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Urologen: Weniger zu operieren wäre möglich

Dienstag, 3. Juli 2012

Berlin – Verträge zur integrierten Versorgung (IV-Verträge) sind seit dem Auslaufen der Anschubfinanzierung selten geworden – auch weil viele Krankenkassen sich scheuen, langfristig in diese Verträge zu investieren. Der Berufsverband der Deutschen Urologen (BDU) wirbt bei den Krankenkassen nun dafür, mit ihrer Fachgruppe IV-Verträge abzuschließen. BDU-Präsident Axel Schroeder erklärt im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt, weshalb sich damit die Patientenversorgung verbessern und gleichzeitig Geld einsparen ließe.

Fünf Fragen an Axel Schroeder, Präsident des Berufsverbandes der Deutschen Urologen

DÄ: Sie werben dafür, dass die Krankenkassen mit den Urologen IV-Verträge schließen sollen. Warum?

Schroeder: Weil wir im Bereich der Urologie damit Versorgungsdefizite ausgleichen, die Patienten­versorgung verbessern und Ressourcen schonen wollen.

DÄ: Wie soll das funktionieren?

Schroeder: In der Urologie werden heute viele Patienten im Krankenhaus behandelt, die auch ambulant versorgt werden könnten. 2009 wurden in deutschen Krankenhäusern 32.000 Männer mit einem Prostatakarzinom operiert, weitere 77.000 waren gutartige Fälle. Dafür hat die gesetzliche Kranken­versicherung 225 Millionen Euro ausgegeben. Das müsste aber nicht sein, wenn wir ambulant vor stationär effektiv umsetzen würden. 

DÄ: Warum müsste das nicht sein?

Schroeder: Für die Behandlung eines Prostatakarzinoms gibt es fünf Optionen: Operation, Strahlentherapie, Hormontherapie – das ist alles nicht ohne Neben­wirkungen, belastet den Patienten, schränkt seine Lebensqualität ein und hat zudem noch einen nicht unerheblichen Preis. Oder die sogenannte active surveillance, also eine aktive Überwachung, und das watchful waiting, das Abwarten. Und genau das ist es, was wir wollen.

Krebserkrankungen sind letztendlich ganzheitliche Erkrankungen. Wir wollen den Patienten aktiv begleiten. Das Problem ist nur: Für ein solches Disease-Management gibt es kein Programm und kein Geld. Dabei ist eine Patientenbegleitung sehr arbeitsintensiv. Denn die Patienten wollen eine Therapie, und sie fühlen sich unbehandelt, wenn man einfach nur wartet und beobachtet. Das muss man den Patienten erklären. Doch dafür gibt es heute nur circa 20 Euro im Quartal für den niedergelassenen Urologen.

DÄ: Das heißt, die Urologen operieren zu viel?

Schroeder: Ja und nein. Es kommt auf die Art des Tumors an. Es gibt milde Formen eines Prostatakrebses, die zum Beispiel im Alter auftreten. Da ist eine Operation nicht in jedem Fall die beste Therapie. Es gibt aber auch aggressive Formen, bei denen man unbedingt operieren muss. Das Problem an der Situation, wie wir sie heute haben, ist, dass die Anreize falsch gesetzt sind.

Für eine Operation im Krankenhaus gibt es viel Geld. Für eine aktive Begleitung der Patienten ohne eine Operation gibt es fast gar nichts. Dabei könnte man hier viel Geld einsparen. Selbst wenn man einen Patienten über zehn Jahre begleiten und dabei 250 Euro für ein Gespräch veranschlagen würde, hätte man weniger Ausgaben als bei einer einzigen Operation. Und das bei einer verbesserten Lebensqualität.

Ich möchte aber auch klar sagen: Bei einem diagnostizierten Karzinom nichts zu machen, ist sowohl eine Herausforderung für den Patienten als auch für den Arzt. Trotzdem glauben wir, dass es in vielen Fällen der richtige Weg ist. Denn Studien haben gezeigt: Zu operieren ist nicht zwingend besser als zu warten. Dafür müssen wir aber, wie gesagt, die Rahmenbedingungen ändern. Heute haben wir einen Bundesmantelvertrag zur Onkologie, in dem die sprechende Medizin vollkommen unberücksichtigt ist. Hier können IV-Verträge ansetzen.

DÄ: Warum sind gerade die Urologen für IV-Verträge geeignet?

Schroeder: Wir sind eine überschaubare Fachgruppe. Und wir sind exzellent vernetzt. Wir waren die erste Fachgruppe, die umfassende Netzstrukturen entwickelt hat. Wir haben bundesweit zertifikationsgebundene verbindliche Strukturen. Wir haben eine zentrale Managementgesellschaft, wir haben mit dem BDU einen zentralen Ansprech­partner. Und wir haben eine Dokumentationsplattform, über die die Leistungen von lokalen IV-Verträgen abgerechnet werden können.

Übrigens haben wir schon eine eigene urologische Versorgungsstudie initiiert. Mit HAROW untersuchen wir die Versorgungssituation von 5.000 Patienten mit einem neu diagnostizierten Prostatakarzinom. Damit wollen wir zeigen, dass eine active surveillance absolut sinnvoll ist.

Die geplante präferenzbasierte Studie zum Niedrigrisiko-Prostatakarzinom, PREFERE, der Deutschen Krebshilfe, dem Spitzenverband Bund der Krankenkassen, die in Kooperation mit den Urologen und Strahlentherapeuten erfolgt, zielt genau in diese Richtung, wenn es um Versorgungsforschung und Ergebnisqualität beim Prostatakarzinom geht. © fos/aerzteblatt.de

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