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Politik

Rürup: Keine Zukunft für den Gesundheitsfonds

Mittwoch, 14. März 2012

Bert Rürup /dpa

Köln – Der frühere Vorsitzende der „Fünf Wirtschaftsweisen“, Bert Rürup, geht davon aus, dass die Krankenkassen ihre Beitragssätze nach der Bundestagswahl 2014 wieder selbst festlegen dürfen: „Wenn die Kassen aus Wettbewerbsgründen keine Zusatzbeiträge erheben wollen, und zugleich auch nicht bereit sind, ihre aktuellen Überschüsse als Prämien an die Mitglieder auszuschütten, dann ist das Konzept des Gesundheitsfonds nicht sinnvoll“, sagte Rürup heute zur Eröffnung des Gesundheitskongresses des Westens in Köln.

Die Steuermittel zur Finanzierung der versicherungsfremden Leistungen, die derzeit in den Gesundheitsfonds fließen, müssten dann über den morbiditätsorientierten Risikostruktur­ausgleich an die Krankenkassen verteilt werden.

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Auch der dualistischen Krankenhausfinanzierung, in der die Bundesländer die Krankenhaus­investitionen tragen sollen, prognostiziert der langjährige Regierungsberater keine lange Zukunft mehr: „Spätestens, wenn die Schuldenbremse für die Bundesländer im Jahr 2020 scharf geschaltet wird, scheitert auch die Dualistik.“ Die Länder seien schon heute kaum noch in der Lage beziehungsweise bereit, ihren gesetzlichen Pflichten nachzukommen.

Der heutige Vorstand der MaschmeyerRürup AG präsentierte auch Zahlen einer aktuellen Studie, die Price Waterhouse Coopers gemeinsam mit dem WIFOR Institut erstellt hat. Diese projiziert die heutigen Behandlungsformen auf den sich als Folge des demografischen Wandels ändernden Bedarfs an medizinischen Leistungen und versucht so den zukünftigen Personal­bedarf im deutschen Gesundheitssystem zu ermitteln.

Rürup stellte fest: „Akzeptiert man die methodischen Annahmen, dann benötigen wir gemäß der Studie bis 2030 bundesweit 165.000 Ärztinnen und Ärzte und 790.000 Fachkräfte im nicht ärztlichen Bereich zusätzlich.“ Damit es nicht ganz so schlimm kommt, regte der Ökonom vier Maßnahmen an:

Erstens sei die Abwanderung von Ärzten und Fachkräften zu stoppen. Zweitens müsse in den Schulen vermehrt für eine berufliche Tätigkeit im Gesundheitswesen geworben werden. Drittens seien die Arbeitsplätze so zu gestalten, dass sie mehr den Bedürfnissen von Eltern entsprechen. Und viertens spielten auch finanzielle Aspekte eine wichtige Rolle; so entwickle beispielsweise das Angebot einer betrieblichen Altersvorsore ein hohes Bindungspotenzial bei den Mitarbeitern.

Andreas Tecklenburg, Vorstand für die Krankenversorgung an der Medizinischen Hochschule Hannover, verwies darauf, dass die Krankenhäuser im jetzigen System nur eine Überlebens­chance haben: „Sie müssen in die Menge gehen.“ In der Folge beklagten die Patienten, dass sie den Arzt kaum noch zu Gesicht bekämen, und die Ärzte beklagten, dass sie kaum noch Kontakt zum Patienten hätten.

Tecklenburg: „Wenn aber das Verhältnis zum Patienten wegfällt, verliert der Arzt einen zentralen Baustein seines Berufes. Denn dafür hat er schließlich Medizin studiert.“

„Heute werden aus motivierten Assistenzärzten nach kurzer Zeit frustrierte“, ergänzte Marion Haubitz, Direktorin der Medizinischen Klinik III (Nephrologie) am Klinikum Fulda. Die jetzige Situation, in der die Vorgaben für die Fallzahlen der Abteilung immer weiter in die Höhe getrieben würden, sei unerträglich. Haubitz: „Wir nehmen den jungen Ärzten die Freude am ärztlichen Beruf.“ Dies könne sich die Gesellschaft nicht mehr lange leisten. 

Um dem Ärztemangel zu begegnen, sei es darüber hinaus zwingend geboten, auf die Zunahme an Frauen in den medizinischen Berufen zu reagieren: „Wenn sie kluge Frauen in den Gesundheitsunternehmen behalten wollen, dann darf das nicht das Aus für die private Karriere bedeuten“, betonte sie und forderte clevere Arbeitszeitmodelle und Mentorinnen für Wiedereinsteigerinnen. Zudem solle es wie in den USA auch noch mit 45 möglich sein, Chefärztin oder Professorin zu werden. © JF/aerzteblatt.de

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