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Medizin

HIV-Infektion: Heilung steht nun auf der politischen Agenda

Sonntag, 22. Juli 2012

Steven G. Deeks von der Universität von Kalifornien in San Francisco und Nobelpreisträgerin und HIV-Entdeckerin Françoise Barré-Sinoussi vom Institut Pasteur Paris

Washington – Die Weltaidskonferenzen zeichneten sich immer dadurch aus, dass von ihnen politische Signale ausgingen. Doch die 19. Weltaidskonferenz, die vom 22. bis 27. Juli  in Washington DC stattfindet, ist noch nicht einmal gestartet, da haben führende Wissenschaftler und Meinungsbildner bereits  im Vorfeld einen Paukenschlag gelandet: Unter dem Motto „Towards an HIV Cure“ veröffentlichten sie einen Fahrplan der wissen­schaftliche Ziele, die zu einer Heilung der HIV-Infektion führen soll.

Bisher gilt die Immunschwächekrankheit zwar als gut therapierbar, aber als lebenslange Erkrankung, die für viele Betroffenen mit starken Einschränkungen der Lebensqualität verbunden ist. Mit der Vorstellung eines globalen Strategieplans, den interdisziplinäre Forscher, Vertreter der pharmazeutischen Industrie, Aufsichtsbehörden, Stiftungen und Community-Aktivisten unterstützen, wurde das Thema „HIV-Heilung“ in Washington nun offiziell auf die politische Agenda gesetzt.

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„Heute ist der erste Schritt getan", sagte Nobelpreisträgerin und HIV-Entdeckerin Françoise Barré-Sinoussi vom Institut Pasteur Paris, die zusammen mit Steven G. Deeks von der Universität von Kalifornien in San Francisco, dem Gremium vorsitzt. Vorrangiges Ziel des internationalen Forscher-Konsortiums sind die latenten HI-Viren, die in verschie­denen Kompartimenten des Körpers schlummern, und daher nicht von antiretroviralen Medikamenten erreicht werden können. Sie sind vermutlich ein wesentlicher Grund dafür, dass eine Infektion mit dem HI-Virus bisher als unheilbar gilt.

Barré-Sinoussi erinnerte an die „außerordentlichen Erfolge der HIV-Forschung“ in den vergangenen 30 Jahren: „Ein weitgehend normales Leben können die Infizierten aber nur führen, weil sie einen Medikamentencocktail einnehmen, der die aktiven HI-Viren in Schach hält und die Viruslast massiv minimiert.“ Diese hochaktive antiretrovirale Thera­pie erreicht aber nicht die Reservoirs der schlummernden Viren in den T-Lymphozyten und anderen Zelltypen. Werden die Medikamente abgesetzt, werden die Schläfer wieder aktiv und verbreiten sich im Körper aus.

„Niemand von uns denkt, dass es einfach sein wird, das Ziel der Heilung von HIV zu erreichen, aber jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen, es mit geballter Kraft  zu versuchen“, betonte Deeks. Denn gerade in den letzten Jahren habe es einen enormen Zuwachs an Erkenntnissen gegeben über die Pathophysiologie des HI-Virus und die immunologischen Reaktionen des Wirtsorganismus. Dank neuer Therapien sei es "realistisch", das HI-Virus eines Tages vollständig aus dem Körper eines Infizierten entfernen zu können, fügte Barré-Sinoussi hinzu.

Vorbild "Berliner Patient"
Vorbild für die Wissenschaftler ist unter anderem der Fall des Timothy Ray Brown, besser bekannt als  „Berliner Patient“, der nicht nur mit  HIV infiziert, sondern auch an Leukämie erkrankt war. Dem Internisten Gero Hütter war es 2007 an der Berliner Charité gelungen, Brown mit einer Stammzell-Behandlung sowohl von HIV als auch vom Blutkrebs zu befreien.

Der Clou: die  Stammzellen stammten von einem Spender, der aufgrund einer natür­lichen Mutation auf seinen CD4-Zellen keine CCR5-Korezeptoren hatte. Diese sind die Eintrittspforten für HIV in humane Zellen. Brown gilt seither als geheilt. „Ihm geht es gut, er nimmt seit Jahren keine  HIV-Medikamente mehr“, sagte Deeks.

Volle Unterstützung erhielt der Strategieplan “Towards an HIV Cure“, der unter der Schirmherrschaft der Internationalen Aids-Gesellschaft (IAS) steht, bereits von den Vereinten Nationen. "Die letzte Generation hat erfolgreich für die Behandlung der HIV-Infektion gekämpft“, sagte Michel Sidibé, Direktor von UNAIDS, in Washington. „Unsere Generation muss nun für die Heilung kämpfen".

© zyl/aerzteblatt.de

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