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Medizin

Depression: Elektrokrampft­herapie sprengt „Hyperkonnektivität“ im Gehirn

Dienstag, 20. März 2012

Aberdeen – Die Elektrokrampftherapie, die wohl am meisten umstrittene, gleichzeitig aber eine sehr wirksame Therapie der Depression, vermindert die „Hyperkonnektivität“ in Hirnregionen, die mit der affektiven Störung in Verbindung gebracht wird. Dies berichten Hirnforscher aus Schottland in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS 2012; doi: 10.1073/pnas.1117206109).

Die Elektrokrampftherapie (EKT) wurde in den 1930er Jahren in Ungarn und Italien entwickelt. Sie gehört zu den ältesten und wirksamsten Therapien von Depressionen, geriet in den 70er Jahren aber in das Visier der Antipsychiatriebewegung. Exemplarisch zeigt dies die Rezeption des Filmdramas „Einer flog über das Kuckucksnest“, wo die Elektroschocks jedoch zu einer nicht-medizinischen und in ihrer Wirkung zweifelhaften Indikation (Bestrafen rebellischer Gefangener) eingesetzt wurde.

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Auch bei Psychiatern ist die EKT heute außer Mode geraten, seit Antidepressiva eine medikamentöse Therapie ermöglichen, deren Wirksamkeit allerdings begrenzt ist. In therapierefraktären Situationen ist die EKT deshalb immer noch eine letzte therapeutische Option, auf die in Großbritannien häufiger als hierzulande zurückgegriffen wird. Das Scottish ECT Accreditation Network nennt für 2010 insgesamt 4.282 Behandlungen.

Ian Reid von der Universität Aberdeen führt die Unbeliebtheit der EKT darauf zurück, dass die genaue Wirkungsweise der Behandlung nicht bekannt ist. Das Wirkprinzip der EKT – die Auslösung eines epileptischen Anfalls durch Verabreichung von elektrischem Strom am Schädel – legt für Reid die Vermutung nahe, dass die EKT sich auf die „Verdrahtung“ der einzelnen Neurone auswirken könnte. Die Verknüpfung der einzelnen Zellen auf mikroskopischer Ebene lässt sich derzeit zwar nicht untersuchen. Aus den Ergebnissen der funktionellen Kernspintomografie sind jedoch Rückschlüsse auf die globale „Konnektivität“ der einzelnen Hirnareale möglich.

Nach einer relativ neuen „Hyperkonnektivitäts-Hypothese“ bestehen bei Patienten mit schweren Depressionen innerhalb der Cortex und auch zwischen Cortex und limbischen System verstärkte Verbindungen, die wichtigen Aspekten depressiver Erkrankungen erklären könnten, wie Reid vermutet. Der Forscher hat jetzt untersucht, ob die EKT einen Einfluss auf die Konnektivität hat.

Sein Team führte bei Patienten mit schwerer Depression vor und nach einer EKT funktionelle Kernspintomographien (fMRI) durch. Die fMRI misst anhand der unterschiedlichen magnetischen Eigenschaften von oxygeniertem und desoxygeniertem Blut die Änderung der Hirnaktivität, während die Probanden eine leichte Denkaufgabe lösen.

Mit einem mathematischen Algorithmus, der laut Reid das Ausmaß der Kommunikation zwischen mehr als 25.000 Hirnregionen (gemeint sind wohl die Voxel der Hirnscans) auswertet, ließen die Forscher die „funktionelle Konnektivität“ berechnen und wie bei der fMRI farbig auf die Hirnschnitte der Kernspintomographie projizieren.

Der Vergleich der fMRI-Ergebnisse vor und nach der EKT zeigt nun, dass die „funktionelle Konnektivität“ sich durch die Behandlung vermindert hat. Die Effekte wurden im der dorsolateralen präfrontalen Region (Brodmann-Areale 44, 45 und 46) beobachtet. Der Rückgang der Konnektivität in diesen Regionen war mit einer deutlichen Besserung der depressiven Symptome assoziiert, die bei den neun Patienten erwartungsgemäß beobachtet wurde.

Laut Reid stützen die Ergebnisse die „Hyperkonnektivitäts-Hypothese“. Ein Beweis lässt sich aus der Assoziation der beiden Phänomene jedoch nicht ableiten. Reid wird die Patienten deshalb weiter beobachten, um zu sehen, ob ein erneutes Auftreten der Depression mit einer wieder gesteigerten Hyperkonnektivität verbunden ist. Die Studie könnte seiner Ansicht nach auch die Suche nach Alternativen zur EKT stimulieren.

Die Therapie ist zwar äußerst effektiv – etwa 75 bis 85 Prozent der Patienten erholen sich von den Symptomen – sie ist aber nicht ohne Nebenwirkungen. Mit der „Konnektivität“ gehen bei einigen Patienten auch Gedächtnisinhalte verloren, was, so hofft Reid, bei künftigen Therapien vielleicht vermieden werden könnte. © rme/aerzteblatt.de

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