NewsMedizinMultiple Sklerose: Genmutation führt zu Medikamentenversagen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Multiple Sklerose: Genmutation führt zu Medikamentenversagen

Montag, 9. Juli 2012

Oxford – Während TNF-Blocker das Fortschreiten der meisten Autoimmunerkrankungen verlangsamen, können sie bei der multiplen Sklerose eine Exazerbation auslösen. Eine mögliche Erklärung fanden Forscher in Nature (2012; doi: 10.1038/nature11307) jetzt bei der Untersuchung einer Genvariante.

Im letzten Jahr hatte eine genomweite Assoziationsstudie (GWAS) herausgefunden, dass Menschen mit der Genvariante rs1800693 zu 12 Prozent häufiger an einer multiplen Sklerose erkranken (Nature 2011; 476, 214–219). Das ist zwar nur ein gering erhöhtes Risiko, und rs1800693 erklärt wahrscheinlich nur wenige MS-Erkrankungen. Die Aufklärung der funktionellen Hintergründe könnte jedoch von größerer Bedeutung sein. Davon ist ein internationales Forscherteam um Lars Fugger von der Universität Oxford überzeugt, zu dem auch Mediziner der Universitäten Bochum und Düsseldorf und des Max-Planck-Instituts für Biochemie in Martinsried gehören.

Anzeige

Die Forscher haben herausgefunden, welcher Gendefekt sich hinter der Genvarianten rs1800693 verbirgt. Diese Frage bleibt in GWAS in der Regel unbeantwortet, da sie nur eine statistische Häufung von sogenannten Einzelnukleotid-Polymorphismen (SNP, single nucleotide polymorphism) aufspüren, ohne deren Funktion zu kennen.

Die Experimente von Fugger haben nun gezeigt, dass sich rs1800693 auf dem Gen für den Tumornekrosefaktor-Rezeptor 1 befindet. Es handelt sich um eine Punktmutation. Sie führt dazu, dass der normalerweise membrangebundene Rezeptor löslich ist. Er zirkuliert im Interstitium des Gehirns, wo er das Signalmolekül TNF alpha bindet und dadurch dessen Wirkung neutralisiert.

Die Mutation hat damit die gleiche Wirkung wie eine Therapie mit TNF-Inhibitoren, die ebenfalls an TNF alpha binden und deren Wirkung blocken. TNF-Inhibitoren sind bekanntlich effektive Medikamente bei einer Reihe von Autoimmunerkrankungen, zu denen auch die multiple Sklerose gehört. TNF-Blocker wurden deshalb frühzeitig bei der MS untersucht. In der Lenercept Multiple Sclerosis Study Group kam es Ende der 90er Jahre jedoch nicht zu der erhofften Verminderung der Schubrate. Beobachtet wurde vielmehr ein Anstieg der Exazerbationen (Neurology 1999; 53: 457–465).

Ralf Gold (St. Josef-Hospital Bochum), der an der Studie beteiligt war, gibt jetzt folgende Erklärung für dieses paradoxe Ergebnis. Der Direktor der dortigen Neurologischen Uniklinik vermutet, dass die TNF-Blocker im Körper die Wirkung der Mutation verstärken, die an sich bereits schädlich sei, heißt es in der Pressemitteilung der Universität Bochum. Gold sieht hier einen möglichen neuen Ansatzpunkt für neue Therapien, lässt aber offen, worum es sich dabei handeln könnte.

Im Grunde genommen zeigt die Studie nur, dass sich die multiple Sklerose durch die Genvariante rs1800693 von den meisten anderen Autoimmunerkrankungen unterscheidet, wo die Genvariante rs1800693 bisher sehr selten gefunden wurde.

Ausnahmen sind nach Angaben in der Studie die Spondylitis ankylosans und die primär biliäre Zirrhose. Dies könnte bedeuten, dass die Therapie mit TNF-Antagonisten hier ebenfalls riskant sein könnte (was aber noch nicht untersucht wurde). Theoretisch ist es sogar möglich, dass die multiple Sklerose und verwandte Erkrankungen wie die Oktikusneuritis durch eine Therapie von Rheumapatienten mit TNF-Antagonisten demaskiert oder sogar ausgelöst werden kann. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

11. Dezember 2019
Mailand – Stürzen Menschen mit Multipler Sklerose (MS), die Interventionen zur Sturzprävention erhalten, seltener als diejenigen, die keine Behandlung erhielten? Führen darüber hinaus verschiedene
Cochrane-Review zur Sturzprävention bei MS-Patienten bescheinigt schlechte Evidenz
9. Dezember 2019
Berlin/Köln – Empfehlungen, wie die Perspektiven der Patienten mit Multipler Sklerose (MS) bei klinischen Studien stärker berücksichtigt werden können, hat eine Arbeitsgruppe der
Experten für mehr Patientenzentrierung in Studien zur Multiplen Sklerose
4. Dezember 2019
München – Das krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) hat die Anwendung des MS-Therapeutikums Alemtuzumab (Lemtrada) bewertet. Hintergrund sind schwere Nebenwirkungen des Präparates
Kompetenznetz kommentiert Anwendung von Alemtuzumab bei Multipler Sklerose
26. November 2019
Stockholm – Ein neuer Nachweistest, der zwischen 2 verschiedenen Typen der humanen Herpesviren (HHV 6) unterscheiden kann, liefert neue Argumente für die seit langem vermutete Virus-Ätiologie der
Herpesviren könnten Multiple Sklerose auslösen
25. November 2019
Mailand/Cleveland – Der Wirkstoff Ozanimod, der wie Fingolimod und Siponimod zu den S1P-Rezeptor-Modulatoren gehört, hat in 2 randomisierten Studien bei Patienten mit rezidivierend-remittierender
Ozanimod: Weiterer S1P-Modulator bei Multipler Sklerose wirksam
22. November 2019
München – Die Arbeit mit Zwillingen hat es einem Forscherteam des Instituts für Klinische Neuroimmunologie der Ludwigs-Maximilians-Universität in München ermöglicht, früheste Stadien der Multiplen
Wissenschaftler beschreiben Vorformen der Multiplen Sklerose
20. November 2019
Kiel – Eine Ernährung ohne die Aminosäure Tryptophan verändert die Zusammensetzung der Darmbakterien bei Mäusen und sorgt dafür, dass die Tiere keine Symptome einer experimentell erzeugten Multiplen
VG WortLNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER