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KBV: Einnahmen durch gesetzlich Krankenversicherte sind zu niedrig

Freitag, 16. März 2012

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Berlin – 3,5 Milliarden Euro ­– so hoch ist mittlerweile der Nachholbedarf beim Honorar für die Vertragsärzte und –psychotherapeuten gegenüber dem Jahr 2008. Das lässt sich aus einer aktuellen Analyse des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (ZI) schließen, wie der Vorstandsvorsitzende von ZI und Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV), Andreas Köhler, am Freitag erläuterte. Anlass war die Veröffentlichung des ZI-Praxis-Panel (ZIPP), in dem wirtschaftliche Situation und Rahmenbedingungen der vertragsärztlichen Versorgung der Jahre 2006 bis 2008 analysiert werden. Basis sind Befragungen von Arztpraxen.

Köhler verwies darauf, dass 2008 im Bewertungsausschuss zwischen KBV und GKV-Spitzenverband ein Betrag von rund 105.000 Euro als angemessener Praxisüberschuss pro Jahr festgelegt wurde. Als Bezug diente damals ein durchschnittliches Gehalt eines Oberarztes im Krankenhaus.

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Diesen Überschuss sollte ein Praxisinhaber im Durchschnitt bei einer Wochenarbeitszeit von 52 Stunden mit der Versorgung von Patienten der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) erzielen können. Mit dem Praxis-Panel lasse sich zeigen, dass der GKV-Überschuss 2008 jedoch nur bei rund 92.000 Euro gelegen habe, erklärte Köhler.

Nettoeinkommen 5.000 Euro, Stundensatz 26 EuroDass der gesamte Jahresüberschuss je Praxisinhaber bei etwa 123.000 Euro lag, ist darauf zurückzuführen, dass etwa ein Viertel der Praxiseinnahmen nicht aus der GKV stammen, sondern aus privatärztlicher (knapp 19 Prozent) und sonstiger Tätigkeit (3,5 Prozent). Unter dem Strich, so die ZI-Analyse, kam ein Praxisinhaber 2008 nach Abzug von Altersvorsorge, Kranken- und Pflegeversicherung und Einkommensteuer auf ein monatliches Nettoeinkommen von rund 5.000 Euro. Dies entspricht – eine Wochenarbeitszeit von durchschnittlich 52 Stunden und sechs Wochen Urlaub angesetzt – einem Nettostundensatz von 26 Euro. Die Ergebnisse variieren jedoch stark zwischen Fachgruppen und Praxisformen.

Zu den überraschenden Ergebnissen der Auswertungen zählt, dass die Kosten in Gemeinschaftspraxen höher sind als in Einzelpraxen. Allerdings erzielten erstere auch einen höheren Umsatz. Während der gesamte Jahresüberschuss in Einzelpraxen 2008 bei 113.500 Euro lag, betrug er bei Gemeinschaftspraxen etwa 138.000 Euro je Inhaber. Die Gründe: Gemeinschaftspraxen beschäftigen tendenziell mehr Personal und investieren in größerem Umfang, stellen sich teilweise aber auch so auf, dass sie mehr Umsatz erwirtschaften als Kollegen in Einzelpraxen.

Interessant ist zudem, dass der GKV-Anteil an den Gesamteinnahmen in den Praxen zwischen 2006 und 2008 zwar leicht rückläufig war. Absolut stieg er aber um rund 14.000 Euro je Praxisinhaber. Ein weiteres Detail: Im Durchschnitt arbeiten Vertragsärzte und –psychotherapeuten 52 Wochenstunden.

Rund drei Viertel ihrer Arbeitszeit ist patientenbezogen, ein Viertel wird für patientenferne Tätigkeiten und Praxismanagement eingesetzt. Zwei Drittel der Befragten sind mit ihrem Arbeitsumfang unzufrieden, wobei die angegebene Wochenarbeitszeit in einigen Facharztgruppen erheblich vom Durchschnitt abweicht. Dies gilt mit durchschnittlich 53 Wochenarbeitsstunden allerdings nicht für die Allgemeinmediziner.

Investitionen sind um ein Drittel gesunken
Unter dem Strich schließt das ZI aus seiner Erhebung, dass ein deutlicher Nachholbedarf bei der Vergütung der vertragsärztlichen Leistungen besteht. Dies wird vor allem damit begründet, dass die Betriebskosten zwischen 2006 und 2008 um gut drei Prozent gestiegen sind und die Investitionen in diesem Zeitraum um rund ein Drittel gesunken. In 23 von 28 erfassten Fachgebieten arbeiten die Ärztinnen und Ärzte zudem mehr als die für die Kalkulationen zugrunde gelegten 52 Wochenstunden.

KBV-Vorstand Köhler kündigte unter anderem an, die Lücke zwischen dem 2008 als angemessen festgesetzten Praxisüberschuss pro Jahr (105.000 Euro) und dem tatsächlich mit GKV-Versicherten erzielten Überschuss (92.000 Euro) zum Thema zu machen, wenn die KBV für 2013 über die Weiterentwicklung der vertrags­ärztlichen Honorare mit den Krankenkassen verhandele. Denn den gesetzlichen Vorgaben zufolge muss die Entwicklung der Investitions- und Betriebskosten eine Rolle spielen.

Mit dem ZIPP, so der KBV-Vorstands­vor­sitzende, könne man „ein zuverlässiges und realistisches Bild der Kostenentwicklung und der wirtschaftlichen Situation in den Vertragsarztpraxen darstellen“. Die Ergebnisse könne die KBV in die Beratungen des Bewertungsausschusses einbringen, wenn es um die Anpassung des Orientierungswerts gehe, der Basis für die Vergütung nach dem Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) ist, sowie in die Diskussion um die Weiterentwicklung der EBM-Leistungsbewertungen. Zudem könnten die Kassenärztlichen Vereinigungen Einzelheiten zu Kostenstruktur und wirtschaftlicher Lage von Praxen für ihre regionalen Verhandlungen nutzen.

Köhler räumte ein, dass zwar noch keine ZIPP-Daten für die Jahre nach 2008 vorlägen. Doch für 2006 bis 2008 seien die Kosten für die Praxen gestiegen, besonders stark für Energie, Personal und Fortbildung. Eine Anpassung des Orientierungswerts müsse diese Entwicklung berücksichtigen, forderte Köhler.

Berücksichtige man die Steigerung bei den Betriebskosten seit 2009, ergebe sich eine Veränderungsrate von 5,5 Prozentpunkten. Daraus würde sich ein neuer Orientierungswert von 3,605 Cent errechnen. Dies entspreche einem Honorarplus von rund 900 Millionen Euro, so Köhler. Würde der Bewertungsausschuss den Vertragsärzten und –psychotherapeuten noch eine fünfprozentige Zuwachsrate zubilligen für notwendige Investitionen, kämen weitere 800 Millionen Euro hinzu. Über diese rund 1,7 Milliarden Euro hinaus will Köhler weitere 1,8 Milliarden Euro fordern, die sich aus dem gestiegenen Versorgungsbedarf für immer mehr ältere und kränkere Patienten ergeben. Zusammen sind dies 3,5 Milliarden Euro.

7.000 Praxen als Ziel für weitere Analysen
Das ZI-Praxis-Panel beruht auf anonymisierten Befragungsergebnissen aus rund 4.200 Praxen für die Jahre 2006 bis 2008. Grundlage ist die steuerliche Überschussrechnung. Nahezu alle Praxen haben ihre betriebswirtschaftlichen Angaben durch Steuerberater testieren lassen. Auf Grundlage der Daten lassen sich Unterschiede zwischen den Fachgruppen, aber auch zwischen Praxen auf dem Land und in der Stadt belegen, wie das Panel umfangreich ausweist.

ZI-Geschäftsführer Dominik von Stillfried verhehlte aber nicht, dass er zukünftig gern rund 7.000 Praxen analysieren würde, um in allen Fachgruppen aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten. Mit Hilfe komplexer statistischer Verfahren ist es dem ZI zwar gelungen, zuverlässige Aussagen zu Einnahmen, Aufwendungen und Überschüssen in den Praxen zu treffen.

Die vorhandenen Praxisdaten sind allerdings nicht alle vollständig, was offen ausgewiesen wird. Nicht jeder Arzt und Psychologische Psychotherapeut hat die Fragen zu seinen Arbeitszeiten und Abwesenheiten, zum Anteil von GKV-und Privatpatienten oder zu Investitionen komplett beantwortet. Zudem haben sich vor allem Vertragsärzte und –psychotherapeuten beteiligt, deren Gruppe oder Region eher unzufrieden mit den Ergebnissen der letzten großen Honorarreform war. © Rie/aerzteblatt.de

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Avatar #99513
Patientensorge
am Sonntag, 18. März 2012, 22:50

Arzt-Kasse-Patient: das Einkommen der anderen macht's

Man müßte sich wohl sicher nicht als IgeL-Handelsvertreter verdingen, wenn die GKV durch einen vernünftigen Beitrag aufgrund vernünftiger Einkommen auf gesündere Füße gestellt werden würden. Das ist zumindest ein gravierender Punkt des heutigen Finanzierungsproblems im Gesundheitswesen.

Geiz ist eben nicht geil - schon gar nicht wenn man davon leben will.
Avatar #99427
pituswf
am Sonntag, 18. März 2012, 04:04

Ich kann nicht mehr von Kassenpatienten leben

Hätte ich keine IgeL- und Privatpatienten, müsste ich Insolvenz anmelden. Bei den Honorarbegrenzungen macht die Arbeit nur noch Frust. Die Kosten steigen, die Regresse quälen, meine Kinder denken nicht daran, Medizin zu studieren (bei dem Stress mit den Kassen), die Verwaltungstätigkeit nimmt ständig zu und der eigentliche Auftrag verschiebt sich in den Hintergrund. Die Milliarden-Überschüsse sollten für die Patientenversorgung eingesetzt werden, nicht für fachfremde Bereiche. Manche heiligen Kühe müssen geschlachtet werden, um wieder eine vernünftige Medizin betreiben zu können.
LNS

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