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Qualitätsorientierte Vergütung: Gutachten benennt Möglichkeiten und Defizite

Freitag, 17. August 2012

dpa

Berlin – Das Bundesministerium für Gesundheit hat am Freitag ein Gutachten zur qualitätsorientierten Vergütung (pay for performance, P4P) im Gesundheitswesen veröffentlicht, das die Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung erarbeitet hat. Ziel des Projekts war es dem Ministerium zufolge, eine Übersicht über den Stand der Wissen­schaft zu erhalten und Erfahrungen mit Modellen auszuwerten, die die Qualität der Versorgung mithilfe finanzieller Anreize verbessern wollen.

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass es bislang noch nicht gelungen ist, in Studien zweifelsfrei die Wirksamkeit von P4P-Projekten nachzuweisen. Zwar gebe es Belege für die Effektivität kombinierter Verfahren, die finanzielle und nicht-finanzielle Anreize setzen. Welchen Anteil die finanziellen Anreize an Qualitätsverbesserungen haben, lasse sich jedoch bisher nicht beziffern.

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Dabei wählen die P4P-Projekte nach Angaben der Gutachter unterschiedliche Anreizsysteme. Diese reichten von den klassischen Bonus-Zahlungen und Zielprämien über Zahlungsstopps bei schwerwiegenden Mängeln, die Beteiligung an Einsparungen bis hin zu umfassender Budget- und Qualitätsverantwortung von Versorgergruppen. Nicht finanzielle Anreize würden im Rahmen von Fortbildung und Schulung, Gruppenvergleichen (benchmark), Feed-back-Systemen oder der Veröffentlichung von Behandlungsergebnissen (public reporting) gesetzt.

Trotz der mangelnden überzeugenden Evidenz für die Wirksamkeit von P4P seien die meisten Befragten in Deutschland der Ansicht, dass das Verfahren in der Zukunft eine größere Rolle spielen werde, stellen die Gutachter fest. Sie haben deshalb Thesen generiert, die eine Diskussions- und Handlungsgrundlage für künftige Projekte sein sollen. Dabei sieht das Gutachten die Hauptanwendungsbereiche von P4P in der „Förderung exzellenter Qualität und neuer Versorgungsstrukturen sowie im Sanktionieren anhaltend defizitärer Versorgungsqualität“.

Da sich sehr viele Qualitätsprobleme bereits mithilfe nicht finanzieller Anreizsysteme lösen ließen, empfehlen die Gutachter, P4P erst dann einzusetzen, wenn die Möglichkeiten der anderen Instrumente ausgeschöpft sind. Der Grund: P4P ist ein aufwendiges Verfahren, das steht und fällt mit einer verlässlichen Qualitätsmessung. Bisher mangelt es aber nach Ansicht der Autoren noch in vielen Bereichen der medizinischen Versorgung an operationalisierten Qualitätsindikatoren. Hier sei noch methodische Entwicklungsarbeit zu leisten.

„Das Gutachten bietet einen guten Überblick über die nationalen und internationalen Entwicklungen im Bereich P4P und stellt eine wichtige Diskussionsgrundlage für Weiterentwicklungen dar“, erklärte Thomas Ilka, Staatssekretär im Bundesgesundheits­ministerium anlässlich der Veröffentlichung. Es mache aber auch deutlich, dass vor einer breiteren Einführung solcher Verfahren noch Forschungsbedarf bestehe.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) beschäftigt sich bereits seit 2008 mit P4P. „Pay-for-Performance-Projekte bergen große Chancen für Ärzte, gute Qualität auch endlich entsprechend bezahlt zu bekommen“, sagte deren Vorstandsvorsitzender Andreas Köhler damals im Rahmen der Diskussions­veranstaltung „KBV kontrovers“.

Allerdings betont auch Köhler, dass Transparenz und valide Indikatoren für die Messbarkeit der Qualität ärztlicher Leistungen unabdingbar sind. Im Rahmen des Projekts AQUIK (Ambulante Qualitätsindikatoren und Kennzahlen) hat die KBV deshalb ein Set von 48 Indikatoren für die ambulante Versorgung zusammengetragen.

  • KBV will Qualität besser vergleichbar machen

    Mit AQUIK® liegt ein Instrumentarium vor, mit dem man Qualität indirekt abbilden kann. Dies dient der Qualitätsentwicklung, mittelfristig aber auch als eine Bemessungsgrundlage für die ärztliche Vergütung.

Sie betreffen ADHS, Aids/HIV, arterielle Hypertonie, Arthrose, gynäkologische Themen, Harninkontinenz, Herzinsuffizienz, Impfen, Kreuzschmerz, Praxismanagement, Presbyakusis, Querschnittsthemen, rheumatoide Arthritis und Vorhofflimmern. Bislang zeigten allerdings die Krankenkassen wenig Bereitschaft, über P4P-Projekte in der ambulanten Versorgung zu diskutieren, erklärte KBV-Sprecher Roland Stahl gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. © HK/aerzteblatt.de

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