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Medizin

Vogelgrippe: „Supervirus“ könnte auch in der Natur entstehen

Freitag, 22. Juni 2012

dpa

Rotterdam – Mit mehrmonatiger Verspätung ist jetzt in Science (2012; 336: 1534-1541) die zweite und umstrittenere der beiden Studien zum „Supervirus“ der Vogelgrippe erschienen, die nach einer Befürchtung von US-Behörden Terroristen die Bauanleitung für ein tödliches Pandemie-Virus in die Hände spielen könnten. Während sich diese Sorge inzwischen weitgehend gelegt hat, beschäftigen sich die Forscher mit der Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit die im Labor kreierten Mutationen auch spontan in der Natur entstehen könnten.

Vor einem Monat hatte die Gruppe um Yoshihiro Kawaoka von der Universität von Wisconsin-Madison in Nature (2912; 486: 420-428) beschrieben, wie sie im Labor die Gene des Vogelgrippevirus H5N1 mit dem Pandemievirus H1N1 von 2009 gemischt hatten. Das Ergebnis war ein „Supervirus“, das die hohe Infektiosität von H1N1, das sich 2009 innerhalb weniger Monate global ausgebreitet hatte (aber verhältnismäßig wenig Schaden anrichtete), mit der Pathogenität von H5N1 vereinte, das mehr als die Hälfte aller Infizierten tötet.

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Es gibt allerdings Zweifel an der hohen Letalität von H5N1, denn die 606 von der Welt­gesund­heits­organi­sation bis Anfang Juni dokumentierten Erkrankungen sind möglicherweise nur die Spitze eines Eisbergs, so dass die Quotient mit den 357 Todesfälle die Letalität möglicherweise sehr stark übertreibt. Doch eine Case-Fatality-Rate von wenigen Prozent könnte ausreichen, um die Opferzahlen der Spanischen Grippe von 1918/20 zu erreichen oder sogar noch zu übertreffen.

Während Kawaoka das „Supervirus“ mit hohem gentechnischen Aufwand letztlich aus zwei Viren zusammen „schweißte“, gelang Ron Fouchier von der Erasmus Universität in Rotterdam das Kunststück, wenn man es denn so nennen möchte, mit einfacheren Werkzeugen. Mittels gezielter Mutagenese (site-directed mutagenesis), einem Standardverfahren der Genetik, wandelte das Team das H5N1-Virus direkt in ein „Supervirus“ um.

Dazu waren nur drei Mutationen erforderlich. Zwei weitere entstanden, als das Virus durch zehn Passagen in Frettchen an den neuen Wirt „angepasst“ wurde. Dies ist ebenfalls ein Standardverfahren. Es wird beispielsweise in der Impfstoffherstellung zur Attenuierung von Lebendviren verwendet. Die Passagen machen die Viren kontagiöser, sie führt aber meistens auch zu einem (bei der Impfstoffherstellung gewünschten) Verlust der Pathogenität.

Am Ende überlebten die Versuchstiere die Infektion mit dem Supervirus, sofern sie nicht mehr sehr hohen Mengen infiziert wurden. Eine ähnliche Abschwächung hätte sich vermutlich auch bei einer Pandemie ergeben, falls die Superviren versehentlich aus den Labors in die Umwelt freigesetzt worden wären.

Jetzt, da die Publikationen vorliegen, dreht sich die Diskussion um die Frage, ob die für eine erhöhte Pathogenität des Vogelgrippe-Virus erforderlichen Mutationen auch spontan in der Natur entstehen könnten. Dass dies in mehr als 15 Jahren – das erste H5N1-Virus wurde 1996 bei Vögeln entdeckt – nicht geschah, ist eigentlich ein gutes Zeichen, aber keine Garantie.

Die kann es in der Natur nicht geben, und das Team um Colin Russel von der University von Cambridge in England weist jetzt ebenfalls in Science (2012; 336: 1541-1547) nach, dass zwei der von Fouchier und Kawaoka im Labor kreierten Mutationen bereits in der Natur vorkommen. Einige dieser Wildtyp-Viren verfügen bereits über beide Mutationen, sodass nur noch wenige Veränderungen für die Entstehung eines natürlichen Supervirus fehlen.

Ob es zu diesem Vogelgrippe-GAU kommt, ist laut Russel nicht vorhersehbar, aber auch nicht ausgeschlossen. Der Forscher hält es deshalb für notwendig, die Vogelgrippe-Erkrankungen beim Menschen in Zukunft genau zu beobachten und auf Veränderungen in den Virusgenen zu achten. © rme/aerzteblatt.de

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