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Medizin

Autismus und Schizophrenie mit gemeinsamen Wurzeln

Mittwoch, 4. Juli 2012

Chapel Hill – Die Kinder und Geschwister von Patienten mit Schizophrenie haben ein erhöhtes Risiko an einer Autismus-Spektrum-Störung zu erkranken. Die zeigen drei Fall-Kontroll-Studien in den Archives of General Psychiatry (2012. doi:10.1001/­archgenpsychiatry.2012.730). Es könnte auch eine Verbindung zu bipolaren Störungen geben.

Autismus und Schizophrenie sind erst seit den 1980er Jahre getrennte Erkrankungen. Historisch wurde der Autismus als die kindliche Variante der Schizophrenie gesehen, und Eugen Bleuler, der den Begriff der Schizophrenie geprägt hat, betrachtete den  Autismus als eine mögliches Erscheinungsform der Psychose. Tatsächlich könnte es bei allen Unterschieden (im Manifestationsalter und in den Symptomen) mehr Gemeinsamkeiten geben, als die heutige streng getrennte Klassifikation vermuten lässt.

In ihrer ersten Studie haben Patrick Sullivan von der Universität von North Carolina in Chapel Hill und Mitarbeiter die Daten des Nationalen Patientenregisters Schwedens ausgewertet. Es umfasst alle Entlassungsdiagnosen der Kliniken seit 1973, und seit 2001 auch alle ambulanten psychiatrischen Behandlungen.

Ergebnis: Die Kinder von Schizophrenie-Patienten erkranken 2,9-fach häufiger als andere an einer Autismus-Spektrum-Störung. Für die Geschwister war das Risiko 2,6-fach erhöht. Auch die Diagnose einer bipolaren Störung erhöhte für die Verwandten ersten Grades das Autismusrisiko.

Eine zweite Fall-Kontroll-Studie im Bezirk Stockholm, die alle Kinder und Jugendliche zwischen 1984 und 2007 umfasst, bestätigte im Wesentlichen den Befund. In dieser Untersuchung konnte auch zwischen autistischen Kindern mit und ohne mentale Retardierung – sie ist Kennzeichen des schweren frühkindlichen Autismus – unter­schieden werden. Beide Varianten treten häufiger auf, wenn die Eltern an einer Schizo­phrenie litten. Die Beziehung zur bipolaren Störung war hier schwächer als in der ersten Studie und für Kinder mit mentaler Retardierung nicht signifikant.

Besonders deutlich war die Assoziation in der dritten Kohorte aus Rekruten der israe­lischen Armee: Hier erkrankten die Geschwister von Schizophrenie-Patienten nicht weniger als 12 Mal häufiger an einer Autismus-Spektrum-Störung. Sullivan führt dies auf die gute Erfassung von frühen Formen der Schizophrenie in Israel zurück. Die Verbindung zur bipolaren Störung wurde hier nicht untersucht.

Sullivan sieht in der Assoziation einen Hinweis für gemeinsame ätiologische Wurzeln von Schizophrenie und Autismus-Spektrum-Störung. Er verweist auf jüngste Ergebnisse der Genomforschung, die die gleichen seltenen „copy number variants“ bei beiden Erkrankungen gefunden haben. Viele Psychiater deuten Autismus und Schizophrenie als genetisch bedingte Entwicklungsstörungen des Gehirns, die sich in verschiedenen Lebensaltern auftreten. © rme/aerzteblatt.de

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