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Politik

Häusliche Pflege in Deutschland auf Kosten von osteuropäischen Familien

Mittwoch, 20. Juni 2012

dpa

Berlin – „Die Zahl der Straßenkinder und unversorgten alten Menschen in Osteuropa steigt deutlich an, weil osteuropäische Frauen bei uns Lücken in der Pflege schließen müssen.“ Das hat der Präsident des Deutschen Caritasverbandes, Prälat Peter Neher, am Mittwoch bei der Vorstellung des Jahresberichts in Berlin beklagt. Die Versorgung von pflegebedürftigen Menschen in ihrer hiesigen häuslichen Umgebung geschehe derzeit oft auf Kosten der Menschen in Osteuropa.

100.000 bis 200.000 Haushaltshilfen und Pflegekräfte aus Polen, der Ukraine und anderen Ländern Osteuropas arbeiten nach Schätzungen der Caritas derzeit in Deutschland. Ein Großteil von ihnen ist illegal hier, in der Regel Frauen aus Staaten, die nicht zur Europäischen Union gehören wie Serbien. Pflegekräfte, die legal beschäftigt sind, müssen nach Kenntnis der Caritas oft Arbeitsverhältnisse akzeptieren, die nicht bundesdeutschen Standards entsprechen. „Nur eine verschwindend geringe Minderheit arbeitet sozialversichert in Deutschland“, sagte Neher.

Der Caritas-Präsident wies darauf hin, dass der Bedarf an Pflege auch in Mittel- und Osteuropa steige. Dort schreite die Alterung der Gesellschaften teilweise sogar noch rasanter voran als bei uns. Caritas international, das Hilfswerk des Verbands, fördert deshalb seit längerem den Aufbau von Sozialstationen in Osteuropa. Seit 1990 wurden mehr als 450 davon in elf Ländern aufgebaut, Kernaufgabe ist die mobile Altenpflege.

„Seit einigen Jahren stellen wir fest, dass es immer schwerer wird, diesen erreichten Stand in Bezug auf die pflegerische Versorgung zu halten“, berichtete Neher. Grund sei die zunehmende Abwanderung der jungen Osteuropäer in den Westen ­­– auch zur häuslichen Pflege. So entstehe ein Dominoeffekt, warnte Neher: „Osteuropäische Pflegekräfte schließen Lücken in Deutschland und ermöglichen den alten Menschen, länger in der gewohnten Umgebung zu leben; dadurch werden aber neue Lücken in der Pflege in Osteuropa gerissen.“

Die Caritas will auf das Problem mit mehreren Maßnahmen reagieren. Einfache Lösungen und Patentrezepte habe man aber nicht, hieß es einschränkend. Auch in Zukunft wolle man die Hilfe für nicht versorgte alte Menschen und Sozialwaisen organisieren, erläuterte der Caritas-Präsident. Der Verband will zudem einen Betrag zur Legalisierung und zur regulären Beschäftigung der osteuropäischen Pflegekräfte leisten - wohlwissend, dass er damit den Pflegekräftetransfer unterstützt.

„Es ist der Versuch, ein Stück Regelung zu bekommen“, erläuterte Neher. Nach seiner Kenntnis wäre es häufiger als bisher möglich, die Pflege in einem regulären Arbeitsverhältnis zu organisieren. Doch trauen sich dies viele Angehörige von Pflegebedürftigen aufgrund erheblicher bürokratischer Hürden oft nicht zu. Neher weiß allerdings auch, dass die Pflege in einem regulären Arbeitsverhältnis meist teurer ist, was ebenfalls viele abschreckt. Die geregelte Pflegemigration könne gleichwohl ein Baustein sein, wenn es darum gehe, insgesamt Lösungen für den wachsenden Pflegebedarf in Deutschland zu suchen, befand er. Qualifizierte Kräfte könnten zudem nach ihrer Heimkehr die dortige Pflegesituation verbessern.

Konkret arbeitet der Caritasverband bisher in den Bistümern Paderborn und Augsburg an Migrationslösungen. Dort werden mit Hilfe der Caritas Polen polnische Haushaltshilfen in reguläre Arbeitsverhältnisse vermittelt, die Mindeststandards in Bezug auf Entlohnung, Qualifizierung und Versicherung erfüllen.

Neher mahnte aber auch ein sinnvolles Gesamtkonzept für die Pflege an. Die zukünftigen Anforderungen könne man nur durch einen Lösungsmix bewältigen. Als Beispiele für solche Lösungsbausteine nannte er die Nachbarschaftshilfe oder Mehrgenerationenhäuser. Ohne zusätzliches Geld für den pflegerischen Bereich werde der Lösungsmix allein aber nicht helfen. Wenn häusliche Pflege angemessen bezahlt werde, betonte der Caritas-Präsident, sei sie nicht billiger als stationäre. © Rie/aerzteblatt.de

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Avatar #658647
kranker deutscher
am Dienstag, 6. November 2012, 15:17

Einfache Lösungen und Patentrezepte habe man aber nicht, hieß es einschränkend.

also ich finde die Lösung vom Andreas wirklich gut, aber es gibt noch eine dritte Lösung, endlich normal denkede Bürger an die Macht lassen, dann brauchen wir keine so hochbezahlte "doktoren" wie "von Gutenberg" finanzieren, und schon haben wir endlich wirkliche Doktoren in Deutschland, und diese angebliche superstudierte an der Baumschule können daheim bleiben. Ich habe vertrauen in unsere doktoren, nur unsere Regierung nicht, weil sie denken das es nur gekaufte Doktortitel gibt. Aber die Mehrheit der deutschen Bürger sind ehrlich, weil sie keine Politiker sind.
Avatar #87388
Andreas Skrziepietz
am Montag, 25. Juni 2012, 13:50

Einfache Lösungen und Patentrezepte habe man aber nicht, hieß es einschränkend.

ich habe sie: mehr geld! einfach das geld, das wir den banken geben, entsprechend umleiten. so einfach ist das!
bisher läuft es ja so: 6 semester vwl: anfangsgehalt 7000€; 6 jahre medizinstudium: anfagnsgehalt 700€ (Aip-tarif=große chance für junge mediziner).
warum sollte jemand unter diesen bedingungen beim gesundheitswesen arbeiten wollen?
falls lösung 1 nicht durchfürbar ist, geht natürlich immer noch lösung 2: Blitzkrieg und deportation polnischer, ukrainischer usw. fremdarbeiter ins reich.
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