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Medizin

Neurologen: Interferon-Therapie bleibt unverzichtbar

Montag, 13. August 2012

Berlin/München – Eine im Juli im US-amerikanischen Ärzteblatt veröffentlichte Kohortenstudie zur multiplen Sklerose hat in Deutschland offenbar viele Patienten verunsichert. Epidemiologen hatten dort den langfristigen Nutzen der heutigen Standardtherapie mit Interferonen in Zweifel gezogen. Mehrere Fachverbände fordern die Patienten jetzt in einer Stellungnahme auf, die Behandlung nicht abzubrechen. Die Interferon-Therapie bleibe unverzichtbar.

„Verschiedene Studien haben konsistent gezeigt, dass die Entzündungsaktivität durch die Therapie mit intramuskulären sowie subkutan injizierbaren Interferonpräparaten reduziert werden kann“, schreiben Heinz Wiendl, Münster, Bernhard Hemmer, München, und Ralf Gold, Bochum, in der gemeinsamen Stellungnahme des Krankheitsbezogenen Kompetenznetzes Multiple Sklerose (KKNMS), des Ärztlichen Beirates der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

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Nicht „überzeugend positiv oder negativ“ belegt sei indes, wie sich die Therapie langfristige auf die Behinderungsprogression auswirke. Diese Frage hatte die Gruppe um Helen Tremlett von der British Columbia University Vancouver in einer retrospektiven Kohortenstudie aus 2.556 Patienten zu beantworten versucht.

Die Forscher hatten drei Gruppen von Patienten verglichen: Die erste Gruppe war mit verschiedenen Interferonpräparaten behandelt worden, die zweite Kontrollgruppe hatte im gleichen Zeitraum keine Interferontherapie erhalten. Die dritte Gruppe war ein historisches Vergleichskollektiv aus der Zeit vor Einführung von Interferonpräparaten.

Wie berichtet konnte Tremlett keinen Hinweis finden, dass die Interferon-Therapie die Progression signifikant vermindert. Im Vergleich zur gleichzeitigen Kontrollgruppe war das Risiko sogar tendenziell erhöht, im Vergleich zur historischen Kontrollgruppe tendenziell vermindert (JAMA 2012; 308: 247-256).

Die drei deutschen Experten stufen die Ergebnisse jetzt als „interessant“ ein, sehen aber mehrere methodische Schwächen. So könnte die Kontrollgruppe mehr Patienten mit einer niedrigeren Entzündungs- und Progressionsaktivität enthalten haben als die Gruppe der Patienten, die mit Interferonen behandelt wurden. Schließlich würde ein Arzt Patienten mit schwerem Verlauf eher zu einer Therapie raten. Diese Gruppe wäre dann aber im direkten Vergleich benachteiligt.

Die Experten gestehen ein, dass die Autoren versucht haben, diese Verzerrungen zu begrenzen, indem sie Kontrollwerte wie Geschlecht, Alter, Krankheitsdauer und Behinderungsgrad in die Berechnung einfließen ließen. Trotzdem sei bei retrospektiven Studien dieser Art niemals auszuschließen, dass bestimmte Selektionsbias Einfluss auf die Interpretation der Ergebnisse nehmen, heißt es in der Stellungnahme.

Die Experten verweisen auf eine andere Kohortenstudien. Dort kamen Maria Trojano von der Universität Bari und Mitarbeiter bei der prospektiven Beobachtungsstudie von 1504 Patienten aus zwei Behandlungszentren zu dem Ergebnis, dass die Therapie mit Interferonen die Wahrscheinlichkeit eines Übergangs in eine sekundär chronisch progrediente Verlaufsform unter Interferon-Therapie im Vergleich zu einer nicht-behandelten Kontrollgruppe signifikant vermindert (Annals of Neurology 2007; 61: 300–306).

Auch diese Studie liefert keinen endgültigen Beweis, dass die Therapie den Verlauf der Erkrankung günstig beeinflusst. Doch auch „wenn der tatsächliche Einfluss dieser Therapieform auf die Behinderungsprogression und fixe Endpunkte der Behinderung nicht überzeugend positiv belegt ist, lässt sich daraus nicht im Umkehrschluss wissenschaftlich das Gegenteil ableiten“, schreiben die Experten. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #650570
thomas.steuber
am Mittwoch, 15. August 2012, 20:25

Interferone SIND unverzichtbar!

...fragt sich nur, für wen? Für den Patienten sicherlich nicht!
Der Zweifel an der Kritik,der University of Vancouver, erscheint mir hahnebüchern und fernab der Wirklichkeit. Fernab einer Realität, in der ein medizinisches Phänomen mangels kausaler Erkenntnis, auf seine frühestens sekundären Folgen "reduziert" wird.
Traurig, wie Ressourcen so zur blossen Verwaltung-einer-Unbekannten eingesetzt werden. Und vermeintliche Kompetenz als Lobbyist für Ineffizienz dient.
Avatar #104723
sanssouci
am Dienstag, 14. August 2012, 17:03

Interferone bei MS

Interferone führen nach 5 Jahren nicht zu einer Verminderung des Behinderungsgrads bei MS. Wer von uns würde sich bei dieser Datenlage sofern selbst betroffen Interferon spritzen ?
Warum kommunizieren die meisten von uns nicht das o.g. Ergebnis unseren Patienten ? ( sondern nur den Surrogatparameter der Verminderung der Schubfrequenz )

Meines Erachtens gehört es zu unserer Pflicht ehrlich zu sein. zu uns und den Patienten
LNS

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