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Medizin

Wann Acetazolamid der Höhenkrankheit vorbeugt

Montag, 16. Juli 2012

dpa

Genf – Der Carboanhydrasehemmer Acetazolamid ist unter alpinen Bergsteigern ein beliebtes Mittel zur Prävention der Höhenkrankheit. Die deutlichste Wirkung wird einer Meta-Analyse in High Altitude Medicine & Biology (2012, 13: 82-92) zufolge jedoch bei Touristen und Arbeitern erzielt, die mit einem Fahrzeug in kurzer Zeit auf große Höhen gelangen.

Bei 10 bis 20 Prozent aller nicht akklimatisierten Menschen kommt es nach dem Aufstieg auf 2.500 bis 3.000 Meter über Meeresspiegel zu einer akuten Höhenkrankheit. Bei einem Aufenthalt auf über 4.000 Meter kann die Inzidenz auf bis zu 80 Prozent steigen. Leitsymptom sind Kopfschmerzen, die mit unspezifischen Allgemeinbeschwerden einhergehen. In schweren Fällen kann es zu zum lebensgefährlichen Hirnödem mit therapieresistenten Kopfschmerzen, Ataxie und Bewusstseinseintrübung kommen und/oder zum ebenfalls oft letalem Lungenödem mit bronchialen Beschwerden, Husten, Fieber und Atemnot.

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Vielen alpinen Bergsteigern ist die Gefahr bewusst. Der Anteil der Himalaya-Touristen, die sich mit Acetazolamid gegen die Höhenkrankheit (zu) schützen (versuchen), ist nach Auskunft von Bengt Kayser von der Universität Genf von einem Prozent im Jahr 1986 auf 25 Prozent im Jahr 2010 gestiegen. Der Physiologe hat 24 Studien mit 1.011 Probanden ausgewertet, die die Wirkung von Acetazolamid in der Tagesdosis von 250, 500, oder 750mg untersucht haben.

Das vielleicht überraschendste Ergebnis war, dass die Dosierung nur einen geringen Einfluss auf die Wirkung hatte. Bereits mit 250 mg/die wurde die Inzidenz der akuten Höhenkrankheit um 45 Prozent gesenkt (Risk Ratio RR 0,55; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,42-0,74), bei 500 mg/die wurde das Risiko um 50 Prozent (RR 0,50; 0,40-0,63) gesenkt und bei 750 mg/die treten 55 Prozent weniger Erkrankungen auf (RR 0,45; 0,34-0,61).

Kayser rät zu einer ausreichend hohen Dosierung, soweit sie vertragen wird. Die wichtigsten Nebenwirkungen von Acetazolamid sind Polyurie und Geschmacksstörungen. Beide treten laut den Studienergebnissen in den höheren Dosierungen von 500 und 750 mg/die häufiger auf, während es bei der Parästhesie keine Abhängigkeit von der Dosis gibt.

Die präventive Wirkung wertet Kayser mit der Number needed to treat. Dies ist die Zahl der Personen, die Acetazolamid einnehmen müssen, um die Höhenkrankheit bei einer Person zu verhindern. Diese Zahl ist bei den Bergsteigern, die zu Fuß den Berg besteigen, mit 5,3 (in der höchsten Dosierung) besonders hoch. Hier werden demnach die wenigsten Höhenkrankheiten verhindert.

Der Grund ist allerdings nicht die schwache Wirkung von Acetazolamid in dieser Gruppe, sondern eher das infolge des langsamen Anstiegs um 14 Meter/Stunde geringe Ausgangsrisiko von 34 Prozent. Wenn die Touristen mit Bus oder Auto in einer Studie 491 Meter den Berg hochfahren, kommt es ohne Acetazolamid bei 60 Prozent zur Höhenkrankheit. Entsprechend niedriger war die Number needed to treat mit 3,0 (in der höchsten Dosierung).

Das gleiche Risiko hatten übrigens Bergsteiger, die mit dem Bus anreisten und dann zu Fuß weiter anstiegen und insgesamt nur einen Höhenunterschied von 133 Meter/Stunde überwanden. Am höchsten war das Ausgangsrisiko in Experimenten in der hypobaren Druckkammer: Wurde ein Anstieg von 4.438 Meter/Stunde simuliert, erkrankten 86 Prozent der Teilnehmer. Die Number needed to treat betrug hier nur 2,1. © rme/aerzteblatt.de

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