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„Was für den Kampf gegen Doping ausgegeben wird, ist geradezu lächerlich“

Montag, 13. August 2012

Berlin – Gestern gingen die Olympischen Spiele in London zu Ende. Ein solches sportliches Großereignis bringt auch das Thema Doping wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Der Kampf gegen die Einnahme unerlaubter und gesundheits­gefährdender Substanzen findet jedoch abseits der Scheinwerfer statt. Der Dopingexperte Werner Franke erklärt im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt, weshalb es so schwer ist, das Doping einzudämmen, und was die Kontrollen bei den Olympischen Spielen in London gebracht haben.

Fünf Fragen an Werner Franke, emeritierter Professor am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg

DÄ: In 302 Disziplinen werden bei den diesjährigen olympischen Sommerspielen Medaillen vergeben. Was schätzen Sie, bei wie vielen Disziplinen waren die Sieger gedopt?

Franke: Als Naturwissenschaftler schätze ich nicht. Die vergangenen Jahrzehnte haben jedoch gezeigt, dass zum Beispiel beim Gewichtheben die Mehrzahl der Athleten in hohem Maße androgene anabole Steroide genommen haben. Ein Beweis dafür ist beispielsweise der Ausschluss beinahe der gesamten bulgarischen Gewichthebernationalmannschaft von den Olympischen Spielen in Peking. Das Gleiche gilt für die griechische Nationalmannschaft. In beiden Ländern hat das Gewichtheben einen hohen Stellenwert.

Der Präsident des Bundesverbandes deutscher Gewichtheber hat mehrfach öffentlich beklagt, dass manche internationalen Verbände in ihrem Land überhaupt nicht effektiv kontrolliert würden. Vor so einem Hintergrund kann man sich schon fragen, warum man überhaupt zu den Olympischen Spielen fährt.

DÄ: Reichten denn die Dopingkontrollen in London aus?

Franke: Wer in London erwischt wurde, muss ein bisschen doof gewesen sein. Denn wer weiß, dass er in London kontrolliert wird, setzt seine Dopingmittel Wochen vorher ab. Dann wird er bei den Olympischen Spielen nicht erwischt. Der Effekt für die Muskulatur durch das Dopingmittel oder eine erhöhte Erythrozytenzahl ist aber in London noch vorhanden gewesen. Die Dopingkontrollen in London waren also nicht besonders sinnvoll.

DÄ: Wie kann man denn sonst die Täter überführen?

Franke: Nach den Olympischen Spielen in Peking war eine der wirkungsvollsten, weil unerwarteten Tests, die spätere Untersuchung der Proben. Man hat die Proben nach den Olympischen Spielen eingefroren und nach Jahren noch einmal untersucht. In der Zwischenzeit war ein Test verfügbar, mit dem man eine besondere Form des Epo-Dopings erkennen konnte. Auf diese Weise wurde zum Beispiel der Olympiasieger des 1.500 Meterlaufs nachträglich überführt.

Ansonsten haben wir das Problem, dass viele höchst wichtige Dopingsubstanzen noch nicht nachgewiesen werden können, wie zum Beispiel das Hormonpräparat IGF-1, ein „Master“-Regulator für Wachstumshormone. Viele nachgeordnete Hormone kann man nachweisen, doch ausgerechnet dieses nicht. 

Grundsätzlich ist unser Problem, dass zu wenig Mittel in die Entwicklung von Testver­fahren investiert werden. Manche Olympiasieger und Jahresbeste erhalten Goldbarren oder Geldwerte bis zu einer halben Million Euro. Was im Vergleich dazu für den Kampf gegen das Doping ausgegeben wird, ist geradezu lächerlich.

Wichtig wäre vor allem, dass die Tests nicht von Laboratorien vorgenommen werden dürfen, die von den Sportverbänden Gelder erhalten. Stattdessen müssten es unabhängige Laboratorien übernehmen, die zum Beispiel von Staaten bezahlt werden.

DÄ: Gibt es Unterschiede zwischen den Ländern im Kampf gegen Doping? Und gehen alle Länder, die bei den Olympischen Spielen erfolgreich sind, den Kampf gegen Doping mit der gleichen Energie an?

Franke: Nein. Und das traurige ist, Deutschland geht nicht gerade mit gutem Beispiel voran. Länder wie Frankreich, die USA oder Kanada sind viel strenger als wir. Wenn ein Arzt dort Dopingmittel verschreibt, kann ihm seine Approbation entzogen werden. Er kann sogar ins Gefängnis kommen. In Deutschland ist noch kein Arzt so dafür bestraft worden – sieht man einmal von staatlichen Sportärzten der DDR ab. Und daran erkennt man auch, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Die Ärzte aus der DDR wurden wegen Körperverletzung oder Beihilfe zur Körperverletzung verurteilt. Ärzte aus Westdeutschland oder der heutigen Bundesrepublik haben für dieselben Taten keine Strafe erhalten. Bei den Ermittlungen um die Freiburger Universitätsdoping­sport­mediziner zum Beispiel ist auch nach fünf Jahren noch immer kein Urteil gesprochen.

DÄ: Eine ketzerische Frage zum Schluss: Sollte man nicht einfach das Doping legalisieren und auf diese Weise gleiche Bedingungen für alle schaffen?

Franke: Nein. Dopingmittel zu verschreiben, ist in Deutschland ein klarer Verstoß gegen das Arzneimittelrecht. Es ist auch eine Straftat. Das hat auch der Bundesgerichtshof bestätigt. Es ist Körperverletzung oder Beihilfe zur Körperverletzung. Gerade habe ich einige Gutachten schreiben müssen über die Spätfolgen von Dopingmittelvergaben: Ein früherer Sportler mit inzwischen vielfach publizierten Herzschäden brauchte ein neues Herz. Und eine Sportlerin hat ein Mammakarzinom als Folge der Einnahme androgener Steroide entwickelt, wie andere auch eines mit typisch hohem Androgenrezeptor-Anteil. Vor diesem Hintergrund ist eine solche Frage geradezu absurd. © fos/aerzteblatt.de

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