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Medizin

PIP-Brustimplantate: Kein Krebs-, aber hohes Rupturrisiko

Montag, 18. Juni 2012

dpa

London – Die als minderwertig eingestuften Brustimplantate des Herstellers PIP, die in den letzten Monaten in Großbritannien und einigen anderen Ländern für Verunsicherung unter Patientinnen und Ärzten sorgten, zeigen zwar eine deutlich erhöhte Neigung zu Silikonaustritten (bleeds) und Rupturen. Die dabei freigesetzten Siloxane sind laut einem Bericht des britischen Ge­sund­heits­mi­nis­teriums jedoch weder gewebeschädigend noch krebserregend. Der Fachverband der plastischen Chirurgen sprach sich dennoch für das Recht der Frauen aus, die Implantate entfernen zu lassen.

Über Jahre hatte die inzwischen liquidierte Firma Poly Implant Prothèse (PIP), zeitweilig drittgrößter Hersteller von Brustimplantaten, ihre international vertriebenen Silikoneinlagen für Brustimplantate nicht mit dem zugelassenen Silikon-Gel gefüllt, sondern mit einem billigen Industrie-Ersatz. Als der Skandal aufflog und später eine Studie der französischen Aufsichtsbehörde Afssaps ein mögliches Krebsrisiko nicht ausschließen mochte, war die Sorge der noch immer unbekannten Zahl von Trägerinnen der Billigimplantate verständlicherweise hoch.

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Inzwischen liegen chemische Analysen der betroffenen PIP-Implantate vor. Sie zeigen, dass die Abweichungen vom medizinisch zugelassenen Silikon geringer sind als befürchtet. Grobe Verunreinigungen mit inorganischen oder organischen Schadstoffen wurden laut dem Bericht von Sir Bruce Keogh, dem Leiter des Staatlichen Gesundheitsdienstes in England (NHS), nicht gefunden. Die Abweichungen betreffen in erster Linie zyklische Silikone von geringem Molekulargewicht.

Diese Siloxane gelten als atoxisch, zumal sie legalerweise in einer Reihe von Hautpflegeprodukten enthalten sind. Die Forscher sehen deshalb keine akute Gesundheitsgefährdung für die PIP-Implantatträgerinnen. Es werde allerdings geprüft, ob Siloxane aufgrund ihrer kleinen Größe in die Muttermilch übertreten.

Bisher rät die britische Aufsichtsbehörde MHRA Wöchnerinnen mit PIP-Implantaten nicht grundsätzlich vom Stillen ab. Alle Toxizitätstest haben laut dem Bericht weder Hinweise auf eine Zytotoxizität oder eine Genotoxizität ergeben. Auch der etwas erhöhte Gehalt von radioaktivem Caesium (0,3 ppm) wird als unbedenklich eingestuft.

Das Rupturrisiko ist nach Ansicht der Experten dagegen 2- bis 6-fach höher als bei Implantaten anderer Hersteller. Wobei sich der Unterschied etwa 5 Jahre nach der Implantation bemerkbar macht. Nach den aktuellen Zahlen einer retrospektiven Analyse haben nach 5 Jahren 1,2 Prozent der PIP-Implantate versagt (andere Hersteller: 0,2 bis 0,4 Prozent), nach 10 Jahren waren es 3,1 Prozent (andere Hersteller: 0,5 bis 1,1 Prozent).

Diese Zahlen gelten jedoch nur als die Spitze des Eisbergs, da die meisten Rupturen nicht bemerkt werden. Die Experten schätzen, dass die Gesamtversagerrate (Ruptur oder Silikon-Bleeds) nach 5 Jahren 6 bis 12 Prozent und nach 10 Jahren 15 bis 30 Prozent betragen könnte (andere Hersteller: 10 bis 14 Prozent). Hinzu kommt ein erhöhtes Risiko von lokalen Gewebereaktionen im Fall einer Ruptur.

Seit Anfang des Jahres werden in England auf Wunsch PIP-Implantate entfernt. Die Ergebnisse werden prospektiv erfasst. Ein Drittel der Explantationen wurden aus prophylaktischen Gründen durchgeführt. Von diesen PIP-Implantaten sollen 23 Prozent Defekte (Ruptur oder Gel-Bleeds) aufweisen.

Die British Association of Aesthetic Plastic Surgeons hat den Bericht der Regierung begrüßt. Angesichts des erhöhten Rupturrisikos sei die Angst der betroffenen Frauen verständlich. Dies allein ist nach Ansicht der plastischen Chirurgen ein berechtigter Grund, die PIP-Implantate (durch plastische Chirurgen) entfernen zu lassen. Dies sehen viele betroffene Frauen offenbar auch vor.

Nach Auskunft des britischen Ge­sund­heits­mi­nis­teriums haben sich bereits 7.098 Trägerinnen, die sich das PIP privat also aus kosmetischen Gründen implantieren ließen, an einen Spezialisten des NHS gewandt, insgesamt 4.349 Untersuchungen wurden durchgeführt, und 490 Frauen haben sich zu einer Entfernung entschlossen. Insgesamt sollen 47.000 Frauen in Großbritannien PIP-Implantate tragen. © rme/aerzteblatt.de

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