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Medizin

Desinfektionsmittel Triclosan stört Funktion von Muskelzellen

Dienstag, 14. August 2012

Davis – Das Biozid Triclosan, seit vier Jahrzehnten ein fester Bestandteil medizinischer Desinfektionsmittel, kann die Funktion von Muskelzellen stören. Dies zeigen in vitro- und in vivo-Experimente in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS 2012, doi: 10.1073/pnas.1211314109). Die humantoxikologische Bedeutung der Befunde ist unklar.

Das Anfang der 70er Jahre eingeführte Diphenol Triclosan besitzt eine gute antibakterielle und antifungale Wirkung, es wird deshalb als Antiseptikum im medizinischen Bereich geschätzt. Seit einigen Jahren wird Triclosan zunehmend auch im privaten Bereich eingesetzt, so in Haushaltsreinigern oder Waschmitteln, aber auch in Zahnpasta.

Selbst Kleidung oder Kunststoffe sind des Öfteren mit Triclosan imprägniert. Da die organische Substanz von Haut und Schleimhaut resorbiert wird, ist sie bei Anwendern regelmäßig in Blut, Urin oder auch in der Muttermilch nachweisbar. Über die Abwässer wird zudem die Umwelt belastet.

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Lange Zeit galt Triclosan als gesundheitlich unbedenklich. Das Bundesinstitut für Risikobewertung äußerte 2006 „lediglich“ Bedenken, dass der unkritische Einsatz die Bildung von Antibiotikaresistenzen fördern könnte. Eine schädliche Auswirkung auf den menschlichen Organismus wurde nicht angenommen. Die Experimente, die die Gruppe um Isaac Pessah von der Davis School of Veterinary Medicine in Davis/Kalifornien jetzt veröffentlicht, deuten indes auf eine Humantoxizität hin: Durch die Hemmung eines Kalziumkanals könnte Triclosan eine gezielte schädliche Wirkung auf Herz und Muskulatur ausüben.

In vitro störte Triclosan in Muskel- und Herzmuskelzellen die Funktion eines Kalzium­kanals, was eine Störung der elektromechanischen Kopplung zur Folge hatte. In vivo kam es bei Versuchstieren zu einer Minderung der Muskelkraft und der Herzfunktion. Bei anästhesierten Mäusen reduzierte Triclosan innerhalb von 20 Minuten die Herzleistung um 25 Prozent. Der Forscher Nipavan Chiamvimonvat spricht von einer dramatischen kardiodepressiven Wirkung. Auch die Leistung der Skelettmuskulatur nahm ab: Die Greifstärke der Mäuse war für etwa 60 Minuten um 18 Prozent reduziert. Fische zeigten nach mehreren Tage in Triclosan-haltigem Wasser verminderte Schwimmbewegungen.

Chiamvimonvat fügt allerdings hinzu, dass aus den Ergebnissen nicht automatisch auf eine toxikologische Bedenklichkeit geschlossen werden kann. Hierzu seien weitere Untersuchungen erforderlich, die die Dosis mit der tatsächlichen Exposition von menschlichen Anwendern in Beziehung setzen.

Die bisherige Annahme, dass eine hohe Proteinbindung von Triclosan eine toxische Wirkung verhindern würde, lässt Chiamvimonvat nicht gelten. Wenn Triclosan eine spezifische Wirkung in den Zellen entfalte, könne das Biozid dank der hohen Eiweißbindung sogar in höherer Konzentration zum Wirkort gelangen. © rme/aerzteblatt.de

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Christine Esch
am Mittwoch, 15. August 2012, 12:02

Tierversuche

Erschreckend, wie schnell aufgrund von Tierversuchen eine Panik losgetreten werden kann: Eine Substanz zeigt bei Mäusen und Fischlarven eine Wirkung, die bisher noch nie beobachtet wurde, obwohl diese Substanz in unserem täglichen Leben weit verbreitet ist. Die Forscher geben selbst zu, dass bisher noch gar nicht klar sei, ob die Substanz bei Menschen so wirke wie bei Mäusen und Fischen. Wären nicht Studien mit freiwilligen Probanden ein viel sinnvollerer erster Schritt gewesen, bevor man Tieren, die wahrscheinlich ganz anders darauf reagieren, die Chemikalie spritzt? Schließlich handelt es sich hier nicht um eine unbekannte, möglicherweise hochtoxische Substanz, sondern um einen Inhaltsstoff von Zahnpasta und Seife (wie furchterregend)! Stattdessen – same procedure wie leider allzu oft – grausame und tödliche Tierversuche (Spritzen in den Herzbeutel!), keine verlässliche Aussage für den Menschen, mediale Panikmache. Das ist einfach nur überflüssig! Christine Esch, Tierärztin, Stuttgart
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