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Medizin

Guillain-Barré-Syn­drom nach Impfung gegen Schweinegrippe

Mittwoch, 11. Juli 2012

Ville de Québec – In der kanadischen Provinz Québec ist es nach der Impfung gegen die Neue Influenza A/H1N1 („Schweinegrippe“) zu einer Häufung von Guillain-Barré-Syndromen gekommen, die als mögliche Impfkomplikation seit Jahren in der Diskussion sind. Die Autoren einer Studie im US-amerikanischen Ärzteblatt JAMA (2012; 308: 175-181) sehen einen kausalen Zusammenhang.

Das Guillain-Barré-Syndrom, das vorübergehend zum Ausfall von peripheren Nerven mit Lähmungen und Sensibilitätsstörungen führt, wird heute als Autoimmunreaktion gedeutet. Als Auslöser kommen im Prinzip auch Impfstoffe infrage, vor allem wenn sie Adjuvanzien enthalten. Als in den Jahren 1976/77 in den USA eine Epidemie mit der Influenza A/H1N1 drohte, beschloss die US-Regierung die Bevölkerung zu impfen.

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Aus heutiger Sicht war dies eine überstürzte Reaktion, da die in einem Militärstützpunkt entdeckten Viren sich niemals auf die Zivilbevölkerung ausbreiten sollten. Die Impfaktion wurde abgebrochen, nachdem es zu einer Häufung von Guillain-Barré-Syndromen gekommen war. Die Kausalität war lange umstritten, bis das Institute of Medicine (IOM) sie im Jahr 2003 als wahrscheinlich einstufte.

Im Jahr 2009 kam es erneut zum Auftreten einer Influenza A/H1N1, die sich dieses Mal von Mexiko ausgehend tatsächlich zu einer Pandemie auswuchs. Das befürchtete Ausmaß der Spanischen Grippe sollte sie nicht einmal im Ansatz erreichen, was aber im nicht absehbar gewesen war.

In vielen Ländern wurden eilig Impfprogramme aufgelegt, so auch in der kanadischen Provinz Québec. Dort wurden zwischen dem 26. Oktober bis Ende 2009 insgesamt 4,4 Millionen Menschen (57 Prozent der Bevölkerung über 6 Jahre) geimpft. Zum Einsatz kam zu 96 Prozent die Vakzine Arepanrix des Herstellers GlaxoSmithKline mit dem Adjuvans AS03. Gleichzeitig wurde von der Regierung eine epidemiologische Untersuchung zu einem möglichen Anstieg von Guillain-Barré-Syndromen angeordnet.

In den folgenden 6 Monaten wurden 83 Erkrankungen bestätigt, von denen 25 innerhalb von 8 Wochen nach einer Impfung mit Arepanrix aufgetreten waren. Von den 25 Patienten erkrankten 19 bereits in den ersten 4 Wochen nach einer Impfung.

Das Team um Philippe de Wals von der Laval University in Ville de Québec errechnet ein relatives Risiko von 2,75 (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,63-4,62) für die ersten vier Wochen und von 1,80 (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,12-2,87) für die ersten 8 Wochen. de Wals zweifelt nicht an einer Kausalität und schätzt, dass auf eine Million Impfungen etwa 2 zusätzliche Erkrankungen am Guillain-Barré-Syndrom kommen.

Die kanadischen Forscher gelangen damit zu einer anderen Einschätzung als Carola Bardage von der schwedischen Arzneibehörde Läkemedelsverket in Uppsala, die im letzten Jahr im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2011; 343: d5956) keinen signifikanten Anstieg erkennen konnte. In Schweden war (wie auch in Deutschland) mit Pandemrix von GlaxoSmithKline geimpft worden. Es enthält wie Arepanrix das Adjuvans AS03.

Von den 25 nach der Impfung am Guillain-Barré-Syndrom erkrankten Patienten mussten 23 hospitalisiert werden: Acht erlitten Lähmungen der unteren Extremität, bei fünf kam es zu Atemstörungen. Vier Patienten, alle über 60 Jahre alt, starben. Dennoch sieht de Wals eine positive Nutzen-Risiko-Bilanz. Das für die einzelne Person niedrige Erkrankungsrisiko (1 zu 500.000) müsse mit den Risiko, mit einer H1N1-Influenza hospitalisiert zu werden (1 zu 2.500) oder daran zu sterben (1 zu 73.000) in Beziehung gesetzt werden. © rme/aerzteblatt.de

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