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Politik

Arbeitsumfang der Ärzte: Grüne kritisiert niedrige Fallzahlen

Mittwoch, 18. April 2012

dpa

Berlin – Birgitt Bender hält der Bundesregierung und den Kassenärztlichen Vereini­gungen (KVen) vor, sich nur ungenügend darum zu kümmern, ob Vertrags­ärztinnen und –ärzte eine Mindestzahl an Sprechstunden anbieten und genügend Patienten behan­deln. Anlass für die Kritik der gesundheitspolitischen Sprecherin der Bundestags­fraktion von Bündnis 90/ Die Grünen ist die Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage zu „Tätigkeitsumfängen in der vertragsärztlichen Versorgung“.

Die Bundesregierung verweist darauf, dass seit dem Jahr 2006 auch halbe Zulassungen erteilt werden können. Davon machten Vertragsärzte und –psychotherapeuten jedoch kaum Gebrauch; Ende 2010 waren lediglich 2.800 Teilzulassungen erfasst. Die meisten halben Zulassungen wurden in Bayern gezählt (700), gefolgt von Nordrhein-Westfalen (503), Hessen (432) und Baden-Württemberg (359). Dort sind allerdings auch die weitaus meisten Vertragsärzte und –psychotherapeuten niedergelassen.

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Dagegen habe der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Köhler, vor kurzem Kritik an „Hobbyarztpraxen“ geäußert, die nur wenig abrechneten und weniger als 20 Wochenstunden für die Versorgung zur Verfügung stünden: „6,4 Prozent der hausärztlichen, 12,2 Prozent der radiologischen und 20,8 Prozent der anästhesistischen Praxen erreichen laut Angaben der KBV weniger als ein Viertel der durchschnittlichen Fallzahlen der jeweiligen ärztlichen Fachgruppe“, heißt es in der Antwort der Bundesregierung. In wie vielen Fällen die Zulassungsausschüsse sich mit Anträgen befassten, Zulassungen zu reduzieren oder zu entziehen, sei nicht bekannt.

Mit Verweis auf Angaben der KBV schlüsselt die Bundesregierung auf, zu welchen Teilen Ärztinnen und Psychologische Psychotherapeuten in den einzelnen Bundesländern mehr beziehungsweise weniger Fälle als der Durchschnitt ihrer Facharztgruppe abgerechnet haben. Nach Ansicht der KBV sind die Daten aber nur begrenzt aussagekräftig: So unterschieden sich manche Arztgruppen gruppenintern erheblich, beispielsweise operativ und konservativ tätige Augenärzte. Auch sei die Fallzahl wenig geeignet, den Versorgungsumfang abzubilden, unter anderem wegen des hohen Pauschalierungsgrads vieler Leistungen sowie der „technischen“ Generierung von Fällen zum Beispiel durch Überweisungen.

Die KBV hat der Bundesregierung zufolge eingeräumt, dass keine systematischen Informationen zu Erhebungen der KVen über den Versorgungsumfang von Ärzten und Psychologischen Psychotherapeuten vorliegen. Einige KVen wie Bremen und Westfalen-Lippe seien aber dabei, den Versorgungsumfang zu bewerten. Aus der Stellungnahme geht auch hervor, dass daran gedacht wird, sich angesichts der anstehenden Neuregelung der Bedarfsplanung stärker mit derartigen Fragen zu befassen. 

Die Grünen-Politikerin Bender schließt aus den Antworten, „dass nicht davon ausgegangen werden kann, dass alle VertragsärztInnen ihrem Versorgungsauftrag nachkommen: Wenn jedeR dritte AnästhestIn in Hessen, jedeR dritte FachinternistIn und ChirurgIn in Westfalen-Lippe, jedeR dritte NervenärztIn und RadiologIn in Bremen weniger als 25 Prozent der durchschnittlichen Fallzahlen abrechnen, dann ist das ein deutliches Signal dafür, dass dort genauer hingeschaut werden müsste.“ © Rie/aerzteblatt.de

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Montag, 23. April 2012, 19:00

Vogel-Strauß?

Jetzt rächt sich das weitgehende Fehlen von Versorgungsforschung in Deutschland. Denn nur diese könnte aufzeigen, wie Quantität, Logistik, Prozess- und Ergebnisqualität in der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung unserer GKV-versicherten Patientinnen und Patienten beschaffen sind.

Stattdessen tappen für Vertragsarzt-Zulassungen und Sicherstellungsauftrag zuständige Kassenärztliche Vereinigungen gemeinsam mit der KBV im Dunkeln. Sie können nicht einmal das Ausmaß von hobbymäßigen, nebenberuflichen, durchschnittlich arbeitenden bzw. überdurchschnittlich tätigen Praxen beziffern. Man kann nicht einmal erahnen, wo medizinische Versorgungsmängel oder -überfluss, wo Pflegenotstand oder Ärztemangel sozial, inhaltlich und regional begründet bestehen. Prioritäre Gesundheits-, Versorgungs- und Pflegeziele können weder formuliert noch umgesetzt werden.

So können bei niedriger GKV-Fallzahl und hohem Privatpatientenanteil der zeitliche Aufwand und die medizinische Qualität für jeden einzelnen Kassenpatienten theoretisch hoch sein. Genauso könnten extrem viele GKV-Behandlungsfälle pro einzelnen Vertragsarzt ein Indiz für zu schnelle Abfertigung oder Ringüberweisungen sein. Oder große Behandlungszahlen entstehen in sozialen Brennpunkten, weniger attraktiven dichtbesiedelten Ballungszentren bzw. im ländlichen Raum, weil sich keine weiteren Vertragsärzte niederlassen wollen.

Generalverdacht und Diskriminierung von Ärzten hilft nicht weiter. Aber ein derart improvisiertes, empirisch ungeprüftes und labiles System ist für eine gesicherte ambulante ärztliche Versorgung von 69,9 Millionen GKV-Versicherten, das sind 85,4 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland, unprofessionell, indiskutabel und inadäquat. Eine staatlich reglementierte Bedarfsplanung wird kommen, da mögen manche Beteiligte ihren Kopf noch so tief in den Sand stecken.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #99598
Clemens-X
am Donnerstag, 19. April 2012, 10:20

Je größer der Realitätsverlust, desto lautstarker das Getöne!

Angesichts der extremen Arbeitsbelastung durch die konkrete Nachfrage der Patienten und des gleichzeitig ständig zunehmenden bürokratischen Aufwands je Patient ist es doch gar nicht verwunderlich, dass die „Fallzahlen” (ein schreckliches Wort!) je niedergelassenem Arzt / Therapeut abnehmen. Ausgerechnet diejenigen, die bisher am meisten zur Bürokratisierung und zum unsinnigen Verwaltungsaufwand beigetragen haben, indem dafür die gesetzlichen Grundlagen geschaffen worden sind, die tönen jetzt am lautesten mit ihrer Kritik! Und es wird mal wieder deutlich, wie weit sich die Kaste der politischen und institutionalisierten Führer von der Realität und vom Alltag derer entfernt haben, die Tag für Tag die Werte und Leistungen erschaffen und erarbeiten.

Außerdem ist hier mal wieder erkennbar, dass im Gesundheitswesen die gleichen Maßstäbe angelegt werden, die man aus der Industrieproduktion her kennt: Rationalisierung, Effizienzsteigerung, Profitpooling usw. — Wann wird man endlich begreifen, dass diese Methoden im sozialen Bereich und im Gesundheitswesen nichts zu suchen haben, weil damit zwar eingespart aber zwangsläufig auch kaputtgespart wird. Und der krankmachende Stress in der industriellen Arbeitswelt zeigt, dass diese neoliberale Denkweise die Patienten von heute und morgen schafft, also eigentlich grundsätzlich abzulehnen ist.

Gutes Beispiel ist die Bedarfsplanung Psychotherapeutische Versorgung: Da wird der psychotherapeutische Versorgungsgrad von 1998 „per Ordre de Mufti” wider besseres Wissen als ausreichend definiert und dann bis heute unverändert so fortgeschrieben. Tatsache ist aber, dass die Entwicklung der psychosozialen Lebens- und Arbeitsbedingungen zu einer rapiden Zunahme psychischer Störungen geführt hat. Diese Entwicklung ist eindeutig auf die Neoliberalisierung zurückzuführen, bei der letztlich die Umverteilung der Vermögenswerte von fleißigen Menschen hin zu wenigen Reichen erfolgt und die zunehmende Verarmung immer größerer Teile der Bürger in Kauf genommen wird oder gar als Drohkulisse aufgebaut wird, damit die, die noch Arbeit haben, folgsam bleiben. Dieses System produziert geradezu aus Menschen Patienten und möchte seine krankmachenden Methoden immer mehr auch im Gesundheitswesen durchsetzen, um noch mehr zu sparen. Folglich werden auch die Beschäftigten im Gesundheitswesen immer mehr zu Leidtragenden und auch hier drohen Erkrankungen. Wie viele Ärzte und Psychotherapeuten bräuchten eigentlich selbst dringend Hilfe? Wie viele sind alkoholabhängig?

Ich komme zurück auf die psychotherapeutische Versorgung: Die „führenden Herrschaften” meinen wohl, dass ein Therapeut genau so wie ein Schichtarbeiter 8 bis 10 Stunden je Tag mit seinen Patienten arbeiten sollte. Dann braucht man nämlich weniger Niederlassungen und Kassenzulassungen und kann noch mehr Geld sparen (das wir anscheinend lieber für unwirksame Euro-Rettungsschirme verschwenden). Wenn ich mit einem Klienten 1 Stunde Therapie mache, benötige ich für Dokumentation, Nachbereitung und evtl. fachliche Recherche plus Verwaltungsarbeit mindestens weitere 20 bis 30 Minuten. Ferner benötige ich aus Gründen der eigenen Psycho-Hygiene zusätzliche Zeit, um mich zu regenerieren, um dem nächsten Klienten die gleiche therapeutische Qualität bieten zu können, wie denen in den Sitzungen zuvor. Und streng genommen muss ich Zeit für fachliche Fortbildung, Supervision usw. ebenfalls in meine Arbeitszeit einrechnen. — Ich werde zwar erst demnächst therapeutisch arbeiten, mache mir aber schon jetzt sorgfältig Gedanken darüber, wie ich verantwortungsbewusst und selbstfürsorglich arbeiten will und kann. Heißt es nicht „Primum non nocere”? Vor allem nicht den Klienten / Patienten schaden, aber mir selbst ebenfalls nicht! — Mehr als 4 Stunden zu 60 Minuten je Tag = 4 Klienten werden nicht möglich sein. Und dann sind wir genau bei dem Arbeitspensum, das jener KBV-Vorstandsvorsitzende Andreas Köhler verächtlich als „Hobbypraxis” abqualifiziert. Er qualifiziert und wertet damit u.a. all jene Psychotherapeuten ab, die aufgrund sorgfältiger Überlegungen keine „höheren Fallzahlen” in ihrer Praxis akzeptieren, um sich selbst und den Klienten gerecht zu werden und eine ehrliche nachhaltige Leistung bringen zu können. Herr Köhler diskreditiert mit seinen Äußerungen eine verantwortungsbewusste Berufseinstellung! — Wenn Herr Köhler nicht von Klienten / Patienten und Menschen spricht, sondern von Fallzahlen (= Sprache aus der Industrie-Produktion), zeigt er schon durch seine Wortwahl seine innere Einstellung. Und ich finde, die ist eines Arztes und erst Recht nicht eines Vorstandes der KBV würdig!

Wie kommt es eigentlich, dass Menschen mit einer derartigen Einstellung, mit derartigen Sprüchen solche Posten inne haben? Wie kommt es eigentlich, dass wir Deutschen von Politikern regiert werden, die diese Zustände fördern? Wie kommt es eigentlich, dass wir fleißige Menschen an der Basis uns mit solchen Verhältnissen abfinden?

Wenn ab heute Nacht alle Unternehmensberater, Rechtsanwälte, Bankchefs, Spekulanten, Politiker, Top-Manager, Verwaltungsbeamte oder Vorstandsvorsitzende :-) usw. weg wären, würde alles so weiter laufen, als sei nichts geschehen. — Aber wenn es über Nacht keine Handwerker, keine Ärzte und Therapeuten, keine Lehrer, keine Busfahrer und keine Verkäufer mehr geben würde, bräche „der ganze Laden” sofort zusammen. Das sollte uns zu denken geben!

Nur gut, dass ich demnächst als Heilpraktiker für Psychotherapie nicht diesem unsäglichen öffentlichen Gesundheitswesen (und seinen Zwangsmitgliedschaften) unterliege und weitgehend nur meinem Gewissen und meinem Verantwortungsbewusstsein verpflichtet bin! Dafür bin ich dankbar!

Clemens M. Hürten - gesSso - Rottweil
LNS

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