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Medizin

Psoriasismittel senkt Schubfrequenz bei multipler Sklerose

Donnerstag, 20. September 2012

Cleveland/Bochum – Die zur Behandlung der Psoriasis eingeführte Fumarsäure kann den Krankheitsverlauf bei der multiplen Sklerose günstig beeinflussen. Dies zeigen zwei Phase-III-Studien im New England Journal of Medicine (2012; 367: 1087-1097 und 1098-1107), in denen das Fumarsäure-Präparat „BG-12“ Placebo überlegen war und einen Vergleich mit Glatiramer bestand. Aufgrund der guten Verträglichkeit und der oralen Verfügbarkeit spricht die Deutsche Gesellschaft für Neurologie von einem „Meilenstein“. Der Hersteller hofft auf eine baldige Zulassung.

Der medizinische Einsatz von Fumarsäure, einem Zwischenprodukt des Zitratzyklus, ist gewissermaßen eine deutsche Erfindung. Der Biochemiker Walter Schweckendieck und der Allgemeinmediziner Günther Schäfer hatten 1959 über eine erfolgreiche Eigenbehandlung der Schuppenflechte berichtet. Seit 1994 ist in Deutschland eine orale Formulierung zur Behandlung der Psoriasis vulgaris zugelassen.

Wenige Jahre später fiel dem Dermatologen Peter Altmeyer zusammen mit dem Neurologen Horst Przuntek, beide Universität Bochum auf, dass sich unter der Therapie mit Fumarsäure bei zwei Psoriasispatienten auch die gleichzeitig bestehende multiple Sklerose gebessert hatte, was sich in einer Pilotstudien an zehn Patienten bestätigen sollte (European Journal of Neurology 2006; 13: 604-10).

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Der damalige Schweizer Hersteller des Psoriasismedikaments konnte für eine klinische Entwicklung gewonnen werden, die der neue Eigentümer, die US-Firma Biogen Idec, fortsetzte. In zwei Phase-III-Studien in Europa (DEFINE) und den USA (CONFIRM) wurde die Wirkung von Dimethylfumarat schließlich an 1.234 MS-Patienten mit Placebo (DEFINE) und in 1.417 Patienten mit Glatiramer oder Placebo verglichen (CONFIRM).

In beiden Studien erwies sich Fumarsäure als wirksam. In DEFINE wurde die Schubrate während einer zweijährigen Studienzeitraumes von 46 Prozent (Placebo) unter zwei- oder dreimal täglicher Einnahme auf 27 beziehungsweise 26 Prozent gesenkt. Die jährliche Schubrate geben Ralf Gold von der Ruhr Universität Bochum und Mitarbeiter mit 0,17 und 0,19 in den beiden BG-12-Gruppen an. Gegenüber 0,36 unter den Placebo-Empfängern entspricht dies einer relativen Reduktion von 53 bzw. 48 Prozent oder in etwa einer Halbierung.

Ähnliche Ergebnisse berichten Robert Fox von der Cleveland Clinic und Mitarbeitern für die CONFIRM-Studie. Die jährliche Schubrate sank hier von 0,40 (unter Placebo) auf 0,22 und 0,20 unter BG-12. Sie lag damit sogar niedriger als unter Glatiramer. In einer Post-hoc-Analyse war die drei Mal tägliche Einnahme von BG-12 dem etablierten MS-Medikament sogar überlegen. Auch in der Reduktion neuer Läsionen könnte es Vorteile geben. Die Unterschiede zu Placebo sind signifikant.

Die Therapie mit Fumarsäure ist nicht ohne Nebenwirkungen. Häufig sind eine Gesichtsrötung und Hitzegefühl („Flush“) sowie gastrointestinale Beschwerden wie Diarrhoe, Nausea und Oberbauchschmerzen. Bedingt durch die immunmodulierende Wirkung kommt es zu einem Abfall der Lymphozyten. Sicherheitsrelevant ist ein Anstieg der Leberwerte, der auch bei der Behandlung der Psoriasis beobachtet wird (und dort ein Grund für die Zurückstufung zu einem Reservemedikament ist. Die topische Therapie hat bei der Psoriasis generell Vorrang). Schwere Leberschäden sind nach den bisherigen Erfahrungen in der Psoriasistherapie nicht zu befürchten. Allerdings wurde das Mittel in den MS-Studien teilweise doppelt so hoch dosiert.

Der Hersteller Biogen hat bereits die Zulassung in den USA und Europa beantragt. BG-12 könnte nach Fingolimod (seit April 2011 in Deutschland zugelassen) und Teriflunomid (in diesem Monat in den USA zugelassen) das dritte orale Medikament bei der multiplen Sklerose werden. © rme/aerzteblatt.de

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