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Politik

Kritik am Praena-Bluttest zur Früherkennung von Trisomie 21

Donnerstag, 13. September 2012

Köln – Auf scharfe Kritik stößt der Praena-Test zur Früherkennung von Trisomie 21 beim Arzt und Direktor des Diözesan-Caritasverbandes für das Erzbistum Köln, Frank Johannes Hensel. Er befürchtet, dass die risikofreie Diagnoseform des Tests eine ernsthafte gesellschaftliche und individuelle Reflexion über Konsequenzen und Handlungsoptionen nach einer Trisomie-21-Diagnose verhindert.

Der Test, der nach Angaben des Herstellers LifeCodexx seit Ende August in mehr als 70 Praxen und Kliniken in Deutschland, Österreich, Liechtenstein und der Schweiz verfügbar sei, sei mit 1.250 Euro zwar teuer, „doch eröffnet er eine systematische Suche nach Trisomie 21. Eltern könnten sich zunehmend verpflichtet fühlen, nur noch ein gesundes Kind zu bekommen“, sagte Hensel heute vor Journalisten in Köln.

Pränataldiagnostik: Paradigmenwechsel

Der Test auf Trisomie 21 aus dem Blut der Schwangeren „Praenatest“ soll ab Sommer in Deutschland verfügbar sein. Ein Paradigmenwechsel, meinen die Autoren. Der Bluttest der Firma Lifecodexx in Konstanz auf Trisomie 21 könnte in mehrerlei Hinsicht einen Paradigmenwechsel in der Pränataldiagnostik einläuten.

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Bisher stellten die Ärzte die Diagnose mit Hilfe einer Fruchtwasserpunktion, die von den Krankenkassen bezahlt wird, die aber mit dem Risiko einer Frühgeburt verbunden ist. Der Diözesan-Caritasdirektor bezeichnet den Praena-Bluttest im Gegensatz zur Amniozentese „als reinen Selektionstest“. Während es bei der Amniozentese noch um pränatale Diagnostik für behandelbare Krankheiten, wie zum Beispiel Neuralrohrdefekte gehe, handele es sich bei diesem Bluttest nur noch um ein „Todesurteil für die betroffenen Kinder“.

Auch bisher schon entschieden sich 90 Prozent der Eltern, falls eine Trisomie 21 festgestellt würde, für einen Schwangerschaftsabbruch. Hensel befürchtet, dass die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung nicht daran vorbeikommen werde, den Test künftig als Kassenleistung anzubieten. Er empfiehlt, Frauen grundsätzlich vor einer pränatalen Diagnostik auf die Möglichkeit einer psychosozialen Beratung hinzuweisen.

Susanne Lohmann vom Beratungs- und Hilfenetz esperanza in Düsseldorf, fordert außerdem eine bessere Entlastung von Eltern mit behinderten Kindern. Kli © Kli/aerzteblatt.de

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Avatar #581536
Marcus Joos
am Montag, 17. September 2012, 09:02

Revidierung meiner Aussage

Ich weiß ja nicht einmal, welche Frauen diesen Test in Anspruch nehmen, wo es doch den ausführlichen Test bei der Amniozentese gibt. Und die Trisomie-Patienten, ich ich kennenlernte, waren sehr sympatische und lebensfreudige Menschen. Andere Behinderungen beeinträchtigen die Kinder mehr. Ein isolierter Test auf Trisomie 21 macht mir ein mulmiges Gefühl. So tendiere ich doch dazu, dass die Frauen ihn selbst zahlen müssen, wenn er auf dem Markt bleibt. Die Contras sind einfach gut nachvollziehbar, weil es sich um nur eine Krankheit handelt, die getestet wird.
Avatar #581536
Marcus Joos
am Sonntag, 16. September 2012, 21:17

Haben die Frauen mit einem 90 % - Votum bereits entschieden, was sie wollen?

Auch wenn ich nicht Gynäkologe bin: es ist ein Thema, welches Ärzte aller Fachrichtungen interessiert. Falls einige Angaben nicht korrekt sind, bin ich für Kritiken dankbar.

Leider habe ich als Nicht-Gynäkologe keine Zahlen zur Häufigkeit der Durchführung der Amniozentese eruieren können. Das trägt dazu bei, dass ich wahrscheinlich schlechter als die gyn. Kollegen einschätzen kann, in wieweit die Schwelle zur Untersuchung auf Trisomie 21 niedriger werden würde, wenn die Blutuntersuchung durch die Kassen erstattet wird (wenn der Test erst ab dem Alter von 35 Jahren erstattet wird, besteht auch die Frage, wie viel jüngere Frauen den Test in Anspruch nehmen – vielleicht wird er ja preiswerter). Wir wissen es aber letztendlich alle nicht. Bei den Frauen, primär ab dem Alter von 35 Jahren, welche auf die Durchführung einer Amniozentese verzichten, gehe ich davon aus, dass die Akzeptanzquote von Trisomie 21 höher als bei 10 % liegt. Werden sich nun mehr Frauen auf den einfachen Bluttest einlassen, so dass letztendlich weniger Menschen mit Trisomie 21 zur Welt kommen? Wenn ja, wie ist das ethisch zu bewerten? Was ist mit den weiteren Untersuchungen, die in der Amniozentese, aber nicht im Bluttest enthalten sind? Die Amniozentese wird im Schnitt in der 13. SSW durchgeführt. Ich schätze, dass eine Auslösung eines Aborts durch diesen Eingriff weiterhin bei grob 1 % oder mehr liegt. Zumindest handelt es sich um eine recht große Zahl, die beim Bluttest wegfällt. Das Argument von Behinderten, welches mir häufig begegnete: „Ihr wollt uns nicht haben, wir dürften eigentlich gar nicht leben“, ist nachvollziehbar. Und die Meinung, ob ein Unterschied zwischen einem Fötus in der 13. SSW und einem Neugeborenen besteht, wird zwar mehrheitlich, aber nicht einheitlich, mit einem „Ja“ beantwortet.

Trotz dieser offenen Fragen: 90 % der Frauen entscheiden sich bei einer Feststellung von einer Trisomie 21 als Amniozentese-Ergebnis für eine Beendigung der Schwangerschaft. Das müsste m.E. trotz der Unsicherheit bzgl. der Häufigkeit der Testungen und deren Folgen
(meine zusätzliche eigene Unsicherheit bei den obigen mir fehlenden Zahlen wird da wahrscheinlich nicht so wichtig sein, s.o.), ausreichen, um diese „Abstimmung der Frauen“ so weit zu berücksichtigen, dass die Blutuntersuchung von den Kassen getragen werden sollte. Trotzdem bewundere ich die mehr als 10 % dafür, dass sie sich dafür entscheiden, diese Beeinträchtigung ihres zukünftigen Kindes anzunehmen. Sie nehmen bewusst eine erhebliche Belastung in Kauf.
LNS

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