NewsMedizinKnochenmark­transplantation lindert Rett-Syndrom bei Mäusen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Knochenmark­transplantation lindert Rett-Syndrom bei Mäusen

Montag, 19. März 2012

Charlottesville – US-Forscher haben bei Mäusen das Rett-Syndrom gelindert, indem sie die Mikroglia im Gehirn zerstört und durch Stammzellen nach einer Knochenmarktransplantation ersetzt haben. Ihr Bericht in Nature (2012; doi: 10.1038/nature10907) bietet neue Einblicke in die Pathogenese der X-chromosomalen Erkrankung. Für klinische Studien beim Menschen ist es nach Einschätzung von Experten derzeit noch zu früh.

Das erst 1966 von dem österreichischen Pädiater Andreas Rett beschriebene Syndrom führt bei den erkrankten Mädchen etwa ab dem siebten Lebensmonat bis zweiten Lebensjahr zu einem Entwicklungsstillstand. Die Mädchen verlieren bereits erlernte Sprachfähigkeit, sie entwickeln autistische Symptome. Die Entwicklungsstörung des Gehirns, Mikrozephalie, geht mit Epilepsie, Ataxien, Tremor und anderen neurologischen Störungen einher. Auffällig sind stereotype Handbewegungen (die zur Erstbeschreibung führten). Auch Atemstörungen und Verdauungsprobleme gehören zum Rett-Syndrom, dessen Prävalenz auf 1:10.000 bis 1:15.000 geschätzt wird.

Die Ursache wurde 1998 von US-Forschern entdeckt: Der auslösende Defekt befindet sich im Mecp2-Gen auf dem X-Chromosom. Für Jungen sind die Auswirkungen fatal. Sie sterben in den ersten Lebensjahren, Mädchen überleben, so lange eines der beiden Allele korrekt arbeitet. Die genaue Aufgabe des „methyl-CpG binding protein 2“ ist jedoch unbekannt. Vor 5 Jahren konnte Adrian Bird von der Universität Edinburgh zeigen, das seine Wiederherstellung bei Mäusen die Symptome lindert. Die Beobachtung basierte auf genetischen Manipulationen, die nicht in eine Gentherapie beim Menschen umsetzbar sind.

Anzeige

Lange Zeit gingen die Forscher davon aus, dass die Mutationen im Mecp2-Gen vor allem die Nervenzellen schädigen. Seit einiger Zeit richtet sich die Aufmerksamkeit der Forscher auf die Gliazellen. Sie bilden nicht nur das Stützgewebe im Gehirn. Einige Zellen sind Bestandteil des Immunsystems. Dazu gehört die Mikroglia, die die Aufgabe des Makrophagen übernimmt und als solche für die Beseitigung von abgestorbenen Zellen und anderem „Abfall“ verantwortlich sind.

Als Bestandteil des Immunsystems kann die Mikroglia durch Stammzellen aus dem Knochenmark ersetzt werden. Dies eröffnet die Möglichkeit einer Knochenmarktransplantation, wie sie bei Leukämien seit längerem eingesetzt wird. Noël Derecki und Jonathan Kipnis von der Universität of Virginia in Charlottesville haben bei erkrankten Mäusen das Immunsystem, einschließlich der Gliazellen im Gehirn durch eine Ganzkörperbestrahlung vernichtet.

Im zweiten Schritt infundierten sie den Tieren Knochenmarkzellen von nicht erkrankten Tieren. Die Erkrankung wurde dadurch zwar nicht ausgeheilt. Einmal zerstörte Funktionen des Gehirns lassen sich nicht ersetzen. Der Verlauf der Erkrankung wurde jedoch deutlich abgeschwächt und die Lebensphase der Tiere war verlängert. Die Forscher führten die Experimente zunächst an männlichen Tieren durch, da die Ausprägung des Rett-Syndroms bei den weiblichen Mäusen schwach ausgeprägt ist. Später konnten sie zeigen, dass die Knochenmarktransplantation auch bei weiblichen Tieren das Rett-Syndrom abschwächt.

In einem weiteren Experiment verzichteten die Forscher auf eine Bestrahlung des Gehirns. Die Gliazellen blieben also erhalten und sie wurden nach der anschließenden Knochenmark­transplantation auch nicht ersetzt. Das Rett-Syndrom bei den Tieren wurde nicht merklich abgeschwächt. Die Wirkung der Knochenmarktransplantation ließ sich auch durch die gezielte An- und Ausschaltung des Mecp2-Genprodukts in den Knochenmarkzellen beeinflussen.

Die Experimente bestätigen damit, dass die Mikroglia für die Pathogenese der Erkrankung von großer Bedeutung ist. Klinische Studien beim Menschen, die im Prinzip möglich wären, sind zum derzeitigen Zeitpunkt allerdings nicht geplant. Die von Nature und Science befragten Experten, darunter Frauke Zipp von der Universität Mainz, rieten zur Zurückhaltung, da die aggressive Ausschaltung des Immunsystems vor der Knochenmarktransplantation für die Kinder lebensgefährlich ist.

Da das Rett-Syndrom anders als Leukämien und Malignome nicht innerhalb weniger Jahre tödlich verläuft, sind die ethischen Hürden beim Rett-Syndrom höher, zumal keineswegs sicher ist, dass sich bei Kindern mit Rett-Syndrom ähnlich gute Ergebnisse erzielen lassen wie in den Tierexperimenten. Zipp schloss derartige Therapieversuche gegenüber Nature aber nicht aus, falls die Ergebnisse von Derecki und Kipnis in weiteren Experimenten bestätigt werden sollten.

Der Rett Syndrome Research Trust, eine US-amerikanische Selbsthilfegruppe aus Trumbull/Connecticut will von einem Mädchen mit Rett-Syndrom erfahren haben, dass an einer Leukämie erkrankt war. Nach der Behandlung mit der Leukämie mit einer Knochenmark­transplantation hätten sich die Symptome des Rett-Syndroms deutlich gebessert. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS
NEWSLETTER