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Margarete Mitscherlich ist tot

Mittwoch, 13. Juni 2012

Margarete Mitscherlich-Nielsen © dpa

Frankfurt/M – ­ Die Psychoanalytikerin und Ärztin Margarete Mitscherlich-Nielsen ist am 12. Juni kurz vor ihrem  95. Geburtstag im Kreis ihrer Familie in Frankfurt am Main gestorben. Die Autorin zahlreicher Bücher behandelte noch bis ins hohe Alter am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt und in ihrer Praxis im Frankfurter Westend Patienten.

„Ich praktiziere sehr gerne. Ich lerne ja was von meinen Patienten. Sehr interessant, wie unterschiedlich die Menschen sind“, sagte sie in einem Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt anlässlich ihres 90. Geburtstags („Jeder muss lernen, seine Vorurteile zu durchschauen“, DÄ, Heft 30/2007).

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Öffentlich bekannt wurde Margarete Mitscherlich 1967, als sie zusammen mit ihrem Mann dem Psychoanalytiker und Arzt Alexander Mitscherlich  das Buch „Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen des kollektiven Verhaltens“ schrieb. Das Buch untersuchte am Beispiel der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands und des Umgangs damit in der Adenauer-Ära die Abwehrhaltung des Einzelnen und der Masse gegenüber Schuld an politischen Verbrechen. Die Reaktionen darauf reichten von Empörung bis Nachdenklichkeit.

„Das Ehepaar hatte große Verdienste darin, die während des Nationalsozialismus zum Exil gezwungenen Psychoanalytiker wieder in Deutschland zu beheimaten. Zudem haben die Mitscherlichs den Demokratisierungsprozess im Nachkriegsdeutschland mit kritischer Stimme vorangebracht", erklärt das Sigmund-Freud-Institut (SFI) anlässlich des Todes der Psychoanalytikerin.

Margarete Nielsen kam 1917 im heute dänischen Grasten (Gravenstein) zur Welt. Die Tochter eines dänischen Arztes und einer deutschen Lehrerin studierte in Flensburg Medizin sowie Literatur in München und Heidelberg.  1950 promovierte sie in Tübingen zum Dr. med. Ab 1951 arbeitete sie zusammen mit dem Arzt, Psychoanalytiker und Sozialpsychologen Alexander Mitscherlich an der psychosomatischen Klinik in Heidelberg, die von ihm geleitet wurde. Sie hatte Mitscherlich 1947 kennengelernt und 1949 den gemeinsamen Sohn geboren. Die beiden heirateten erst 1955.

In den 1950er Jahren machte Margarete Mitscherlich in Heidelberg, Stuttgart und London ihre psychoanalytische Ausbildung. London war damals, neben New York, das Zentrum der Psychoanalyse. Bei dem Analytiker Michael Balint absolvierte sie ihre Ausbildung und brachte das Erlernte mit nach Deutschland. Einer ihrer Schüler sagte einmal, sie habe die Psychoanalyse nach Deutschland „zurückimportiert“.

1967 zog das Ehepaar Mitscherlich nach Frankfurt, wo Margarete fortan am 1960 gegründeten Sigmund-Freud-Institut lehrte. Sie war – wie ihr Ehemann – auch in der Lehranalyse tätig. Margarete Mitscherlich gehörte der Deutschen und der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung an.

Nach der „Unfähigkeit zu trauern“ traten Margarete und Alexander Mitscherlich als Autorenpaar auf. Nach dem Tod ihres Mannes 1982 fungierte Margarete Mitscherlich als Herausgeberin der von ihrem Mann gegründeten Zeitschrift „Psyche“. Unter ihren zahlreichen weiteren Veröffentlichungen gilt das Buch „Die friedfertige Frau“ (1985) als herausragend, in dem sie einige Mythen über die Natur des weiblichen Geschlechts widerlegt. Als Fortsetzung erschien später das Werk „Über die Mühsal der Emanzipation“ (1990). Sie verstand sich zeitlebens als Feministin.

Margarete Mitscherlich habe sich bis ins hohe Alter hinein eine imponierende intellektuelle Wachheit bewahrt, „sie ist diskussionsfreudig und streitbar geblieben, wie sie es lebenslang war, gepaart mit Witz und Charme“, wissen Kollegen aus dem SFI.

In dem Interview im DÄ fragt der Journalist und Arzt Christof Goddemeier die neunzigjährige Mitscherlich, wie sie es schaffe, sich so fit zu halten. Sie antwortet: „Körperlich ist das oft sehr elend. Aber es lohnt nicht, dagegen aufzubegehren. Ich bin froh, ich bin an vielen Dingen interessiert, lese viel, Geschichte, Literatur, Philosophie, Psychologie …, daran habe ich unendlich viel Spaß. So ist es, und demnächst werde ich sterben, und so ist das auch.“ © pb/aerzteblatt.de

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