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Medizinische Forschung nach Reaktorunglück muss ausgeweitet werden

Montag, 17. September 2012

Berlin – Ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima verlangt die Ärzteorganisation IPPNW von der Bundesregierung, sich dafür einzusetzen, dass die medizinische Forschung über die Gesundheitsfolgen einer atomaren Katastrophe ausgeweitet wird.  Angelika Claußen hat Ende August mit einer internationalen Expertengruppe die Präfektur von Fukushima besucht.

Fünf Fragen an die deutsche Ärztin Angelika Claußen, die von 2005 bis 2011 Vorsitzende der deutschen IPPNW-Sektion ist.

DÄ: Frau Claußen, in diesem Sommer hat die japanische Zentralregierung mit der Dekontamination und der Sanierung der radioaktiv verseuchten Böden der Gemeinden der Präfektur Fukushima begonnen. Sind die Gebiete wieder bewohnbar?

Claußen: Nein. Selbst außerhalb dieser Zone befinden sich noch Gemeinden, deren Verstrahlung über 1 mSv/Jahr beträgt, dem Grenzwert, den das internationale Strahlenschutzkomitee für die Zivilbevölkerung empfiehlt. Und als wir aus der Stadt Fukushima über die Berge in die Gemeinde von Kawauchi fuhren, stieg die Radioaktivitätsanzeige des Geigerzählers im Bus auf 4 Mikrosievert an. Dies bedeutet etwa 35 mSv /Jahr. 

DÄ: Kann man überhaupt effektiv und nachhaltig so große landwirtschaftliche Flächen dekontaminieren?

Claußen: Hierüber gehen die wissenschaftlichen Meinungen auseinander. Wenn man die obere  Bodenkruste abträgt, so besteht die Frage: Wohin mit dem radioaktiven Müll? Bisher gibt es weder ein Endlager noch ein Zwischenlager. Die Ergebnisse der bishe­rigen Dekontaminierungen sind auch eher als dürftig zu bezeichnen. Die Strahlenwerte schwanken sehr stark. Bisher verbrennt die japanische Regierung den strahlenden Müll gemischt mit Hausmüll in Verbrennungsanlagen im ganzen Land.

So wird ganz Japan verstrahlt. Leider hat die japanische Regierung zudem die medizi­nische Forschung über die Gesundheitsfolgen begrenzt. Studien dürften sich aber eigen­t­lich nicht lediglich auf das Schilddrüsen-Screening der Kinder beziehen, sondern müssten umfangreiche Untersuchungsdaten auch für andere mögliche Erkrankungen wie sie nach der Tschernobylkatastrophe beobachtet wurden, umfassen.

DÄ: Wie ist derzeit die Situation in den betroffenen Gemeinden, zum Beispiel in Iitate, der Gemeinde, die Sie besucht haben ?
Claußen: Hier gibt es nur verlassene Häuser sowie Arbeiter, die in Schutzanzügen herumlaufen und an der Dekontaminierung arbeiten. An der offiziellen Messstelle der Gemeinde Iitate habe ich 1.9 Mikrosievert pro Stunde gemessen, nur wenige Meter entfernt jedoch stiegen die Werte an.

DÄ: Wann sind die Menschen in den Gemeinden denn evakuiert worden?
Claußen: Der Bürgermeister von Iitate hat sich wohl lange gegen die Evakuierung gewehrt, erzählte mir die Ärztin Dr. Katsumi Furitsu, die in Stadt Fukushima eine Selbsthilfegruppe von evakuierten Müttern betreut. Ende März 2011, also kurz nach dem Unglück, sei sie von einer Umweltwissenschaftlerin auf die extrem hohe radioaktive Verseuchung aufmerksam gemacht worden. Damals waren noch Tausende Evakuierte aus den Tsunami-Gebieten in Itate untergebracht. Der Bürgermeister habe nichts von den hohen Messwerten wissen wollen, die von Nuklearphysikern aus Kyoto gemessen wurden, und hat für „sein Dorf“ gekämpft, sagte mir Frau Furitsu. Erst Anfang April 2011 als eine Versammlung anberaumt war, gab die Zentralregierung bekannt, dass Iitate evakuiert wird und dass sich auch der Bürgermeister von Iitate den Anweisungen der Regierung zu beugen hätte. Zu der Zeit befanden sich immer noch 4000 Menschen in Iitate von ursprünglich 6000.

DÄ: Gibt es Änderungen im deutschen Strahlenschutz aufgrund der Katastrophe von Fukushima?
Claußen: Nein, bisher nicht. Die Studie des Bundesamtes für Strahlenschutz, die besagt, dass der Katastrophenschutz in Deutschland nach einer Kernschmelze wie in Fukushima völlig überfordert wäre, wurde auf der Jahrestagung der Strahlenschutzkommission im März dieses Jahres nicht einmal diskutiert. Schweigen, Verdrängen, alles beim Alten lasen und deutsche Atomkraftwerke weiter laufen lassen, das ist hier die Devise,  ­ ebenso wie in Japan vor der Katastrophe. Wenn die Menschen vor den Auswirkungen eines Atomunfalls aber nicht geschützt werden können, dann müssen zwingend alle Atomkraftwerke stillgelegt werden. © ER/aerzteblatt.de

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