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Politik

Organspende-Skandal: Weitere Kontrollinstanz gefordert

Sonntag, 22. Juli 2012

dpa

Berlin – Der Organspende-Skandal in Göttingen hat eine Debatte über eine zusätzliche Kontrollinstanz für die Überprüfung von Patientendaten nach dem Vier-Augen-Prinzip ausgelöst. Der Chef der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärzte­kammer, Hans Lilie, schlug vor, dass ein unabhängiger Laborarzt die Daten noch einmal prüfen sollte.

Lilie sagte der Zeitung Die Welt vom Samstag: „Bei dem Skandal in Göttingen wurden offenbar Laborwerte verfälscht. Daher verfolge ich die Idee, dass ein Laborarzt die Daten, die Eurotransplant geschickt werden, noch einmal prüfen sollte.“ Eurotransplant ist die für Deutschland zuständige Vermittlungsstelle für Organspenden. Der Strafrechtler der Universität Halle äußerte im Sender NDR aber auch die Überzeugung, dass es sich bei dem Skandal um einen Einzelfall handele und nicht „um ein Systemversagen“.  

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Eckhard Nagel, Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik in Essen, warb in der Welt ebenfalls für das Vier-Augen-Prinzip: „Es würde die Sicherheit vor Ort und die Wahrscheinlichkeit der Aufdeckung von Betrügereien erhöhen, wenn zwei Ärzte die Befunde unterschreiben müssten.“ Nagel, der auch Mitglied des Deutschen Ethikrats ist, hatte SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier vor der Nierenspende an dessen Frau beraten. Im Deutschlandradio Kultur warnte er vor einem Vertrauensverlust für die Transplantationsmedizin.

Ge­sund­heits­mi­nis­ter Daniel Bahr (FDP) begrüßte die durch den Skandal ausgelöste „offene Diskussion“ der Experten. Auch er warb für „bessere Verfahrensregeln“ für Transplantationen, ging aber nicht auf Details der Debatte ein.

Nach Meinung des Präsidenten der Stiftung Eurotransplant, Bruno Meiser „kann ein Mensch allein nicht so professionell betrügen“. „Irgendeinem Kollegen muss zumindest aufgefallen seien, dass Laborwerte unrealistische Schwankungen aufwiesen oder Werte nicht zueinanderpassten.“

Ausgangspunkt des Skandals ist der frühere Leiter der Göttinger Transplantations­chirurgie. Er soll Krankenakten von Patienten manipuliert haben, damit sie schneller eine Spenderleber zugeteilt bekamen. Der Arzt ist inzwischen suspendiert, die Staatsanwalt­schaft ermittelt gegen ihn wegen Bestechlichkeit.

Nach Einschätzung der Ärztekammer Westfalen-Lippe ist auch der Mangel an Spender­organen ein Auslöser des Göttinger Organspende-Skandals. Im Normalfall schließe das System kriminelle Machenschaften aus. „Aber die derzeitige Mangel­verwaltung bei Spenderorganen öffnet krimineller Energie nun Tür und Tor“, sagte der Präsident der Ärztekammer, Theodor Windhorst, in Münster und fügte hinzu: „Wir sind beim Organ­handel angekommen.“

Nach „Focus“-Informationen hat ein Russe 120.000 Euro an die Göttinger Klinik bezahlt, damit er schneller eine Spenderleber bekommt. Die Bundes­ärzte­kammer sei bei ihren Recherchen bei 32 weiteren Fällen auf Manipulationen gestoßen, heißt es weiter. Bei 20 Fällen bestehe der Verdacht, dass erst Fälschungen die Transplantation möglich gemacht haben.

Ein Kliniksprecher verwies im Magazin „Focus“ auch auf mögliche finanzielle Motive des früheren Oberarztes, da mit ihm eine leistungsbezogene Bezahlung vereinbart gewesen sei. Gegen den Arzt, der seit Ende 2011 nicht mehr an der Göttinger Uniklinik arbeitet, wird auch wegen Bestechlichkeit ermittelt. © dapd/afp/aerzteblatt.de

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klausenwächter
am Donnerstag, 9. August 2012, 04:39

Pflichtlektüre

Bereits vor 10 Jahren erläuterte König anhand einer Dissertation Modelle für eine Transplantationsvergabe, welche unabhängige institutionelle Kontrollen erfordern: "Beim Entschädigungsmodell sollten die Organspenden von einer
unabhängigen Institution kontrolliert und von einer breit
angelegten Untersuchung begleitet werden. Die Anreize für
den Spender könnten bei einem positiven Ergebnis sukzessive
erweitert werden. Denkbar seien beispielsweise eine
kostenfreie Kran­ken­ver­siche­rung oder ein geringerer
Einkommensteuersatz. Grundvoraussetzung hierfür sei, dass
die Belohnung des Spenders von einer staatlichen Einrichtung
kontrolliert werde und von der Krankenkasse des
Organempfängers - und keinesfalls von dem Organempfänger
selbst - übernommen werde."
Die politischen Instanzen haben sich vor ihrer mitunter abrupten Amtsübernahme nicht hinreichend belesen.
LNS

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