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Politik

5 Fragen an Peter W. Carmel, M.D., Präsident der American Medical Association

Freitag, 25. Mai 2012

DÄ: Herr Dr. Carmel, Sie besuchen bereits zum zweiten Mal einen Deutschen Ärztetag. Was interessiert Sie besonders?

Carmel: Das deutsche Gesund­heits­wesen interessiert uns in den USA sehr. Es ist immerhin das größte und erfolg­reichste System in Europa. Interessant fand ich die Debatte darüber, ob dieser Erfolg von einer möglichst großen Zahl an Allgemeinärzten abhängt, die die Grundversorgung sicherstellen. Im Plenum wurde gesagt, dass sich nur 15 Prozent der Ärztinnen und Ärzte für die Allgemeinmedizin entscheiden, und es wurde die Frage gestellt, ob diese Zahlen gesteigert werden müssen. Allerdings muss man einräumen, dass es keine validen Daten über das ideale Verhältnis zwischen Primärversorgern und Spezialisten gibt. Das hängt immer vom Land, von der finanziellen Ausstattung des Gesundheitssystems und den Wünschen der Bevölkerung ab.

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DÄ: Wenn Sie das deutsche und das US-amerikanische Gesundheitssystem vergleichen, welche Vor- und Nachteile sehen Sie?

Carmel: Das größte Problem des amerikanischen Gesundheitswesens sind die Kosten. Wir geben inzwischen rund 19 Prozent unseres Bruttosozialprodukts für die Gesund­heitsversorgung aus. Das ist fast doppelt so viel wie in der Schweiz, die bei den Gesundheitsausgaben an zweiter Stelle stehen. Das kann so nicht weitergehen. Die beiden staatlichen Programme Medicare für Ältere und Medicaid für sozial Schwache sind unterfinanziert. Medicaid zahlt so schlecht, dass sich mittlerweile kaum noch Ärzte finden, die Patienten aus diesem Programm behandeln. Das Problem des Kran­ken­ver­siche­rungsschutzes haben Sie in Deutschland besser gelöst.

Das zweite große Problem ist der Zugang zur Gesundheitsversorgung. Wir müssen eine enorm große Bevölkerung versorgen und dabei riesige Distanzen überwinden. Unter­versorgt sind insbesondere die armen Bevölkerungsschichten in den Großstädten. Das Problem haben Sie in Deutschland nicht.

Dagegen haben sowohl Deutschland als auch die USA Schwierigkeiten, genügend Ärztinnen und Ärzte zu motivieren, auf dem Land zu arbeiten. Ein wirksames Rezept dagegen haben wir noch nicht gefunden.

DÄ: Sie haben den fehlenden Kran­ken­ver­siche­rungsschutz für viele Amerikaner erwähnt. Ist die Gesundheitsreform von Präsident Barack Obama ein richtiger Schritt zur Lösung dieses Problems?

Carmel: In den USA leben zurzeit mehr als 50 Millionen Menschen, die nicht kranken­versichert sind. Das Reformgesetz von Präsident Obama wird dafür sorgen, dass von diesen Menschen 32,5 Millionen künftig versichert sind. Das ist ein großer Schritt vorwärts.

Wenn man die Zeitungen liest, könnte man den Eindruck gewinnen, die Reform sei extrem unpopulär. Aber das stimmt nicht. Die meisten Menschen und auch ein Großteil der Ärzte unterstützen die Gesundheitsgesetzgebung. Unter anderem hat Obama den schlimmsten Auswüchsen der Versicherungsbranche ein Ende gesetzt. Künftig wird es nicht mehr vorkommen, dass eine Versicherung die Kosten für die Behandlung eines Herzinfarkts nicht übernimmt, weil der Patient als Kind Asthma hatte.

Es ist keine Frage: Die Bevölkerung will den universellen Kran­ken­ver­siche­rungsschutz, und die Ärzte wollen das auch. Jeder Amerikaner sollte Zugang zur Gesundheits­versorgung haben.

DÄ: Ist das auch die Position der American Medical Association?

Carmel: Wir beschäftigen uns seit mehr als zwölf Jahren mit der Frage, wie die medizi­nische Versorgung finanziert werden kann. Unsere Position ist klar: Wir sprechen uns für eine Versicherungspflicht für alle aus. Menschen, die sich keine Kranken­ver­sicherung leisten können, muss der Staat unterstützen.

Wenn der Oberste Gerichtshof Ende Juni entscheidet, dass die universelle Versicherungs­pflicht, wie sie Obamas Reform vorsieht, gegen die Verfassung verstößt, wird das die Gesundheitsversorgung in den USA in eine ihrer größten Krisen stürzen. Dann müssen wir wieder ganz von vorne anfangen.

DÄ: Was nehmen Sie denn vom Ärztetag mit nach Hause?

Carmel: Ich fand es schon im letzten Jahr in Kiel beeindruckend, wie sich die deutschen Ärzte für die Freiberuflichkeit einsetzen und für ihre Selbstständigkeit in eigener Praxis kämpfen. Das ist nicht das, was Amerikaner mit dem deutschen Gesundheitswesen verbinden. Das gängige Vorurteil gegenüber den Sozialsystemen in Europa ist, dass es sich um monolithische Blöcke handelt, die staatlich kontrolliert werden.

Obwohl wir alle bei der Organisation der Gesundheitsversorgung unseren eigenen Weg finden müssen, haben wir doch viele ähnliche Probleme. Das Gespräch mit Ärzteorganisationen in anderen Ländern öffnet einem die Augen. © HK/aerzteblatt.de

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