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Politik

Arznei­verordnungs-Report: Einsparpotenzial von 3,1 Milliarden Euro

Donnerstag, 27. September 2012

© fotolia

Berlin – Ärztinnen und Ärzte haben in Deutschland im vergangenen Jahr teurere und größere Arzneimittelpackungen verordnet als im Vorjahr. Diese sogenannte Struktur­komponente stieg um 2,4 Prozent. Das geht aus dem Arzneiverordnungs-Report (AVR) 2012 hervor, der heute in Berlin vorgestellt wurde. Zugleich sanken die Preise je Verordnung um 2,3 Prozent, sodass der Wert einer Verordnung nahezu gleich geblieben ist. Auch die Zahl der Verordnungen blieb nahezu konstant (-0,1 Prozent).

Insgesamt sind 2011 die Arzneimittelausgaben erstmals seit 2004 zurückgegangen. Wie das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) bereits zu Beginn dieses Jahres mitteilte, waren sie um 1,2 Milliarden Euro, und damit um vier Prozent, auf 30,9 Milliarden Euro gesunken. „Dieser Rückgang beruht fast ausschließlich auf dem massiven Eingriff des Gesetzgebers in die Arzneimittelpreise“, sagte einer der Herausgeber des Reports, Ulrich Schwabe. Die schwarz-gelbe Koalition hatte mit dem GKV-Änderungsgesetz die Abschläge für Arzneimittel, die keiner Festbetragsgruppe zugeordnet sind, für den Zeitraum vom 1. August 2010 bis zum 31. Dezember 2013 von sechs auf 16 Prozent angehoben sowie einen zusätzlichen Preisstopp eingeführt.

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Den Zahlen des BMG zufolge haben die Krankenkassen bei den Generika im Jahr 2011 durch Rabattverträge mehr als 1,6 Milliarden Euro eingespart. Die ursprünglichen Einsparziele bei den Generika seien mit Hilfe der Rabattverträge also weitgehend erreicht worden, so Schwabe. Das rechnerische Einsparpotenzial von 1,4 Milliarden Euro bei konsequenter Verordnung von Generika sei dadurch überkompensiert, erklärte der zweite Herausgeber des Reports, Dieter Paffrath.

Dennoch weist der AVR ein Einsparpotenzial von 3,1 Milliarden Euro aus. Am meisten, nämlich 2,8 Milliarden Euro, könne durch eine Substitution von Analogpräparaten durch therapeutisch äquivalente Leitsubstanzen eingesparten werden, so Paffrath. Bei dieser Zahl seien die gesetzlichen Preisabschläge bereits abgezogen. Weitere 500 Millionen Euro könnten zudem eingespart werden, wenn auf Arzneimittel mit einem umstrittenen Nutzen verzichtet würde.

Schwabe wies darauf hin, dass laut BMG die Ausgaben für Arzneimittel im ersten Halbjahr 2012 bereits wieder um 3,1 Prozent (480 Millionen Euro) angestiegen seien. Allein 190 Millionen Euro seien dabei auf drei neue Arzneimittel mit Jahrestherapiekosten in Höhe von bis zu 44.000 Euro entfallen. Für diese Medikamente laufen zurzeit Preisverhandlungen zwischen dem Hersteller und dem GKV-Spitzenverband, die das Arznei­mittel­markt­neuordnungs­gesetzes (AMNOG) für neue Arzneimittel vorschreibt. Im ersten Jahr nach Marktzulassung können die Hersteller die Preise jedoch weiterhin selbst festlegen.

Mit dem AMNOG will die schwarz-gelbe Koalition bis 2014 die Arzneimittelausgaben um zwei Milliarden Euro senken. Dieses Ziel sei nur zu erreichen, wenn auch bei Arznei­mitteln des Bestandsmarkts eine Nutzenbewertung durchgeführt werde, erklärte Schwabe. Und um dies zu erreichen, brauche das Institut für Qualität und Wirtschaft­lichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), das die frühe Nutzenbewertung durchführt, in jedem Fall mehr Personal.

Der Vorsitzende der Arzneimittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig, nannte in diesem Zusammenhang verschiedene neue Opioide, die in ihrer analgetischen Wirkung dem als Goldstandard geltenden Morphin nicht überlegen seien, dafür aber deutlich teurer.

„Das Opioid Tapentadol, zum Beispiel, wurde 2010 zugelassen und hat es somit gerade noch vor dem AMNOG in den Markt geschafft“, sagte Ludwig. Heute würden bereits 2,8 Millionen definierte Tagesdosen dieses Wirkstoffes verordnet. Dies zeige allerdings nur den Erfolg der Marketingstrategien der Hersteller, so Ludwig. Denn wenn Tapentadol eine frühe Nutzenbewertung erfahren hätte, wäre ihm „definitiv kein Zusatznutzen“ bescheinigt worden.

Pharmaverbände kritisierten die im Arzneiverordnungs-Report vorgestellten Einspar­potenziale im Arzneimittelbereich. Bereits gestern hatte der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) ein Gutachten vorgestellt, in dem die von den AVR-Herausgebern angewandte Methodik kritisiert wird. Von den verschiedenen Methoden, die zur Errechnung eines Einsparpotenziales zur Verfügung ständen, wähle der AVR stets diejenige, die zu dem höchsten Einsparpotenzial führe, kritisierten die Autoren des Gutachtens, Dieter Cassel von der Universität Duisburg-Essen und Volker Ulrich von der Universität Bayreuth.

Auch bei dem Vergleich mit den Arzneimittelpreisen anderer Ländern, den der AVR seit drei Jahren exemplarisch vornimmt, beständen so viele Fehlermöglichkeiten, dass man Schwierigkeiten habe, die errechneten Einsparpotenziale als belastbar zu bezeichnen, so Cassel. Schaffrath bezeichnete das Gutachten als „Nebelkerze“ des BPI. Zudem seien im aktuellen AVR die Möglichkeiten eines internationalen Preisvergleichs genau beschrieben.

Auch aus Sicht der Hauptgeschäftsführerin des Verband forschender Arzneimittel­hersteller (vfa), Birgit Fischer, weist der Report methodische Mängel auf. Der Chef des Verbands Pro Generika, Bork Bretthauer, sagte, in wesentlichen Teilen biete der Report „keinerlei Erkenntnisgewinn“. „Im Gegenteil, er setzt offensichtlich auf Stimmungsmache und rechnet mit Phantomzahlen“, bemängelte er. © fos/aerzteblatt.de

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