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Medizin

Funktionsraten transplantierter Organe verbessern sich, aber Malignomsrisiken bleiben konstant erhöht

Freitag, 13. Juli 2012

Berlin – Am Sonntag beginnt in Berlin der 24. Kongress der Transplantation Society (TTS), der größten, internationalen Dachgesellschaft von Transplantationsmedizinern. Fünf Tage werden Ärzte aus 90 Ländern über die aktuellen Herausforderungen und  künftigen Entwicklungen des Fachgebiets diskutieren. Mehr als 5000 Teilnehmer sind registriert. Ein Gespräch mit dem Präsidenten der TTS, Prof. Dr. med. Gerhard Opelz von der Universität Heidelberg. Er leitet die Abteilung Transplantations-Immunologie.

Fünf Fragen an Gerhard Opelz, Präsident der Transplantation Society 2012

DÄ:  Was sind die aktuellen Themen in der Transplantationsmedizin?

Opelz: Wichtig ist die Verbesserung der immunsuppressiven Therapie nach Organtransplantation. Die bislang angewandten Medikamente können zum einen die übertragenen Organe selbst schädigen, aber auch das Risiko für systemische Erkrankungen des Empfängers erhöhen wie Diabetes, Bluthochdruck und Malignome. Mit neuen Arzneimitteln wie Belatacept zum Beispiel gibt es vielversprechende Ansätze, die schleichende Verschlechterung der Organfunktion nach Nierentransplantation aufzuhalten.

Für den diagnostischen Bereich ist ein Schwerpunkt derzeit die Diskussion um die Bedeutung von Antikörpern, die der Organempfänger de novo als Reaktion auf die fremden HLA-Merkmale bildet. In den letzten Jahren hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass vor allem die humorale Immunantwort zum Organverlust durch Abstoßung führt.

Jetzt wird an Methoden gearbeitet, um die für den einzelnen Patienten abstoßungsrelevanten HLA-Merkmale des Organspenders genau zu charakterisieren: serologisch, aber auch mit Hilfe von DNA-Sequenzierungen. Der frühzeitige Nachweis solcher Antikörper ermöglicht eine rechtzeitige Anpassung der Immunsuppression, bevor irreversible Schädigungen des Organs eingetreten sind.            

DÄ: Lassen sich solche Tests in die Routine-Nachsorge integrieren, auch unter Kostenaspekten?

Opelz: In einem der Teil der deutschen Transplantationszentren werden solche Tests schon routinemäßig gemacht, zum Beispiel ein Mal im Jahr, unabhängig davon, ob Zeichen für eine Abstoßung vorliegen oder nicht. Aber die Kosten sind natürlich ein Problem. Angesichts des eklatanten Mangels an Organen müssen wir aber alles dafür tun, die Organfunktion zu erhalten. Schon jetzt stehen 15 Prozent der Patienten in Deutschland auf der Warteliste zur Retransplantation, also für ein zweites oder drittes Organ. Für diese Patienten ist es sehr viel schwieriger, ein passendes Organ zu finden, da sie meist präformierte Antikörper haben. Es wird jetzt auch um die Frage gehen, ob sich eingrenzen lässt, für welche Patienten in welchen Abständen Anti-HLA-Antikörpertests notwendig sind.       

DÄ: Sie analysieren seit 30 Jahren in einer weltweiten Kooperation, der Collaboration Transplant Study, die Organfunktion nach Transplantation. Welche Trends sehen Sie?

Opelz: Wir werten Daten von circa 500 Zentren aus, davon 80 Prozent aus Europa, und erfassen circa 80 Prozent der Transplantationen in Deutschland. Insgesamt ist ein steter Trend zur Verbesserung der Langzeitorganfunktionsraten zu verzeichnen, wenn auch mit regionalen Unterschieden. Seit den 80er Jahren haben sich zum Beispiel die 10-Jahresfunktionsraten für postmortal verpflanzte Nieren von 33 auf 67 Prozent und für lebend gespendete Nieren von 45 auf 80 Prozent erhöht. Für das Herz betrugen die 10-Jahresfunktionsraten 34 Prozent Anfang der 80er Jahre und heute 65 Prozent, für Lebern 15 und 55 Prozent, für Lungen 10 und 35 Prozent. Dies vor dem Hintergrund, dass zugleich bei Spendern und Empfängern ein immer höheres Lebensalter und mehr Vorerkrankungen akzeptiert werden, sich also die medizinischen Voraussetzungen stetig verschlechtern.

DÄ: Ein großes Problem für Organempfänger ist das erhöhte Malignomrisiko. Hat es sich im Verlauf der Zeit reduziert?

Opelz: Nach unseren Studiendaten ist es im Wesentlichen konstant geblieben. Das heißt: Empfänger von Organen haben ein etwa doppelt so hohes Krebsrisiko wie die altersstandardisierte Normalbevölkerung. Für bestimmte Malignome ist es deutlich höher: Zum Beispiel ist das Risiko für Non-Hodgkin-Lymphome nach Nierentransplantation zehnfach erhöht, nach Herztransplantation 20- bis 30-fach. Hier gibt es großen Bedarf für eine Weiterentwicklung der Abstoßungsprophylaxe, vor allem auch für die Therapie von Kindern, die ein fremdes Organ erhalten und noch Jahrzehnte an Lebenszeit erwarten.    

DÄ: Welche Entwicklungen erwarten Sie in naher Zukunft?

Opelz: Durch die Weiterentwicklung von Medikamenten und die Verfeinerung der diagnostischen Methoden zur Verlaufsbeobachtung erwarte ich eine Reduktion unerwünschter Effekte der Immunsuppression durch eine bessere Feinabstimmung der Medikation. Außerdem glaube ich, dass verschiedene Strategien zur Induktion von Immuntoleranz bald an der Schwelle zur klinischen Umsetzung sind, verbunden mit der Hoffnung, dadurch das Malignomrisiko zu senken. Außerdem glaube ich, dass bei der Übertragung von Gewebekomplexen vor allem die Gesichtstransplantation zunehmen wird, hier gibt es einen enormen Bedarf. Die Xenotransplantation, also die Übertragung von Organen tierischen Ursprungs auf den Menschen, sehe ich in naher Zukunft dagegen noch nicht in der klinischen Praxis. © nsi/aerzteblatt.de

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