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Medizin

USA: Zunehmend Opiatabhängigkeit bei Neugeborenen

Mittwoch, 2. Mai 2012

dpa

Ann Arbor – In den USA wird jede Stunde ein Kind mit einem neonatalen Entzugssyndrom geboren. Die Prävalenz ist laut einer Studie im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2012; doi: 10.1001/jama.2012.3951) in den letzten Jahren stark gestiegen, wofür die Autoren insbesondere den vermehrten Missbrauch von opiathaltigen Schmerzmitteln verantwortlich machen.

Opiate gehören zu den am stärksten wirksamen Schmerzmitteln. Die Leitlinien haben die Ärzte in den letzten Jahren zu einem vermehrten Einsatz ermuntert – mit Erfolg. In den USA haben sich die Verordnungen von opiathaltigen Analgetika wie OxyContin (mit Oxycodon) und Vicodin (das Oxycodon mit Paracetamol kombiniert) vervierfacht, wie jüngst die Centers for Disease Control and Prevention berichtet hatten.

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Die Medikamente werden jedoch nicht nur von Schmerzpatienten genutzt. Ein gewisser Anteil gelangt in den Schwarzmarkt und auch unter deutschen Drogenkonsumenten gelten die Opiatanalgetika mittlerweile als „echter Leckerbissen“ (Eintrag in einem Internetforum). Die suchterzeugenden Medikamente werden auch von jungen Frauen konsumiert, die im Fall einer Schwangerschaft nicht darauf verzichten können oder wollen.

Eine Auswirkung ist ein Anstieg von Neugeborenen, die nach der Geburt eine ungewöhnliche Irritabilität zeigen, deren Muskeltonus gesteigert ist (mit der möglichen Folge einer arteriellen Hypertonie), die einen Tremor aufweisen, sich schlecht füttern lassen und häufig unter Atemwegsinfektionen oder Krämpfen leiden. Die Ärzte diagnostizieren dann (zum Beispiel mit dem in der Zuverlässigkeit allerdings umstrittenen Finnegan-Score) ein neonatales Entzugssyndrom (NAS).

Die Inzidenz des NAS hat sich in den USA im letzten Jahrzehnt verdreifacht. Dies zeigt die Auswertung der Kids' Inpatient Database (KID)durch Stephen Patrick von der Universität von Michigan in Ann Arbor und Mitarbeitern. Die ist eine landesweite Stichprobe. Sie umfasst 80 Prozent aller pädiatrischen Entlassungen und 10 Prozent aller normalen Geburten. Kamen im Jahr 2000 auf 1.000 Geburten und Jahr noch 1,20 NAS-Diagnosen, so waren es 2009 bereits 3,39. Die Inzidenz des Opiat-Konsums der Schwangeren hat sich im gleichen Zeitraum sogar verfünffacht: von 1,19 auf 5,63 pro 1.000 Klinikgeburten und Jahr.

Die Studie kann den Zusammenhang mit dem vermehrten Missbrauch der Schmerzmitteln (gegenüber anderen Opiatdrogen) zwar nicht belegen. Für die Editorialistin Marie Hayes von der Universität von Maine in Orono und die von den Medien befragen Experten steht es aber außer Zweifel, wie die Schwangeren an die Drogen gelangt sind. Schmerzmittel werden durch Ärzte-Hopping erschlichen und dann an den illegalen Drogenhandel weitergeleitet.

Die Studie zeigt auch, dass Kinder mit NAS häufiger ein niedriges Geburtsgewicht haben (19,1 versus 7,0 Prozent bei Neugeborenen ohne NAS). Sie leiden auch öfter unter Komplikationen der Atmung (30,9 versus 8,9 Prozent), wobei nicht klar ist, ob dies allein auf die Opiate zurückzuführen ist. Viele Opiatkonsumenten sind polytoxikoman: Sie greifen auch zu anderen Drogen, rauchen häufig und trinken Alkohol. Viele nehmen auch Antidepressiva oder Benzodiazepine ein, die beide ebenfalls ein Entzugssyndrom des Neugeborenen auslösen können. Schließlich sind einige Drogenkonsumenten mit Hepatitis C oder HIV infiziert, was die Aussichten des Neugeborenen weiter verschlechtert.

Für die Therapie des NAS gibt es keine festen Regeln. Die meisten Kliniken behandeln die Neugeborenen vorübergehend und ausschleichend mit oralen Morphinen oder Methadon, um das NAS abzufangen. Wenn immer möglich, werden bereits die Schwangeren substituiert.

Die Therapie von Neugeborenen mit Opiaten ist riskant und Todesfälle sind berichtet worden. Die Kombination von Opiaten mit Phenobarbital oder Clonidin soll Studien zufolge ebenfalls das NAS lindern und die Klinikbehandlungen der Neugeborenen verkürzen können. Andere Mediziner raten den Müttern zum Stillen der Kinder, was aber selten umgesetzt wird.

Da viele Drogensüchtige verarmt und nicht versichert sind, greift das NAS die Ressourcen von Medicaid, der staatlichen Krankenversorgung für Bedürftige an. Dies hat in Florida, wo der Missbrauch von medizinischen Opiaten besonders verbreitet sein soll, bereits die Politik auf den Plan gerufen. Das dortige Repräsentantenhaus hat jüngst eine Task Force ins Leben gerufen, die sich mit dem Problem beschäftigen soll. © rme/aerzteblatt.de

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