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Weitere Unregelmäßigkeiten im Organspende-Skandal

Donnerstag, 26. Juli 2012

dpa

München – Der Göttinger Organspendeskandal weitet sich aus. Die Staatsanwaltschaft der Stadt leitete gegen zwei Mediziner Ermittlungen wegen Tötungsdelikten ein, wie Behördensprecher Andreas Buick am Donnerstag mitteilte. Gleichzeitig gab die Göttinger Universitätsmedizin bekannt, dass der Leiter der Abteilung Gastroenterologie „bis auf Weiteres" freigestellt wurde.  Eigene Ermittlungen hätten zu dem „sich erhärtenden Verdacht" geführt, dass der Mediziner an den Manipulationen beteiligt gewesen sein oder eigenverantwortlich solche Manipulationen vorgenommen haben könnte.

Die Universitätsmedizin habe diese Erkenntnisse umgehend der Staatsanwaltschaft Braunschweig mitgeteilt, sagte ein Sprecher. Die Behörde habe daraufhin eigene Ermittlungen eingeleitet und die Diensträume des Abteilungsleiters durchsucht.

Der Göttinger Staatsanwaltschaft zufolge war dieser Arzt mit Voruntersuchungen der Patienten zur Organtransplantation befasst. Er habe damit Einfluss auf den sogenannten MELD-Score der Stiftung Eurotransplant gehabt, der den Schweregrad einer Leberer­krankung angibt. Die Stiftung verteilt nach einem festgelegten Kriterienkatalog Spender­organe an Patienten in ihren acht Mitgliedsländern, zu denen auch Deutschland gehört.

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Die Staatsanwaltschaft prüfe nun, ob die beschuldigten Ärzte durch eine Manipulation von Daten für einen unberechtigt hohen MELD-Score verantwortlich seien, sagte Buick. Geprüft werde weiterhin, ob diese Manipulationen dazu geführt hätten, dass andere Patienten nicht rechtzeitig eine Spenderleber erhalten hätten und deshalb gestorben seien.

Die Süddeutsche Zeitung berichtet am Donnerstag ebenfalls über weitere Unregel­mäßigkeiten. An der früheren Arbeitsstätte des verdächtigten Arztes aus Göttingen, dem Uniklinikum Regensburg, seien jordanische Patienten, die am Jordan Hospital in Amman operiert wurden, fälschlicherweise als Patienten des Uniklinikums auf die Warteliste für ein Spenderorgan gesetzt worden, obwohl sie darauf keinen Anspruch hatten.  

Bislang war nur der Fall einer jordanischen Privatpatientin bekannt, bei dem ein Verstoß gegen die Transplantationsrichtlinien vorlag. Der betreffende Arzt soll demnach Anfang April 2005 eine Leber, die eigentlich einem europäischen Empfänger zugestanden hätte, mit nach Jordanien genommen und dort der Frau eingepflanzt haben. Das Universitäts­klinikum Regensburg erklärte laut Zeitung, es habe nach Bekanntwerden der Unregel­mäßigkeiten einen Ethikkodex für Arbeiten im Ausland erstellt.  

Ausländer, die nicht aus einem der Länder im Eurotransplant-Verbund kommen, haben in der Regel keinen Anspruch auf die Organe. Eurotransplant verfügt über ein gemein­sames Spender-Meldesystem und ist verantwortlich für die Zuteilung von Spender­organen in sieben europäischen Ländern. Pro Jahr werden durch Eurotransplant rund 7.000 Spenderorgane vermittelt. Rund 16.000 Patienten stehen auf der zentralen Warteliste. 

Der verdächtigte Transplantationsmediziner soll an der Universitätsklinik Göttingen in großem Stil Krankenakten manipuliert haben, um bestimmten Patienten bevorzugt eine Spenderleber zu verschaffen. Es sollen unter anderem Laborwerte manipuliert und Dialyseprotokolle gefälscht worden sein, um zum Beispiel neben der Lebererkrankung auch noch Nierenprobleme vorzutäuschen.

Dies verbessert die Position auf der Warteliste, die für die Zuteilung eines Spender­organs relevant ist. Nach Angaben der Ständigen Kommission Organtrans­plantation der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) wird 25 Verdachtsfällen nachgegangen.  

Der verdächtigte Oberarzt, der mittlerweile nicht mehr in Göttingen arbeitet, bestreitet die dort gegen ihn erhobenen Vorwürfe. Gegen ihn ermittelt die Staatsanwaltschaft Braunschweig unter anderem wegen Bestechlichkeit. Der Skandal hatte auch eine Debatte über eine zusätzliche Kontrollinstanz für die Überprüfung von Patientendaten nach dem Vier-Augen-Prinzip ausgelöst. © afp/dapd/aerzteblatt.de

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klausenwächter
am Samstag, 28. Juli 2012, 01:45

Leber im Handgepäck

Tatsächlich sind nicht automatisch die ethischen Maßstäbe der Gesellschaft bei Arbeitern in Schlüsselfunktionen zu finden. Und dies waren letztendlich die Tätigen der Universitätsklinik Düsseldorf. Der rein weg manuell wirksamwerdende "Operator" ist auch bei Zugrundelegen deutscher Maßstäbe für die Kategorisierung von Tätigkeiten ein "Arbeiter mit Ausbildung und Anlernung im Betrieb". Die Verwaltung ethischer Entscheidungen gehört nicht in die Hand von Arbeitern und seien es Manager, das sind Arbeiter mit hoher Bezahlung und Gratifikationen. Wer also soll an die Stelle von Arbeitern treten, die ein Mutterklötzchen eben mal aus dem Grubenholz schnitzen oder eine Leber im Handgepäck für die Familie heimbringen.
Die Auffassung von Bestechlichkeit muß im kulturellen Kontext gesehen werden. Wer aus einer "A-stechlichen" in beine "B-stechliche" Kultur wechselt wird sich schwer tun. Ethisch ist nicht allein der Bestechliche zu bewerten. Die Kultur hat ihn so geprägt. Er reist mit ausgewiesener Leber im Handgepäck und erntet Anerkennung für die Erfüllung eines Dienstes. Medizinethik muß hier nicht nur Maßstäbe vor Augen führen, sondern auch Arbeiter von ethische Entscheidungen entlasten.
LNS

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