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Medizin

Kranbeeren: Lückenhafte Evidenz zur Prävention von Harnwegsinfektionen

Dienstag, 10. Juli 2012

Taipeh – Der Konsum der in Nordamerika im großen Stil angebauten Cranberries soll vor Harnwegsinfektionen schützen. Eine neue Meta-Analyse in den Archives of Internal Medicine (2012; 172: 988-996) findet tatsächlich Hinweise für eine präventive Wirkung. Die Datenlage ist nach Ansicht der Autoren jedoch nach wie vor lückenhaft.

Die Kranbeere (Cranberry) gehört zu den Heidelbeeren (Vaccinium), die Frucht unterscheidet sich aber in Aussehen und Geschmack deutlich von den in Deutschland verbreiteten Sorten. Der Saft ist herb und sehr sauer. Kranbeeren werden in der Küche niedrig dosiert eingesetzt. Mehr als 95 Prozent der Jahresproduktion von V. oxycoccus, V. macrocarpon, V. microcarpum and V. erythrocarpum werden versaftet und im Supermarkt in der Regel mit gesundheitsfördernden Argumenten beworben.

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An erster Stelle steht die Prävention von Harnwegsinfektionen. Sie wurde anfangs mit der Säuerung des Harns begründet. In den 80er Jahren überwog die Ansicht, dass Bestandteile des Saftes (oder was von ihm im Urin übrig bleibt) die Abhäsion von Bakterien am Urothel vermindern. Schließlich wurde 1989 mit den Typ A Proantho­cyanidinen der vermeintliche medizinische Wirkstoff in der Kranbeere entdeckt.

Die Evidenz einer Wirkung hinkte allerdings lange den Erklärungsmodellen hinterher. Zuletzt attestierte eine Cochrane-Meta-Analyse eine gewisse Evidenz. Vor allem Frauen mit rezidivierenden Harnwegsinfektionen könnten von dem Saft profitieren, hieß es. Den Autoren war jedoch nicht entgangen, dass sich viele Personen nicht an den Geschmack gewöhnen und die Safttherapie frühzeitig abbrechen. Nicht zufällig werden deshalb mittlerweile Kapseln angeboten.

Definitive klinische Studien sind von den Anbietern der Getränke nicht zu erwarten, da sie nicht unter das Arzneimittelgesetz fallen. Die Meta-Analytiker stehen deshalb vor der Aufgabe, Daten aus nicht immer hochwertigen Studien zusammenfassen zu müssen. Eine Folge ist eine hohe Heterogenität, sprich Unterschiedlichkeit in den Ergebnissen, die auch Chih-Hung Wang vom National Taiwan University Hospital die Beurteilung der Wirksamkeit erschwert.

Wang hat die Ergebnisse aus 10 Studien mit 1.494 Teilnehmern ausgewertet und kommt wie die Cochrane-Analyse zu dem Ergebnis, dass Frauen mit rezidivierenden Harnwegsinfektionen durch das Trinken von Cranberry-Saft oder die Einnahme der Kapseln weiteren Infektionen vorbeugen können. Mit einem relativen Risiko (RR) von 0,53 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,33-0,83) ist das Risiko beinahe halbiert. Aber auch Frauen allgemein (RR 0,49), Kinder (RR 0,33), regelmäßige Cranberrysafttrinker (RR 0,47) erzielten eine Schutzwirkung. Auch für die Einnahme von mehr als 2 Kapseln am Tag (RR 0,58) war das Risiko vermindert.

Für alle Gruppen zusammen senkten die Cranberries das Risiko indes nur um ein Drittel (relatives Risiko 0,62), und bei der Herausnahme bestimmter Studien bleiben die positiven Wirkungen ganz aus. Diese Heterogenität wird sich vermutlich auch in zukünftigen Meta-Analysen nicht vermeiden lassen, so dass die Prävention von Harnwegsinfektionen durch Cranberries eher ein Versprechen der Naturheilkunde (und ein ungeprüftes Verkaufsargument der Hersteller), denn eine evidenzbasierte Medizin bleiben wird.

In einer im letzten Jahr publizierten Vergleichsstudie in den Archives of Internal Medicine (2011; 171: 1270-1278) war das Präparat eines US-Herstellers der Standardprophylaxe mit einem niedrig dosierten Antibiotikum unterlegen gewesen. © rme/aerzteblatt.de

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