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Medizin

Toxoplasmose als Suizidrisiko

Mittwoch, 4. Juli 2012

Baltimore – Eine von vier Erwachsenen ist mit dem Parasiten Toxoplasma gondii infiziert, der unter anderem das Gehirn befällt. Die Infektionen sind in der Regel asymptomatisch, doch ein US-Neuroimmunologe glaubt, dass der Erreger die Anfälligkeit für psychia­trische Erkrankungen erhöht. Seine Analyse einer Kohorte aus Dänemark in den  Archives of General Psychiatry (2012; doi: 10.1001/archgenpsychiatry.2012.668) liefert hierfür Argumente, ohne die Hypothese beweisen zu können.

Das Protozoon T. gondii wird von Katzen (und verwandten Raubtieren) mit den Faeces ausgeschieden. Die Menschen infizieren sich entweder über den Kontakt mit den Faeces (über die Hand oder durch ungewaschenes Gemüse) oder durch den Verzehr von unzureichend erhitztem Fleisch infizierter Tiere. Auch der Mensch gehört zu den Zwischenwirten, in denen die Parasiten ausharren, bis sie einem katzenartigen Raubtier zum Opfer fallen (die Parasiten können nicht wissen, dass dies beim Menschen selten der Fall ist).

Neben der Muskulatur ist regelmäßig auch das Gehirn befallen. Dort überleben die Parasiten in Zysten, von denen jede Tausende von T. gondii enthalten kann. Nicht wenige Forscher sind davon überzeugt, dass die Hirninfektion nicht ohne Folgen bleibt, auch wenn die Patienten – mit Ausnahme von Feten – asymptomatisch sind.

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Zu den Wissenschaftlern, die intensiv nach Spätschäden der Infektionen suchen, gehört Teodor Postolache von der Maryland School of Medicine in Baltimore. Der Forscher hat das Glück, dass in Dänemark Anfang der 90er Jahre in mehreren Regionen ein Screening von Neugeborenen durchgeführt wurde. Nachgewiesen wurden Antikörper, die in den ersten Lebensmonaten noch von der Mutter stammen. Etwas mehr als ein Viertel der Neugeborenen und damit auch die Mütter waren seropositiv.

Dank der persönlichen Identifikationsnummer, die in Dänemark in allen Krankheits­registern verwendet wird, konnte Postolache untersuchen, welche Frauen später wegen psychischer Erkrankungen behandelt wurden. Im letzten Jahr hat der Forscher bereits berichtet, dass seropositive Frauen ein um 68 Prozent erhöhtes Risiko auf eine Schizophrenie haben. Die Assoziation war allerdings nur bei einer breiten Kategorie (Schizophrenie-Spektrum-Störungen) signifikant American Journal of Psychiatry 2011; 168: 814-21).

Jetzt berichtet Postolache, dass seropositive Frauen doppelt so häufig wie andere Suizid begehen. Wie in der früheren Analyse war die Assoziation nicht signifikant, so dass Postolache die Definition auf alle „gegen sich selbst gerichtete Gewaltakte“ erweiterte. Dazu zählte er neben Suiziden auch Suizidversuche und einige Vergiftungen, die häufig in suizidaler Absicht erfolgen. Das relative Risiko von 1,53 erreichte jetzt mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,27 bis 1,85 das Signifikanzniveau.

Die schwache Assoziation in einer prospektiven Beobachtungsstudie kann die kausale Rolle der Infektion natürlich nicht beweisen. Hierzu müsste in einer Therapiestudie bewiesen werden, dass eine Behandlung der latenten Toxoplasmose die psychiatrischen Folgen verhindern kann. Dies dürfte einmal daran scheitern, dass die bekannten Medikamente gegen die stoffwechselarmen Parasiten in den Hirnzysten keine gute Wirkung haben.

Außerdem ist der zu vermeidende Endpunkt selten: Nur acht von über 10.000 seropositiven Frauen begingen einen Suizid. Selbst bei einem gutem Wirkstoff müsste eine sehr große Anzahl von Patienten behandelt werden, und die Chance auf eine günstige Nutzen-Risiko-Relation wäre wohl gering. © rme/aerzteblatt.de

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