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Kindesmissbrauch: Den Teufelskreis transgenerationaler Traumatisierung durchbrechen

Donnerstag, 5. Juli 2012

dpa

Berlin – Mütter, die in ihrer Kindheit Opfer von Missbrauch oder Vernachlässigung wurden, leiden ein Leben lang unter den Folgen. Häufig geben sie diese Miss­brauchserfahrungen an ihrer eigenen Kinder weiter. In vielen Fällen ist ihre Fürsorge­fähigkeit beeinträchtigt, es gelingt den betroffenen Müttern nicht, die Gefühle ihrer Kinder einzuordnen und angemessen zu reagieren.

„Dieser ‚cycle of abuse‘ kann sich über Generationen fortsetzen“, sagte Romuald Brunner, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Heidelberg, anlässlich des Starts des Forschungsprojekts „Von Generation zu Generation: Den Teufelskreis der Traumatisierung durchbrechen“, das am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

Im Rahmen der gemeinsamen Forschungsprojekte der Universitätsmedizin Berlin, des Universitätsklinikums Heidelberg, des Universitätsklinikum der RWTH Aachen und der Otto-Guerike-Universität Magdeburg wird nun versucht, die Ursachen dieses Kreislaufs von Misshandlung und Traumatisierung zu verstehen, um herauszufinden, wie der „Teufelskreis“ durchbrochen werden kann.

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„Wir betreiben Grundlagenforschung und klinische Anwendung“ erklärte Projektsprecher Brunner. Das Bundesministerium für Bildung, Forschung und Technologien (BMBF) fördert das Vorhaben mit 1,2 Millionen Euro als Teil des Forschungsnetzes „Missbrauch, Vernachlässigung und Gewalt im Kindes- und Jugendalter“, das vom Runden Tisch „Sexueller Kindesmissbrauch“ initiiert wurde. „Zu einer Kultur des Hinsehens und zum Schutz der Kinder gehört auch die empirische Forschung“, betonte Helge Braun, Parlamentarischer Staatssekretär im BMBF.

Felix Bermpohl, Psychiatrische Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus und Berlin School of Mind and Brain, stellte das Berliner Projekt vor, dass die Depression in den Mittelpunkt stellt.  Untersucht werden soll, wie sich mütterliche Traumatisierung und Depression auf psychosoziale und neurobiologische Korrelate mütterlicher Sensitivität auswirken, ebenso auf Affektregulation, Feindseligkeit und Kindesmiss­brauchspotenzial.

Bei den dazugehörigen Kindern zwischen sechs und elf Jahren wird die Lebensqualität, Responsivität, Entwicklung und Psychopathologie untersucht. Evaluiert wird zudem  eine interaktions-fokussierte Intervention, die in der „Sprechstunde für Mütter mit Depression und ihre Kinder“ eingesetzt wird. Bermbohl wies darauf hin, dass für das Projekt noch Teilnehmerinnen gesucht werden.

Die Berliner Daten sollen dann verglichen werden mit Daten der Klinik für Allgemeine Psychiatrie am Universitätsklinikum Heidelberg. Sabine Herpertz untersucht dort Mütter mit Traumatisierung aber ohne Depression. „Wir können dabei auf eine Stichprobe zurückgreifen, die zwischen 2004 und 2005 traumatisierte Mütter und ihre Säuglinge untersuchte“, berichtete Klinikdirektorin Herpertz. Diese Stichprobe soll nun erneut mit den inzwischen sieben bis acht Jahre alten Kindern untersucht werden. Die grundlegende Fragestellung lautet dabei: „Wie funktioniert die transgenerationale Weitergabe negativer Kindheitserfahrungen und wie kann sie gestoppt werden?“

Das Projekt von  Beate Herpertz-Dahlmann, Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Universitätsklinikum der RWTH Aachen, beschäftigt sich gezielt mit Müttern unter 20. „Teenage-Mütter leiden häufiger als erwachsene Mütter unter traumatischen Kindheitserfahrungen und unter postpartalen Depression“, erklärte die Klinikdirektorin.

Sie stellten deshalb eine Hochrisikogruppe für Kindesvernachlässigung und Miss­handlung dar. Im Rahmen der Studie sollen die Effekte eines neunmonatigen strukturierten Eltern-Kind- Interventionsprogramms („TeeMo“) auf die mütterliche Feinfühligkeit und die Entwicklung des Kindes untersucht werden. Außerdem sollen die neurobiologischen Mechanismen, die dazu führen, dass ungünstiges Erziehungs­verhalten von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird, betrachtet werden.

Am Institut für Biologie an der Otto-Guerike-Universität Magdeburg schließlich unter­suchen Anna Katharina Braun und Jörg Bock an Tiermodellen die epigenetischen Mechanismen von trans-generationalen neuronalen und synaptischen Veränderungen in präfronto-limbisch-hypothalamischen Schaltkreisen nach perinatalen Stresserfahrungen.

In den letzten Jahren konnte bereits nachgewiesen werden, dass Störungen der Mutter-Kind-Beziehung die Reifung präfronto-limbisch-hypothalamischer Schaltkreise und die Entwicklung sozio-emotionaler Verhaltensweisen negativ beeinflusst hat. „Die zugrundeliegenden epigenetischen Mechanismen sind aber noch nahezu unbekannt“, sagte Braun. © pb/aerzteblatt.de

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