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Ärzteschaft

„Wir wollten den Klagen etwas Positives entgegensetzen“

Dienstag, 25. September 2012

Rostock – 24 Positionen zur Zukunft der hausärztlichen Versorgung hat die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) verabschiedet. DEGAM-Präsident Ferdinand M. Gerlach zur Bedeutung von Generalisten in der Versorgung, zur Teampraxis der Zukunft und zum Stellenwert der Allgemeinmedizin in der Ausbildung. Auch der Deutsche Ärztetag hatte im Mai dieses Jahres einstimmig ein Positionspapier beschlossen, dass die Vielseitigkeit und guten Perspektiven der Allgemeinmedizin heraustellt.

DÄ: Herr Professor Gerlach, warum braucht Ihr Fach Zukunftspositionen?
Gerlach: Wir wollen Hausärztinnen und Hausärzten positive Signale geben, eine Aufbruchstimmung vermitteln und dabei helfen, konstruktiv in die Zukunft zu schauen. Mit unseren 24 Positionen haben wir nicht den Anspruch, alle Facetten unseres Fachs umfassend zu beschreiben. Aber wir wollten Akzente setzen. Wir formulieren, wie wir uns die Hausarztpraxis der Zukunft vorstellen und welche Rolle die Allgemeinmedizin in einem modernen Gesundheitssystem einnehmen soll.

DÄ: Sind die Zukunftspositionen also eine Art Selbstvergewisserung?
Gerlach: Ja, auch, aber es gab mehrere Beweggründe, sie zu formulieren. Ein wichtiger darunter war, dass wir dem Jammern und Schlechtreden der eigenen Profession etwas Positives entgegensetzen wollten. Wir wollten nicht erneut beschreiben, dass es zu viel Bürokratie gibt im System und dass Hausärzte nicht genug verdienen. Uns war vielmehr wichtig klarzustellen, warum Hausärzte zukünftig wichtiger sein werden denn je. Wir wollten nach innen, vor allem mit Blick auf den Nachwuchs, aber auch nach außen in Richtung der Politik, der Medien und anderer ärztlicher Organisationen deutlich machen, was die Allgemeinmedizin der Zukunft leisten kann und wozu wir sie brauchen.

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Allgemeinmedizin: 24 Zukunftspositionen verabschiedet

Rostock – Wie sieht die Hausarztpraxis der Zukunft aus? Welche Aufgaben übernehmen Hausärztinnen und Hausärzte in den nächsten Jahren in der Versorgung? Welche Rolle sollte die Hausarztmedizin in Zukunft in Aus- und Weiterbildung spielen?

DÄ: Sie beschreiben Hausärzte als Generalisten, die nicht organ- oder aufgabenzentriert arbeiten, sondern als Spezialisten für den ganzen Menschen, ebenso aber auch als Koordinatoren der Versorgung. Wenn man sich das Vertragsgeschäft ansieht, dann wurden die Hausarztverträge aber noch nicht in größerem Umfang durch zusätzliche Kooperationsverträge mit anderen Fachgruppen ergänzt. Passt das zur Rollenbeschreibung?
Gerlach: Hier gibt es durchaus erste Fortschritte, etwa in Baden-Württemberg. Das Vertragsgeschäft ist aber Sache der Berufsverbände und der Kassenärztlichen Vereinigungen. Wir als wissenschaftliche Fachgesellschaft kooperieren gerne mit anderen Fachgesellschaften. In allen 15 DEGAM-Leitlinien gibt es zum Beispiel definierte, gemeinsame Schnittstellen mit anderen Facharztgruppen. Die DEGAM beteiligt sich selbst auch intensiv an der gemeinsamen Entwicklung der Nationalen Versorgungsleitlinien.

Ansonsten gilt aber: Die Positionen beschreiben nicht immer den Status quo. Nehmen Sie die Position, dass die Allgemeinmedizin das Kernfach im Medizinstudium ist. Das ist noch keine Zustandsbeschreibung. Aber es bedeutet: So sollte es sein, und das ist mit Blick auf die internationale Situation auch keineswegs unrealistisch. Wenn die Stärkung der Allgemeinmedizin in der Approbationsordnung mit weiteren Schritten fortgesetzt wird, dann werden wir auch eine weitere Aufwertung der Allgemeinmedizin in der Ausbildung bekommen.

DÄ: Eine Position verdeutlicht, dass die Hausarztpraxis der Zukunft eine Teampraxis sein soll. Bei solchen Positionen kann man doch die berufspolitische Ebene nicht auslassen. Um Teampraxen mit Ärzten und anderen Berufsgruppen aufzubauen, muss doch die Honorierung stimmen.
Gerlach: Natürlich. Deshalb ist in einer anderen Position ja auch die Forderung formu­liert, dass Hausärztinnen und Hausärzte stabile und förderliche Rahmenbedingungen benötigen. Selbstverständlich ist einer Fachgesellschaft wie der DEGAM bewusst, dass zuwendungsorientierte Medizin, das Gespräch mit Patienten, der Hausbesuch in der Nacht ordentlich und fair vergütet werden müssen. Sonst läuft der Allgemeinmedizin der Nachwuchs weg.

In den Zukunftspositionen wird aber auch angesprochen, gerade mit Blick auf den Nachwuchs für neue Strukturen zu sorgen. Die Jungen haben heute andere Vorstellungen von der Zukunft. Sie wollen eher angestellt arbeiten, eher in Teilzeit, eher in der Nähe eines Ballungsraums mit guten Lebensbedingungen für die ganze Familie. 63 Prozent der Studienanfänger sind heute Frauen.

Im Fach Allgemeinmedizin wird es in einigen Jahren sogar 70 bis 75 Prozent Ärztinnen geben, weil sich eine Hausarztpraxis besser mit Kindern verbinden lässt als eine klinische Tätigkeit. Darauf müssen wir uns einstellen. Deswegen ist uns der Hinweis auf Team­praxen wichtig. Die jungen Kolleginnen und Kollegen wollen durchaus chronisch Kranke lange versorgen, aber in der Regel nicht mehr als Einzelkämpfer oder Einzelkämpferin. Auch angesichts der zunehmenden Komplexität der Anforderungen geht das künftig nur in kooperativen Strukturen.

DÄ: Vertreter der Allgemeinmedizin haben lange Jahre beklagt, dass ihr Fach nicht in seiner wirklichen Bedeutung für die Versorgung wahrgenommen wird. Nun, mit dem demografischen Wandel, hat sich das geändert. Gibt es ein neues Selbstbewusstsein?
Gerlach: Wir beobachten, dass die DEGAM enorm an Akzeptanz gewonnen hat. In den Auseinandersetzungen um eine Änderung der Approbationsordnung sind wir beispiels­weise sehr viel sichtbarer geworden als früher. Das liegt aber insgesamt auch daran, dass es inzwischen mehr Lehrstühle für Allgemeinmedizin gibt und diese natürlich auch Arbeitsergebnisse vorlegen.

Wir setzen uns als Fachgesellschaft sehr ernsthaft für viele relevante Themen ein, aber halten uns von berufspolitischen Auseinandersetzungen wie dem Vertragspoker fern. Dadurch haben wir nach innen und außen viel Glaubwürdigkeit und Akzeptanz gewonnen.

Tätigkeitsbericht: Hausarzt – ein schöner Beruf

Der 115. Deutsche Ärztetag hat in Nürnberg für den Hausarztberuf geworben. Ein Positionspapier, das die Delegierten einstimmig annahmen, stellt die Vielseitigkeit und die guten Berufsperspektiven der Allgemeinmedizin heraus. Für Dr. med. Max Kaplan war es Werbung in eigener Sache. „Wir wollen junge Ärztinnen und Ärzte für die Allgemeinmedizin begeistern“, sagte der Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer.

© Rie/aerzteblatt.de

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