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Medizin

Bedarf an Hand-und Gesichtstrans­plantationen steigt

Donnerstag, 19. Juli 2012

US-Soldat Robert Samuel verlor im Iran ein Bein /dpa

Berlin – Die Transplantation von vaskularisierten Gewebekomplexen wie Armen, Händen und Gesichtsschädel ist zwar noch im klinisch-experimentellen Stadium, und es gibt Rückschläge durch den Tod von Patienten. Der größte Teil der behandelten Patienten aber hat profitiert, so die Bilanz beim 24. internationalen Kongress der Transplantation Society in Berlin. Die Immunsuppression werde rasch weiterentwickelt mit einem Trend zu schonenderen Regimes, so dass diese nicht lebenserhaltenden Transplantationen bei der Nutzen-Risiko-Abwägung als zunehmend vertretbar beurteilt würden.

„Die Zahl der potentiellen Kandidaten für Hand- und Gesichtstransplantationen hat sich in den letzten Jahren rasant erhöht“, sagte Andrew Lee, federführend für ein entsprechendes Programm an der Johns Hopkins University in Baltimore. „Der Bedarf hat sich, speziell in den USA, auch deshalb erhöht, weil immer mehr Soldaten von Auslandseinsätzen mit schweren Verletzungen zurückkommen“, sagte Lee im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt.

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Es seien einige hunderte US-Soldaten, die Arme oder Beine verloren hätten. Derzeit stünden weitere Patienten an der Johns Hopkins University für Hand- oder Armtrans­plantationen auf der Warteliste.

Seit 1998 sind weltweit bei 54 Patienten – teilweise bilaterale - Hand- oder Armtransplantationen vorgenommen  geworden: 80 Arme oder Hände wurden transplantiert. Zwei Patienten sind an Komplikationen (Sepsis, Schock) gestorben,  einer von ihnen vor kurzem in der Türkei, als  ihm zwei Arme und zwei Beine übertragen werden sollten. „Aus meiner Sicht waren die Risiken der Transplantation in der Türkei zu hoch“, sagte Stefan Schneeberger von der Universitätsklinik Innsbruck, der Hand- und Armtransplantationen durchgeführt hat und auch mit Lee zusammenarbeitet.

Insgesamt betrage das Transplantatüberleben für den Verlauf der 14 Jahre 85 Prozent, das der Patienten 96 Prozent. Ein großer Teil der Patienten mit Handtransplantationen erreiche  zufriedenstellende Alltagsfunktionen mit guter Feinmotorik und Sensibilität, die erwünschte Griffstärke stelle sich allerdings teilweise erst nach vielen Jahren ein. Ziel sei eine möglichst schonende Immunsuppression, um medikamentös bedingte Komplikationen wie Hyperlipidämie, Diabetes mellitus zu vermeiden.

An der Johns Hopkins University werde daher ein Protokoll angewandt, bei dem sich durch Gabe von Spenderknochenmark 10 bis 14 Tage nach Transplantation die Immunsuppression auf eine Monotherapie mit Tacrolimus reduzieren lasse – bislang ohne erhöhte Abstoßungsrisiken.

Neu ist nach Worten von Schneeberger das bei zwei Patienten beobachtete Phänomen, dass thermische oder mechanische Belastungen von transplantierten Händen oder Armen zu abstoßungsähnlichen Symptomen mit entsprechender Zytokinproduktion führen könnten. Die Hände eines Patienten waren mit sehr heißem Wasser in Berührung gekommen, ein anderer hatte an mehreren Tagen schwer getragen.

Gesichtstransplantationen sind noch  deutlich komplexer. Von den elf seit 2005 gesichtstranspantierten Patienten leben noch neun, berichtete Maria Siemionow von der Cleveland Clinic in Cleveland, Ohio. Ein chinesischer und ein französischer Patient seien gestorben. Die in Frankreich, den USA und Spanien transplantierten, vor der Operation völlig entstellten Patienten nähmen teilweise wieder am sozialen Leben teil. Eine im Dezember 2008 von Siemionow und ihrem Team operierte damals 46jährige Frau, die durch eine Schussverletzung große Teile des unteren Gesichtsschädels verloren und weder durch die Nase atmen, noch essen, trinken, riechen, schmecken oder sprechen konnte, hat jetzt diese Funktionen wieder, lebt selbständig und geht wieder unter Menschen, berichtete Siemionow. Derzeit gebe es an ihrer Klinik mehrere Kandidaten für weitere Gesichtstransplantationen.

In Deutschland sind an der TU München 2008 - weltweit erstmals - zwei komplette Arme transplantiert worden. © nsi/aerzteblatt.de

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