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Medizin

EKG-Screening bei älteren Menschen von begrenztem Wert

Mittwoch, 11. April 2012

Lausanne – Veränderungen im Ruhe-EKG zeigen bei älteren ansonsten gesunden Menschen ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko an. Der Informationsgewinn zum Framingham-Score war in einer prospektiven Studie im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2012; 307: 1497-1505) jedoch gering.

In der Akut-Diagnostik kardialer Erkrankungen ist das Ruhe-EKG ein unverzichtbares Instrument geblieben. Seine Bedeutung zum Screening gesunder Menschen wird jedoch heute gering eingestuft. Die American Academy of Family Physicians, die American Heart Association und das U.S. Preventive Services Task Force halten die früher übliche jährliche EKG-Untersuchung bei klinisch unauffälligen Menschen ohne erkennbare kardiale Risiken für entbehrlich. Dabei finden sich im Ruhe-EKG vor allem bei älteren Menschen häufig Hinweise auf kardiale Störungen. Sie reichen von leichten ST-Streckenveränderungen (minor risk) bis hin zu QRS-Veränderungen, Linksherzhypertrophiezeichen, Schenkelblock oder ein Wolff-Parkinson-White-Syndrom (major risk).

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Bei den Teilnehmern der Health ABC-Study, 2.192 klinisch gesunden US-Senioren im Alter zwischen 70 und 79 Jahren, hatten 13 Prozent minor-Veränderungn und 23 Prozent major-Veränderungen im Ruhe-EKG. Diese EKG-Zeichen waren in den folgenden 8 Jahren mit einem signifikanten Anstieg der kardialen Ereignisse (Tod, Herzinfarkt, Koronare Herzkrankheit mit Angina oder Revaskularisierungen) um 35 Prozent (minor risk) oder 51 Prozent (major risk) verbunden, wie die Gruppe um Reto Auer von der Universität Lausanne berichtet. Das Ruhe-EKG wäre deshalb als Screening-Instrument durchaus geeignet.

Die Risikoabschätzung erfolgt heute jedoch mit dem Framingham-Score (in Europa eher PROCAM- oder Euro-SCORE), der aufgrund von Alter, Rauchen, Cholesterin und Blutdruck eine Vorhersage kardialer Ereignisse ermöglicht. Einen klinischen Nutzen ergibt sich in diesem Umfeld für die Einbindung des Ruhe-EKGs nur, wenn es die Treffsicherheit des Framingham-Scores verbessert.

Ein Gradmesser ist hier der „net reclassification index“ (NRI). Er beschreibt den Anteil der Patienten, die aufgrund des Ruhe-EKGs in eine andere Risikogruppe eingeordnet werden, beispielsweise von intermediärem Risiko auf hohes Risiko. Auer errechnet für das Ruhe-EKG bei den US-Senioren einen NRI von 5,7 Prozent, der bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von minus 0,4 Prozent bis 11,8 Prozent nicht signifikant war. Die Studie kann also nicht sicher belegen, dass das Ruhe-EKG einen zusätzlichen prädiktiven Wert hat.

Interessanterweise erfolgte aufgrund des Ruhe-EKGs eher eine Herabstufung des kardialen Risikos als eine Heraufstufung. Dies ist zwar ebenfalls eine relevante Information, da sie den Patienten vor einer unnötigen Therapie bewahrt. Es dürfte aber der Anreiz fehlen, die Nützlichkeit des Ruhe-EKGs in einer definitiven randomisierten klinischen Studie zu untersuchen, in der nach Einschätzung des Editorialisten Philip Greenland von der Feinberg School of Medicine in Chicago etwa 60.000 Personen über mindestens 5 Jahre beobachtet werden müssten.

Der wissenschaftliche Trend geht ohnehin weg vom kostengünstigen EKG zum teuren (und mit einem Strahlenrisiko verbundenen) Kardio-CT, für das eine andere Arbeitsgruppe bereits eine NRI von 25 Prozent errechnet hat (JAMA 2010; 303: 1610-1616). © rme/aerzteblatt.de

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