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Hausarztvertrag Baden-Württemberg: Zufrieden mit den Ergebnissen

Freitag, 15. Juni 2012

dpa

Berlin – „Die AOK Baden-Württemberg investiert mit dem Hausarztvertrag in eine bessere Versorgung ihrer Versicherten, die Hausärzte haben wieder mehr Spaß an ihrem Beruf, und das Ganze ist solide finanziert.“ Mit diesen Worten hat Christopher Hermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg, die ersten umfangreicheren Auswertungen des eigenen Hausarztvertrags kommentiert. Wissenschaftler der Universitäten Frankfurt/Main und Heidelberg kommen dabei zu dem Schluss, dass insbesondere chronisch Kranke besser und strukturierter versorgt werden, wenn sie sich in einer Hausarztpraxis eingeschrieben haben.

Nach Angaben von Hermann hat die AOK allein im vergangenen Jahr rund 250 Millionen Euro in eine bessere Versorgung im Rahmen des Hausarztvertrags investiert. Dieser Betrag werde durch geringere Honorarüberweisungen an die Kassenärztliche Vereinigung, aber auch durch Wirtschaftlichkeitseffekte insbesondere bei den Arzneimittel- und Krankenhausausgaben refinanziert.

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Bekannt wegen des Bierdeckel-Honorars
Derzeit nehmen 1,1 Millionen Versicherte sowie 3.500 Hausärztinnen und Hausärzte teil. Gestartet ist der Vertrag am 1. Juli 2008. Bekannt wurde er nicht zuletzt wegen der Bierdeckel-Honorierung: Die Bezahlung der teilnehmenden Ärzte sei so einfach, dass sie auf einen Bierdeckel passe, lobte der Hausärzteverband damals. Teilnehmende Hausärzte erhalten eine kontaktunabhängige Pauschale von 65 Euro pro Jahr, eine kontaktabhängige Pauschale von 40 Euro pro Quartal, einen Zuschlag von 25 Euro für Chroniker und weitere Zuschläge in Abhängigkeit von Qualifikation und Ergebnisqualität.

Für die Analyse wurden Daten aus den Quartalen drei und vier im Jahr 2008 mit denen aus denselben Quartalen im Jahr 2010 verglichen. Insgesamt waren knapp 1,5 Millionen Versicherte in die Evaluation eingeschlossen, sowohl solche, die sich für den Hausarztvertrag entschieden haben, wie solche, die sich dagegen entschieden und in einer Praxis versorgt werden, die daran nicht teilnimmt.

Versicherte, die sich in den Hausarztvertrag (HzV) eingeschrieben haben, sind etwas älter und kränker als nicht eingeschriebene Versicherte. Zwei Drittel von ihnen gelten als chronisch krank. Auffällig ist, dass HzV-Patienten häufiger an strukturierten Behandlungsprogrammen (DMP) teilnehmen. Zum Vergleich: Beim DMP Diabetes mellitus II waren es 15 Prozent (nicht eingeschriebene Patienten: 7,5 Prozent), beim DMP Koronare Herzkrankheit rund 6 Prozent (nicht eingeschriebene Patienten: 2,5 Prozent), beim DMP COPD 2,5 gegenüber 0,8 Prozent.

Joachim Szecsenyi von der Universität Heidelberg schließt aus den Daten, dass besonders chronisch Kranke, die sich in den HzV-Vertrag eingeschrieben haben, vom Hausarzt intensiver betreut werden: „Sie haben mit ihrem Arzt im Schnitt pro Halbjahr fast zwei Kontakte mehr“, sagte er. Gleichzeitig sehe man, dass unkoordinierte Facharztbesuche im Vergleich von 2008 und 2010 um 13 Prozent zurückgegangen seien. Ob die häufigeren Kontakte eine Folge der höheren DMP-Einschreibequoten bei HzV-Versicherten sind, geht aus den bislang präsentierten Daten nicht hervor.

Als Erfolg des Hausarztvertrags werten Szecsenyi und Ferdinand Gerlach von der Universität Frankfurt/Main auch, dass der Anteil der verordneten Me-Too-Präparate im beobachteten Zeitraum um fast 25 Prozent gesunken ist. Die Arzneimittelkosten stiegen zudem bei eingeschriebenen Patienten etwas weniger stark als bei nicht eingeschriebenen. Auch bei der Vermeidung von Polymedikation sei die Entwicklung günstiger, hieß es.

Herzinsuffizienz: Behandlung nicht verbessert
Gerlach hat zusätzlich untersucht, ob HzV-Patienten mit Herzinsuffizienz eine bessere medikamentöse Therapie erhalten. Hierzu wurden eingeschriebene und nicht eingeschriebene Patienten mit der entsprechenden Diagnose in den Jahren 2009 und 2010 verglichen. Eingeschriebene Versicherte nahmen demnach sehr viel häufiger an dem strukturierten Behandlungsprogramm teil (HzV-Patienten: 21 Prozent, andere: 10 Prozent).

Die Unterschiede bei der Verordnung von ACE-Hemmern oder AT1-Blockern fielen jedoch geringer aus, die Versorgung konnte zudem nicht weiter verbessert werden. Gerlach führt dies darauf zurück, dass es bereits vor Beginn der Untersuchung ein hohes Qualitätsniveau gab und der Spielraum für Verbesserungen gering war. So sei die Leitlinie „Herzinsuffizienz“ der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin bereits seit 2006 verfügbar und auch Gegenstand von Qualitätszirkeln in Baden-Württemberg gewesen.

Darüber hinaus haben die Wissenschaftler auch analysiert, ob teilnehmende Hausärzte wie eingeschriebene Patienten zufriedener sind als andere. Was die Arbeitszufriedenheit der Hausärzte betrifft, sind Unterschiede kaum vorhanden. Lediglich mit ihrem Einkommen sind HzV-Ärzte etwas zufriedener (Durchschnittsnote: 4,15) als andere (3,84). Die Antwortmöglichkeiten reichten dabei von 1 gleich sehr unzufrieden bis 7 gleich sehr zufrieden.

Patienten geben ihren Hausärzten grundsätzlich gute Noten
Die befragten Patienten beurteilen ihre Hausärzte durchweg positiv, egal ob es sich um HzV-Ärzte handelt oder nicht, ist ein weiteres Evaluationsergebnis. Bei einer Skala von eins (ausgezeichnet) bis fünf (schlecht) schnitten lediglich bei der Durchführung körperlicher Untersuchungen die HzV-Praxen einen Hauch besser ab (1,63 gegenüber 1,73), ebenso bei den Angeboten zur Krankheitsvorbeugung (1,71 gegenüber 1,88).  

Sowohl den beteiligten Wissenschaftlern wie der AOK Baden-Württemberg erscheinen die erhobenen Unterschiede nicht zu gering. „Wir wissen, dass sich Alltagsroutinen nur langsam verändern lassen. Daher erwarten wir im weiteren Zeitverlauf noch erheblich stärkere Effekte“, betonte Gerlach. Hermann erklärte, die Versorgungsforschung zum Vertrag werde fortgesetzt – ebenso der Vertrag selbst: „Unser Ziel ist es, bis 2015 eine flächendeckende Versorgungsstruktur auf Selektivvertragsbasis in Baden-Württemberg zu schaffen.“ © Rie/aerzteblatt.de

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