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Ausland

Aids-Krise verändert afrikanische Gesellschaft

Dienstag, 10. Juli 2012

dpa

Gießen – Die Aids-Krise und die hohe Zahl an Aids-Waisen wird nach Einschätzung von Soziologen zu starken Veränderungen in den Gesellschaften des südlichen Afrika führen. „Wir vermuten, dass diese Herausforderung die Gesellschaften in Afrika verän­dern wird und auch neue soziale Kräfte, neue soziale Milieus und Unterstützungs­netze entstehen lässt“, sagte heute der Gießener Soziologe und Afrika-Experte Reimer Gronemeyer.

„Nachbarschaften und Dorfgemeinschaften könnten wichtiger werden. Wir beobachten aber auch, dass ganz andere Lebensläufe üblich werden: Menschen, die aus dem Verbund ihrer Familie herausgefallen und auf sich gestellt sind. Also eine Individualisierung.“

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Gronemeyer leitet ein im März aufgelegtes Forschungsprojekt über die sozialen Folgen der Aids-Waisen-Krise im südlichen Afrika und speziell in Namibia, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt wird. Der evangelische Theologe verwies auf Schätzungen, nach denen gegenwärtig 15 Millionen Kinder und Jugendliche in Afrika einen Elternteil oder sogar beide Eltern durch Aids verloren haben.

Bislang seien die Aids-Waisen meist von ihren Großfamilien aufgenommen und versorgt worden, erläuterte Gronemeyer. „Afrikanische Kinder sind, emotional und was ihre Versorgung betrifft, weitaus weniger an ihre leiblichen Eltern gebunden, als das bei uns der Fall ist“, sagte er. „Es gibt nach dem Tod der Eltern jemand, der an die Stelle tritt und Verantwortung übernimmt.“ So seien die Schwestern der Mütter in der afrikanischen Tradition schon immer auch als Mütter angesehen worden.

Durch die Vielzahl der Erkrankten, Verstorbenen und Verwaisten gerieten jedoch auch diese fest verwurzelten Strukturen immer deutlicher an die Grenzen ihrer Belastbarkeit, fügte der Wissenschaftler hinzu. „Wir erleben heutzutage Tanten oder Großmütter, die 15, 20 oder noch mehr verwandte Kinder aufgenommen haben. Das geht an Grenzen.“

Alternative Versorgungsformen für die Waisen sind nach Darstellung Gronemeyers nur wenig verbreitet: Es gebe zwar vermehrt staatliche, private oder kirchliche Kinderheime. Und es gebe auch mehr Adoptionen und Pflegekinder. „Aber all das ist nach afrikanischer Tradition sehr schwierig. Man kümmert sich noch um den Neffen dritten Grades, aber Kinder aus anderen Familien aufzunehmen, fällt doch sehr schwer.“

Nach Unicef-Angaben ist Namibia eines der fünf am schlimmsten von der Aids-Epidemie betroffenen Länder der Welt. Jeder fünfte Einwohner zwischen 15 und 49 Jahren sei HIV-infiziert. Aids sei inzwischen die häufigste Todesursache; mehr als 85.000 Kinder hätten bereits ihre Eltern verloren. © kna/aerzteblatt.de

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