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Medizin

Narkosemittel Ketamin beugt Erschöpfungstod von Hirnzellen vor

Donnerstag, 23. August 2012

Heidelberg – Einen Therapieansatz gegen Folgeschäden bei Hirnverletzungen haben Neurochirurgen des Universitätsklinikums Heidelberg entwickelt: Sie entdeckten, dass das gängige Narkosemittel Ketamin elektrische Entladungswellen verhindert, die nach Hirnblutungen, schwerem ischämischen Schlaganfall oder Kopfverletzungen weitere Nervenzellen schädigen. Die Ergebnisse wurden jetzt im Fachjournal Brain veröffentlicht (2012; 135: 2390-2398).

Stirbt im Gehirn nach Verletzungen, Blutungen oder einer anhaltenden Unterbrechung der Blutversorgung Nervengewebe ab, sind auch die angrenzenden Hirnareale gefährdet: Am Rand des abgestorbenen Gewebes entstehen Wellen elektrischer Entladungen, sogenannte Spreading Depolarisations, die sich über die benachbarten Regionen ausbreiten.

Darauf kommt die Gehirnaktivität in diesen Bereichen kurz zum Erliegen, denn die  Nervenzellen sind vorrübergehend nicht mehr in der Lage, Signale weiterzugeben. Je häufiger solche Wellen auftreten, desto länger brauchen die Zellen, um sich wieder zu erholen – oder sie sterben ab.

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Eine Studie aus dem Jahr 2011 zeigte, dass Patienten, bei denen diese Wellen auftreten, schwerere neurologische Schäden davontragen als Patienten, deren Nervenzellen diesem Stress nicht ausgesetzt sind (Nature Medicine 2011; 17:439-47). „Dabei kommt es vor allem auf die Frequenz an: Je schneller die Depolarisationswellen aufeinander folgen, desto schlechter die Prognose“, erklärt Daniel Hertle, Assistenzarzt der Neuro­chirurgischen Universitätsklinik Heidelberg und Erstautor des nun veröffentlichten Artikels.

„Wir gehen davon aus, dass sich schwere Folgeschäden wie lebenslange Behin­derungen zum Teil verhindern ließen, wenn wir die Entladungswellen unterdrücken könnten“, sagt Oliver Sakowitz, Geschäftsführender Oberarzt der Neurochirurgischen Universitätsklinik und Seniorautor des Artikels.

Die aktuelle Studie beschreibt nun einen möglichen Behandlungsansatz. In die Studie, an der sich neben Heidelberg die Universitätskliniken Charité, Berlin und Köln, das King's College London sowie die Universitäten in Pittsburgh, Richmond und Cincinnati, USA, beteiligten, wurden 115 Patienten nach Schädel-Hirn-Trauma, Hirnblutungen oder ischämischem Schlaganfall eingeschlossen.

Bei allen Patienten musste im Zuge der Behandlung das Gehirn teilweise freigelegt werden, so dass die Messelektroden an der Hirnoberfläche rund um das geschädigte Gewebe angelegt werden konnten. Anschließend wurde die Operationsnaht verschlossen und die Hirnströme über 15 Tage gemessen. Die Patienten befanden sich aufgrund ihrer schweren Erkrankung einige Zeit im künstlichen Koma. Als Narkosemittel kamen sechs verschiedene Medikamentengruppen zum Einsatz; jedes Zentrum verwendete seine üblichen Wirkstoffkombinationen.

Die Auswertung der Messdaten ergab: Im Gehirn von Patienten, die das Narkosemittel S-Ketamin erhalten hatten, traten 60 Prozent weniger Entladungswellen auf als bei Patienten, die zum Zeitpunkt der Messung nicht narkotisiert waren.

„Diese Wirkung kennen wir aus Tierversuchen. Nun haben wir sie erstmals bei Menschen nachgewiesen“, so Hertle. Bei den übrigen Wirkstoffgruppen zeigte sich kein solcher Effekt. Die weitere Auswertung der Patientendaten muss nun zeigen, ob die Eindämmung der Entladungswellen auf lange Sicht tatsächlich mit besseren Heilungschancen einhergeht. © hil/aerzteblatt.de

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