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Medizin

Fukushima: Strahlenexposition und gesellschaftliche Ächtung

Mittwoch, 15. August 2012

Der zerstörte Reaktor Nr.-4 in Fukushima dapd

Tokio/Saitama – Eine Untersuchung von Rückkehrern in das radioaktiv verseuchte Sperrgebiet um die havarierten Atomreaktoren von Fukushima zeigt eine erhöhte radioaktive Belastung an, die aber fast immer unter den zulässigen Grenzwerten bleibt. Eine andere Studie dokumentiert eine erhöhte Stressbelastung der Rettungsarbeiter – die die Autoren auch auf die Diskriminierung und soziale Ächtung durch ihre Mitmenschen zurückführen.

Im August 2011, ein halbes Jahr nach dem Reaktorunglück, waren viele Einwohner in die Kreisstadt Minami-Soma zurückgekehrt, die 23 Kilometer vom Atomkraftwerk Daiichi entfernt liegt. Masaharu Tsubokura von der Universität Tokio und Mitarbeiter, die in ihrem Bericht für das US-amerikanische Ärzteblatt (JAMA 2012; 308: 669-670) im ICMJE-Fragebogen keinen Interessenkonflikt angeben, haben in einer repräsentativen Stichprobe in den Monaten September bis März die radioaktive Belastung mittels eines Ganzkörper-Scanners bestimmt, der die terrestrische Hintergrundstrahlung ausblendet. Die gemessene Strahlung wurde dabei mit der Cäsiumbelastung gleichgesetzt.

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Wie Tsubokura berichtet, war ein Drittel der Einwohner belastet. Bei den Erwachsenen lag der Anteil bei 37,8 Prozent, bei den Kindern bei 16,4 Prozent. Die Messwerte lagen zwischen 210 und 2.953 Becquerel (Bq, median 590 Bq). Bezogen auf das Körpergewicht waren es zwischen 2,8 bis 57,9 Bq/kg (median 11,9 Bq/kg).

Nach den Berechnungen der japanischen Forscher war nur ein Einwohner einer Strahlendosis von mehr als einem Millisievert, nämlich 1,07 mSv ausgesetzt, die als Grenze zu einer bedenklichen Dosisleistung angesehen wird. (Die maximale erlaubte Jahresdosis für beruflich strahlenexponierte Personen beträgt 20 mSv). Es habe deshalb keinen Grund für eine Behandlung, etwa mit Berliner Blau gegeben, das bei einer akuten Vergiftung mit Cäsium als Antidot eingesetzt wird.

Die radioaktive Belastung liegt damit weit unter den Werten, die nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl dokumentiert wurden. Da die Messungen aber erst 6 Monate nach dem Unglück begannen, ist nach Auskunft von Tsubokura nicht auszuschließen, dass die Exposition in der ersten Monaten höher war, weil ein Teil des Cäsiums inzwischen zerfallen ist. Es ist jedoch auch möglich, dass die Bewohner teilweise erst nach ihrer Rückkehr exponiert wurden.

In einer weiteren Studie haben Jun Shigemura vom National Defense Medical College, einer Einrichtung der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte, und Mitarbeiter die psychischen Auswirkungen des Katastrophe auf die Reaktorarbeiter untersucht (JAMA 2012; 308: 667-669). In einer Querschnittsuntersuchung wurden Angestellte der havarierten Reaktoren in Daiichi mit Angestellten der intakt gebliebenen Reaktoren in Daini verglichen: Die Arbeiter in Daiichi litten deutlich häufiger unter einem psychologischen Distress (47 versus 37 Prozent) und einer posttraumatischen Stressreaktion (30 versus 19 Prozent).

Die psychische Belastung war weniger mit der Evakuierung nach dem Tsunami und dem Verlust von Eigenheim und Eigentum und (vor allem bei den Arbeitern in Daiichi) mit der erlebten Todesangst assoziiert. Als wichtigste Ursache ermittelt Shigemura die Diskrimierung („sabetsu“) und das Stigma („chuushou“), das ihnen die Mitmenschen entgegenbrachten.

Denn in der japanischen Öffentlichkeit trifft den Betreiber und seine „unfähigen“ Mitarbeiter eine wesentliche Schuld für die Katastrophe. Diese Schuldgefühle mögen mit der japanische Mentalität zusammenhängen, doch Shigemura weist darauf hin, dass auch viele US-Soldaten nach ihrer Rückkehr aus dem Vietnamkrieg unter gesell­schaftlicher Ablehnung und fehlender Unterstützung ihrer Mitbewohner litten und vielleicht auch deshalb später an posttraumatischen Belastungsstörungen litten. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #104249
Senbuddy
am Donnerstag, 16. August 2012, 11:05

Wer den Schaden hat....

...scheint in Japan für den Spott (oder noch schlimmer: Für die Verachtung) nicht sorgen zu müssen.

Wie die gesellschaftlichen Entwicklungen bei so einem Atomunfall wohl in Deutschland ablaufen würden ?

Der Volkszorn würde sich vermutlich nicht gegen die einzelnen "Schuldigen" (oder "Unfähigen") Personen wie in Japan richten, sondern gegen Regierung, Energieindustrie, Betreibergesellschaft oder "die da oben im Allgemeinen". Man würde in großen Menschenmengen protestieren, Oppositionen würden Unmengen von Poltiker-Rücktritten verlangen und verbleibende Regierungsvertreter würden hektisch neue Gesetze installieren.

Wie unterscheidlich doch Menatlitäten sein können.
Viele Grüße
S.
LNS

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