NewsMedizinAlkoholabusus und soziale Isolation: Grund statt Folge
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Alkoholabusus und soziale Isolation: Grund statt Folge

Dienstag, 19. Juni 2012

Washington – Wenn sich Jugendliche auffällig zurückziehen, so ist der Grund dafür häufig ein übermäßiger Alkoholkonsum. Diese Erkenntnis steht im Gegensatz zu bisherigen Vermutungen, dass als Außenseiter deklarierte Jugendliche sich mit dem Alkohol Mut antrinken wollen und der Alkoholabusus somit eine Folge der sozialen Isolation ist. Das haben Wissenschaftler der University of Texas und der Michigan State University herausgefunden und in der Fachzeitschrift Journal of Health and Social Behavior (doi: 10.1177/0022146511433507) publiziert.

Mit dieser Studie wollten die Forscher untersuchen, wie der Alkoholkonsum von Schülern mit ihrem Gefühl für soziale Integration verbunden ist. Demnach fühlt sich eine signifikante Anzahl derjeniger Schüler ausgegrenzt, die regelmäßig Alkohol konsumieren.

Anzeige

Gerade in solchen Schulen, wo die anderen Schüler kaum alkoholische Getränke zu sich nehmen und wo besonders enge Freundschaften zu Gruppenbildung führen, fühlen sich die trinkenden Schüler dann um so mehr wie ein Außenseiter. In der Folge verschlechtern sich auch ihre schulischen Leistungen, was sich zusätzlich negativ auf die soziale Integration auswirkt.

Die Wissenschaftler analysierten Daten der „National Longitudinal Study of Adolescent Health“, aus der sie eine Zahl von 8.271 Schüler aus 126 Schulen wählten. Diese Studie ist ein seit 1994 geführtes Langzeitprojekt und gilt als die größte und umfangreichste Datensammlung in den USA über das Gesundheitsverhalten von Schülern zwischen der siebten und zwölften Klasse.

Die Autoren unter der Leitung von Robert Crosnoe untersuchten dabei viele Umfragen, die innerhalb der Studie erstellt wurden. Daraus erkannten sie, dass gerade diejenigen, die angaben, Alkohol zu trinken, häufiger allein waren oder sich allein fühlten. Dabei zeigte sich, dass diese Schüler dann später signifikant häufiger zum gefährlich übermäßigen Alkoholkonsum neigten. Auch nachdem die Autoren ihre vorläufigen Ergebnisse der Herkunft, der Ethnie, des Geschlechts oder dem sozioökonomischen Status anglichen, blieb die Assoziation bestehen.    hil

© hil/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #99598
Clemens-X
am Mittwoch, 20. Juni 2012, 11:46

Mal wieder zu wenig und nicht tiefgehend genug nachgedacht?

Schon wieder so eine Studie, bei der ich das ungute Gefühl von Publizismus und Nabelschau habe, anstatt von echtem Tiefgang:

Hat jemand bei Planung der Studie daran gedacht, dass der auffällige Alkoholkonsum ja ebenfalls eine Ursache haben muss? Dem auffälligen Alkoholkonsum gehen doch mit Sicherheit Erlebnisse des Betroffenen voraus, die zum diesem Trinkverhalten geführt haben.
Im einfachsten Fall ist es Modell-Lernen am Verhalten der ebenfalls auffällig Alkohol konsumierenden Bezugspersonen. Wenn dies ausscheidet, sehe ich aus dem Alltag meiner Praxis und Erfahrungen im Bekanntenkreis, dass auffälliger Alkoholkonsum fast immer eine dysfunktionale Bewältigungsstrategie darstellt.
Diese Bewältigungsstrategien beziehen sich meist entweder auf mangelnde Konfliktlösungskompetenzen oder auf mangelnde Befriedigung eigener emotionaler Grundbedürfnisse.

Die Studie wäre meines Erachtens nur dann wirklich etwas wert, wenn diese Ansätze zuvor berücksichtigt und skaliert erfasst worden wären. Denn fast zwangsläufig müsste das Ergebnis dann lauten:

Ursache für den Alkoholkonsum und auch für beginnende soziale Isolation sind die dysfunktionalen Bewältigungsstrategien des Betroffenen. Selbst der Alkoholkonsum stellt bereits eine weitere Stufe bzw. Variante dysfunktionaler Bewältigungsstrategien dar! Und all diese Strategien und Verhaltensweisen führen als Kollusionskreis immer schneller in die Ausgrenzung und Isolation und meist darüber hinaus in die Depression.
Solange in einer Therapie die Ursachen für die zu unterst liegende, meist in früher Kindheit begonnene Bewältigungsstrategie nicht aufgearbeitet worden ist, lässt sich die Abwärtsspirale nicht nachhaltig wirksam durchbrechen!

Ich führe die relativ hohen Rückfallquoten von Suchtkranken (Sucht = dysfunktionale Bewältigungsstrategie) und von Depressions-Betroffenen eben darauf zurück, dass in unserem nur auf Profit und Sparen angelegten, kaputten Gesundheitssystem sich nur wenige engagierte Therapeuten die Zeit nehmen, einen Betroffenen sowohl tiefenpsychologisch als auch verhaltenstherapeutisch bei der Auflösung dieser Muster zu begleiten, z.B. in Form der Schematherapie. Es kostet zu viel Zeit, zu viele Gutachten für die Krankenkasse zur Therapiebewilligung usw. Und die Betroffenen fördern dies auch noch, weil sie aus Angst um ihren Arbeitsplatz möglichst schnell wieder gesund werden wollen. Die schnelle Pille der Pharma-Industrie steht bereit: Quick & Dirty-Therapie nenne ich das!

Leider sehe ich, wie die in der Studie und ihren fast schlagzeilenhaft plakativen Ergebnissen auch die allgemein und international zunehmende Oberflächlichkeit sichtbar wird: Quick 'n Dirty eben!

Clemens M. Hürten - gesSo - Rottweil
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER