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Medizin

Typ-2-Diabetes mellitus: Salicylat senkt Blutzucker

Montag, 11. Juni 2012

Boston – Nichtsteroidale Antiphlogistika (NSAID) können offenbar den Blutzucker senken, wenn sie hochdosiert eingesetzt werden. Das frühere NSAID Salsalat, das wegen seiner schwachen Wirkung als Schmerzmittel vom Markt genommen wurde, hat in einer Phase-II-Studie den Langzeitblutzucker HbA1c signifikant gesenkt. Ob es sich gegen die Konkurrenz anderer oraler Antidiabetika behaupten könnte, ist offen.

Salsalat ist ein Dimer aus zwei Salicylsäure-Molekülen. Im Gegensatz zur Acetylsali­cyläure ASS, einem Monomer, fehlen allerdings die Acetyl-Gruppen. Die inhibitorische Wirkung auf die Cyclooxygenase (COX) ist deshalb schwach und als Antirheumatikum wurde Salsalat längst durch stärkere Mittel ersetzt, obwohl die gastrointestinale Verträglichkeit besser sein soll als bei ASS. Auch das Blutungsrisiko ist geringer.

Eine antidiabetische Wirkung von Salsalat wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts diskutiert (Berliner Klinische Wochenschrift 1876; 13: 337-40). Das Interesse an dem alten Wirkstoff ist in den letzten Jahren neu erwacht, weil Salicylate in hoher Dosierung den Transkriptionsfaktor NF-kappa-B hemmen. Eine vermehrte Bildung von NF-kappa-B soll an der Pathogenese der Insulinresistenz beteiligt sein, für die eine entzündliche Genese, ausgelöst durch die Adipositas der Patienten diskutiert wird.

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Vor zwei Jahren konnte das Team um Steven Shoelson vom Joslin Diabetes Center in Boston in der „Targeting Inflammation Using Salsalate for Type 2 Diabetes“- oder TINSAL-T2D-Studie zeigen, dass Salsalat in den drei Dosierungen 3,0 oder 3,5 oder 4,0 g/die den HbA1c-Wert bei Typ-2-Diabetikern innerhalb von 4 Wochen signifikant senkt (Annals of Internal Medicine (2010; 152: 346-357). Auf der Jahrestagung der American Diabetes Association in Philadelphia wurden jetzt die Ergebnisse der Anschlussstudie TINSAL-T2D-II vorgestellt. 

Dieses Mal wurden 286 Patienten über 48 Wochen mit Salsalat in der Dosis von 3,5 mg/die oder mit Placebo behandelt. Wie Shoelson mitteilt, wurde der HbA1c-Wert im Durchschnitt um 0,24 Prozentpunkte gesenkt. Der Nüchternblutzucker lag am Ende um 11 mg/dl niedriger als im Placebo-Arm. Die Wirkung war moderat, doch Shoelson gibt zu bedenken, dass die Patienten weitere orale Antidiabetika eingenommen hatten und dass deren Dosierung im Placebo-Arm höher war.

Unter Salsalat kam es laut Shoelson auch zu einer leichten Verminderung der neutrophilen Granulozyten und Lymphozyten. Dies war zwar lange bekannt, konnte aber erstmals in einer klinischen Studie belegt werden, berichtet Shoelson. Er wies darauf hin, dass die Werte im Normalbereich blieben und nicht etwa eine riskante Neutropenie ausgelöst werde.

Günstig für die Typ-2-Diabetiker könnte ein Anstieg von Adiponektin um 21 Prozent gewesen sein, da dieses Hormon die Insulinwirkung an den Fettzellen verstärkt. Ein weiterer günstiger Nebeneffekt könnte eine Abnahme der Harnsäurekonzentration um 11 Prozent gewesen sein. Viele Typ-2-Diabetiker haben erhöhte Harnsäurespiegel und sind deshalb vermehrt gichtanfällig.

Salsalat war jedoch nicht frei von Nebenwirkungen. Dazu gehört ein Anstieg des Körpergewichts um etwa 1 kg sowie ein Anstieg des Cholesterinwertes um 8 mg/dl. Beides ist beim Typ-2-Diabetes mellitus unerwünscht. Positiv war dagegen, dass der Triglyzeridwert reduziert wurde. Die Albuminurie nahm zu: Der Anstieg war jedoch reversibel, und die glomeruläre Filtrationsrate war stabil, so dass Shoelson hier keine nierenschädliche Wirkung erkennen kann.

Wenn die Diabetologen in den letzten Jahren etwas gelernt haben, dann dass die Aussagekraft von Laborparametern gering ist. Salsalat ist seit einigen Jahren nicht mehr auf dem Markt. Ob die Ergebnisse der Studie einen Hersteller zur Neueinführung veranlassen, bleibt abzuwarten. Für Zulassungsstudien dürfte mangels Gewinnmöglichkeiten kein wirtschaftliches Interesse vorhanden sein. © rme/aerzteblatt.de

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