigen Kindes beträgt die Odds Ratio 1,84 (1,28-2,64), für Halbgeschwister 1,41 (1,19-1,67). Das Risiko ist laut Kendler nicht auf negative Einflüsse eines Drogenkonsums der Mutter während der Schwangerschaft zurückzuführen: Die Odds Ratio war bei der Drogensucht des leiblichen Vaters höher als bei einer Drogensucht der leiblichen Mutter.

Die Studie zeigt aber auch, dass Umweltfaktoren bei den Adoptiveltern eine Rolle spielen: Dazu gehören eine Trennung der Adoptiveltern (oder der Tod eines Partners), Alkoholprobleme, Hospitalisierungen (als Marker für schwere Erkrankungen) sowie ein kriminelles Verhalten der Adoptiveltern. Interessanterweise war der negative Einfluss der Adoptivgeschwister bei der Drogensucht höher als der Einfluss der Adoptiveltern.

Kendler kann sogar Wechselwirkungen zwischen Genen und Umwelt nachweisen: Adoptierte Kinder mit einem hohen genetischen Risiko waren anfälliger für eine pathogene Umgebung in der Adoptivfamilie als Kinder ohne genetisches Risiko.

Wie immer bei epidemiologischen Studien gibt es Einschränkungen: Kendler betont, dass es sich um eine reine Datenbankanalyse handelt. Keines der adoptierten Kinder oder deren Familien wurden zum Zweck der Studie aufgesucht. Wichtig ist auch der Einwand eines Selektions-Bias: Familien mit einem höheren Bildungshintergrund erhalten häufiger Kinder von Eltern mit höherem Bildungshintergrund zugesprochen. Kinder mit einem vermeintlich erhöhten genetischen Risiko könnten deshalb häufiger in Problemfamilien untergebracht werden.

Sollte ein erbliches Risiko bestehen, so ist dies sicherlich nicht die Folge des Drogenkonsums, in dem Sinne, dass die Drogen das Erbgut schädigen. Wahrscheinlicher ist, dass sich Konstellationen, beispielsweise im Stoffwechsel der Neurotransmitter, vererben, die mit einer erhöhten Neigung zum Drogenkonsum einhergehen. © rme/aerzteblatt.de

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