NewsMedizinBlutungsrisiko von Low-Dose-ASS höher als angenommen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Blutungsrisiko von Low-Dose-ASS höher als angenommen

Mittwoch, 6. Juni 2012

Maria Imbaro – Das Blutungsrisiko einer niedrig-dosierten Therapie mit Acetylsali­cylsäure könnte deutlich höher sein als bisher angenommen. In einer Kohortenstudie im US-amerikanischen Ärzteblatt JAMA (2012; 307: 2286-2294) traten fünfmal mehr Blutungen auf als in den randomisierten Studien, die die Grundlage der Empfehlungen in den Leitlinien sind.

Der Einsatz von ASS zur Sekundär- und Primärprophylaxe von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist in zahlreichen randomisierten klinischen Studien untersucht worden. In der Sekundärprophylaxe nach Herzinfarkt sind sich die meisten Experten einig. Laut Zahlen, die Jolanta Siller-Matula von der Universität Wien im Editorial nennt, kommt in der Primärprophylaxe auf 6 Patienten, die durch ASS vor einem kardiovaskulären Ereignis bewahrt werden, eine schwere Blutung. In der Primärprävention, in der das kardiovaskuläre Hintergrundrisiko sehr viel geringer ist, beträgt diese Schaden-Nutzen-Relation nur noch 2 zu 1.

Anzeige

Diese Berechnungen gelten allerdings nur für Patienten mit den gleichen (in der Regel für eine erfolgreiche Therapie) günstigen Eigenschaften wie in den klinischen Studien. Im klinischen Alltag werden jedoch häufig Patienten mit ungünstigen Voraussetzungen behandeln. Ein positives Nutzen-Schaden-Verhältnis kann hier schnell umkippen.

Giorgia De Berardis vom Consorzio Mario Negri Sud in Santa Maria Imbaro in Apulien, kann jetzt zeigen, dass die Rate von Hospitalisierungen wegen schweren Blutungen bei Personen, die ASS einnehmen, 5-fach höher ist als in den klinischen Studien. Die Antithrombotic Trialists’ Collaboration hatte die Rate bei ASS-Anwendern mit 1 auf 1000 Personenjahre angegeben (gegenüber 0,7 auf 1000 Personenjahre in den Vergleichsgruppen ohne ASS-Therapie). Im klinischen Alltag in Apulien kam es dagegen zu 5,8 Komplikationen auf 1.000 Personenjahre. In einer Vergleichsgruppe waren es 3,6 schwere Blutungen auf 1.000 Personenjahre.

Das relative Risiko auf eine schwere Blutung ist laut der Auswertung von Berardis um relativ 55 Prozent erhöht gegenüber einer Erhöhung um etwa 30 Prozent in den Analyse der Antithrombotic Trialists’ Collaboration. Der Unterschied entspricht laut de Berardis in etwa dem Gewinn von 10 bis 20 Prozent weniger Herzkreislaufereignissen, die in der Primärprävention durch ASS erzielt werden.

De Berardis vergleicht hier natürlich Äpfel (randomisierte klinische Studien) mit Birnen (bevölkerungsbasierte Kohortenstudien), die Ergebnisse nähren aber auch bei der Editorialistin Siller-Matula Zweifel, ob eine Primärprävention mit ASS vorteilhaft ist. Sie hat vor allen in den USA Anhänger, während die europäischen Leitlinien sie in der Regel ablehnen.

Kontrovers ist auch der Einsatz von ASS bei Diabetikern. De Berardis kommt hier zu dem Ergebnis, dass die Einnahme von ASS das Blutungsrisiko nicht (weiter) erhöht, was für ihn ein Zeichen einer verminderten Wirkung ist (die in der Studie allerdings nicht belegt wird).

Seine Daten zeigen auch, dass allein der Diabetes mellitus mit einer erhöhten Rate von Blutungskomplikationen einhergeht (plus 36 Prozent), was die Entscheidung zur ASS-Therapie zur Primärprävention erschweret. Diese wird laut Siller-Matula in Europa abgelehnt, während die US-Fachgesellschaften eine Indikation bei Diabetikern mit einem 10-Jahresrisiko von 10 Prozent oder mehr auf ein kardiovaskuläres Ereignis sehen. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

15. August 2019
Chapel Hill – Epigenetische Veränderungen könnten erklären, weshalb die Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS) bei einigen Brustkrebspatientinnen mit einem längeren Überleben verbunden ist, bei anderen
Epigenetik könnte Wirksamkeit von ASS bei Brustkrebs beeinflussen
23. Januar 2019
London – Die regelmäßige Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS) kann gesunde Menschen zwar vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen. Die mit der Einnahme verbundenen Blutungsrisiken heben die Vorteile
ASS: Nutzen und Risiken in der Primärprävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen vergleichbar
5. Oktober 2018
Boston – Die Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS), der bereits eine präventive Wirkung gegen Darmkrebs zugeschrieben wird, könnte die Erkrankungsrate für Ovarialkarzinom und hepatozelluläres Karzinom
ASS könnte vor Ovarialkarzinom und Leberkrebs schützen
17. September 2018
Melbourne – Die weit verbreitete Hoffnung, dass die tägliche Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS) gesunde alte Menschen vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs schützt, hat sich in einer großen
Primärprävention mit ASS: Studie sieht bei Senioren mehr Risiken als Nutzen
13. Juli 2018
London – Die tägliche Einnahme von 75 bis 100 mg Acetylsalicylsäure (ASS), die häufig zur Primär- oder Sekundärprävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verordnet wird, erreicht ihr Ziel laut einer
Studie: Low-dose ASS schützt nur normalgewichtige Menschen vor Schlaganfall und Herzinfarkt
26. September 2017
Uppsala – Das Absetzen von niedrig-dosierter Acetylsalicylsäure, die als „Kardio-ASS“ vielen Patienten nach einem Herzinfarkt oder zum Schutz vor einem Schlaganfall verordnet wird, war in einer
Absetzen von „Kardio-ASS“ kann Schlaganfall auslösen
7. Juli 2017
Hamburg – Einige Patienten, die Acetylsalicylsäure (ASS) dauerhaft als Gerinnungshemmer einnehmen, sollten diese Therapie vor einer Operation absetzen. Europäische und US-amerikanische Leitlinien
VG WortLNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER