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Politik

Pro und Contra: Sollen auch in Deutschland standardisierte Zigarettenpackungen mit warnenden Bildern eingeführt werden?

Dienstag, 21. August 2012

Berlin – Das höchste Gericht des Landes hat in Australien den Weg freigemacht für einheitliche Zigarettenpackungen mit großflächigen Bildern von durch Tabakrauch geschädigten Organen. Weltweit wird nun auch in anderen Ländern darüber diskutiert, ob eine solche Maßnahme Tabakkonsum und –missbrauch eindämmen kann. Sollen auch in Deutschland standardisierte Zigarettenpackungen mit warnenden Bildern eingeführt werden? In „pro und contra“ verdeutlichen die Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention des Deutschen Krebsforschungszentrums, Martina Pötschke-Langer, und die Geschäftsführerin des Deutschen Zigarettenverbandes, Marianne Tritz, ihre jeweilige Position.

Martina Pötscke-Langer: Bildliche Warnhinweise wirken

Standardisierte Tabakproduktverpackungen mit großen Warnhinweisen aus Text und Bild können vor allem dazu beitragen, dass weniger Jugendliche mit dem Rauchen anfangen und dass Raucher zu einem Rauchstopp motiviert werden. Denn: Sie vermindern die Attraktivität der Produkte, die nicht länger vielfarbig und glamourös verpackt werden dürfen. Zudem kann keine Irreführung der Käufer durch suggestive Farbgebung erfolgen und der Eindruck vermittelt werden, ein Produkt sei weniger gesundheitsschädlich.

Auch gegen den Zigarettenschmuggel eignen sich die Standardverpackungen: Sie erhöhen die Erkennbarkeit von zukünftig geplanten Sicherheitsmerkmalen, so dass Fälschungen schneller identifiziert werden können.

Martina Pötschke-Langer

Bildliche Warnhinweise wirken, denn ein Bild sagt mehr als tausend Worte: Vergleichende Untersuchungen zeigen, dass bildliche Warnhinweise häufiger dazu führen, dass sich Raucher mit den Warnhinweisen auseinandersetzen und sich damit die Wahrscheinlichkeit eines Rauchstopps erhöht. Auch sehen Jugendliche die bildlichen Warnhinweise als effektivere Informationsvermittlung an, und erfolgreiche Ex-Raucher gaben an, dass die Bilder eine hilfreiche Rückfallprophylaxe darstellen.

Es besteht eine hohe Akzeptanz für bildliche Warnhinweise in Deutschland. Mehr als 70 Prozent der deutschen Bevölkerung spricht sich für Bilder aus. Befürchtungen, die abschreckenden Bilder könnten an deutschen Supermarktkassen zu Ekelreaktionen der Kunden führen, sind leicht zu entkräften: Zigarettenschachteln sollten von Supermarkt­kassen entfernt werden und in einem nicht einsehbaren Regal stehen. Auch rechtlich gibt es keine Hindernisse: Der Schutz der Gesundheit rechtfertigt Maßnahmen wie diese.

Marianne Tritz: Das Plain Packaging ist unverhältnismäßig

Als gesundheitspolitische Maßnahme ist das sogenannte Plain Pack­aging unver­­hält­nismäßig. Bis heute fehlen verlässliche Belege, dass die Konsu­me­nten durch unansehn­liche Einheitsverpackungen oder Bildwarnhinweise auf Tabakprodukten weniger rauchen würden. Die Einführung von Einheitsverpackungen spielt in erster Linie Zigaretten­schmugglern und -fälschern in die Hände, da es für sie einfacher würde, mit gefälschten Tabakprodukten Geld zu verdienen.

Gleiches gilt für den Nachweis, dass die Gestaltung der Verpackung insbesondere Kinder und Jugendliche zum Rauchen verleitet. Eine aktuelle Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung belegt, dass nur noch 13 Prozent der 12- bis 17-Jährigen in Deutschland zur Zigarette greifen. Damit hat sich der Anteil der jugendlichen Raucher von 28 Prozent im Jahr 2001 bis heute mehr als halbiert. Dieser Rückgang kann mit Sicherheit als Erfolg vorbeugender Programme und Aufklärung gewertet werden.

Ein konsequenter Vollzug des bestehenden gesetzlichen Abgabeverbotes an Minder­jährige, Aufklärungskampagnen in Schulen und andere Präventionsmaßnahmen sind aus unserer Sicht die geeigneteren und wirkungsvolleren Mittel, um über die Risiken des Rauchens zu informieren und den gesundheitspolitischen Forderungen nach einer Reduzierung des Tabakkonsums Rechnung zu tragen.

Marianne Tritz

Hinzu kommt außerdem ein rechtlicher Aspekt: Marken sind in allen Branchen ein wertvolles Geschäftsvermögen. Tabakprodukte sind legale Produkte, und daher müssen sämtliche grundlegenden Rechtsprinzipien beachtet werden, die für alle legalen Produkte und ihre Hersteller gelten. Insbesondere wäre ein Verbot der Nutzung der Markenrechte unvereinbar mit dem im Grundgesetz garantierten Eigentumsschutz. Dieser ist in Deutschland viel umfassender geregelt als in Australien, wo Einheitsverpackungen für Tabakprodukte Ende des Jahres eingeführt werden. © fos/aerzteblatt.de

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Avatar #93996
johann.gruber
am Freitag, 24. August 2012, 23:33

Aus dem Auge, aus dem Sinn.

Wer rauchen will, wird sich auch von Ekelbildern statt der bisherigen Warnhinweise nicht abschrecken lassen. Und die Freiheit von erwachsenen Menschen, dort wo es zulässig ist zu rauchen, will ihnen bei uns auch niemand nehmen.

Eltern und Erzieher finden in "www.krebsgesellschaft.de" (Suche nach "Tabakwerbung") zwei hochinteressante Veröffentlichungen. Im Beitrag „Rauchen bei Kindern und Jugendlichen“ wird berichtet, dass 82 % der erwachsenen Raucher schon als Kinder und Jugendliche mit dem Rauchen begonnen haben!

Der jungen Menschen gesetzlich garantierte Schutz vor dem Nikotin und dessen Suchtpotenzial wurde also offensichtlich millionenfach unterlaufen. - Warum, wird im zweiten Beitrag „Der Raucher in der Zigarettenwerbung“ anschaulich erläutert: Die Zigarettenwerbung suggeriert, dass Freiheit, Abenteuer und Unabhängigkeit -alles Themen, die für Jugendliche besonders interessant sind- und Zigaretten zusammengehören. In Wirklichkeit aber bedeutet Rauchen das genaue Gegenteil: Gesundheitsgefährdung und Abhängigkeit.

Den Vorschlag „Zigarettenschachteln sollten von Supermarktkassen entfernt werden und in einem nicht einsehbaren Regal stehen.“ von Dr. med. Martina Pötschke-Langer, Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und des WHO-Kollaborationszentrums für Tabakkontrolle, sollten die Gesundheitspolitiker deshalb umgehend verbindlich vorschreiben.

Im Übrigen läge es jetzt schon im Ermessen der Verantwortlichen von Supermärkten, Zigaretten ganz aus dem Angebot zu nehmen oder aus nicht einsehbaren Regalen und nur auf Verlangen abzugeben. Die damit (hoffentlich) verbundenen Umsatzeinbußen sind bestimmt wesentlich geringer, als der Umsatzausfall, der entsteht, wenn Stammkunden, die infolge ihres Tabakkonsums früher versterben, für Jahre und Jahrzehnte als Kunden ausfallen.
Avatar #646503
genitivusers
am Freitag, 24. August 2012, 11:57

Blinde Regulierungswut...

Bald kommen dann auch noch die Bilder von dicken Menschen mit schlechten Zähnen auf Marsriegeln.
Avatar #110406
WillBerlin
am Mittwoch, 22. August 2012, 02:13

Hauptsache: doofe Konsumenten

Verbraucher als doof zu betrachten entspricht offenbar den Maximen der bürgerlichen Demokratie
Avatar #110406
WillBerlin
am Mittwoch, 22. August 2012, 02:13

Hauptsache: doofe Konsumenten

Verbraucher als doof zu betrachten entspricht offenbar den Maximen der bürgerlichen Demokratie
LNS

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