NewsMedizinBenzodiazepine könnten Demenzrisiko bei Senioren erhöhen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Benzodiazepine könnten Demenzrisiko bei Senioren erhöhen

Freitag, 28. September 2012

Bordeaux – Senioren, die regelmäßig Benzodiazepine einnahmen, erkrankten in einer prospektiven Kohortenstudie im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2012; 345: e6231) häufiger an einer Demenz. Auch wenn die Autoren eine Kausalität nicht belegen können, raten sie zu einem zurückhaltenden Einsatz bei älteren Menschen.

Benzodiazepine gehören zu den Wirkstoffen, die häufiger verordnet werden, als die Leitlinien dies vorsehen. Besonders beliebt sind sie bei Senioren, von denen in Frankreich 30 Prozent regelmäßig zu den Schlafmitteln oder Tranquilizer greifen sollen. Die kurzfristigen Wirkungen von Benzodiazepine auf die kognitiven Fähigkeiten sind bekannt. Ob die Mittel bei langfristiger Einnahme auch die Entwicklung einer chronischen Demenz fördern, ist dagegen umstritten.

Die hierzu durchgeführten Fall-Kontrollstudien führten zu widersprüchlichen Ergeb­nissen, berichtet Bernard Bégaud von der Universität Bordeaux. Ein Beweis sei auch deshalb schwer zu führen, weil Angstzustände und Schlafstörungen, die häufigsten Anlässe für den Einsatz von Benzodiazepinen, ein Frühsymptom des Morbus Alzheimers sein können. Epidemiologische Untersuchungen können deshalb eine reverse Kausalität, die Ursache und Wirkung verwechselt, nicht sicher ausschließen.

Anzeige

Der Einwand trifft im Prinzip auch auf die „Personnes Agées QUID“ oder PAQUID-Kohorte zu, die seit 1987 eine Gruppe von 3.777 Senioren begleitet. Bégaud beschränkt seine Auswertung auf 1.063 Männer und Frauen, die zu Beginn der Studie frei von Demenz­symptomen waren und in den ersten drei Jahren keine Benzodiazepine einnahmen – was die Verfälschung durch eine reverse Kausalität verhindern soll.

Aus dem gleichen Grund wurden Demenzerkrankungen erst nach 5 Jahren in die Auswertung einbezogen. Sie ergab, dass die Einnahme von Benzodiazepinen mit einer um 60 Prozent höheren Inzidenz von späteren Demenzerkrankungen assoziiert war. Die Hazard Ratio von 1,60 war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,08 bis 2,38) nicht nur signifikant. Das Ergebnis war auch nach Berücksichtigung anderer möglicher Ursachen robust. Bégaud konnte die Ergebnisse zudem in einer „genesteten“ Fall-Kontrollstudie bestätigen. Fälle und Kontrollen stammten hier aus der PAQUID-Kohorte.

Nach den Berechnungen von Bégaud könnte die Einnahme von Benzodiazepinen das Risiko einer Demenzerkrankung von Senioren von 3,2 auf 4,8 pro 100 Patientenjahre erhöhen. Aufgrund der häufigen Verordnung könnten die Medikamente einen beträchtlichen Teil aller Demenzerkrankungen verursachen, wenn denn die Assoziation tatsächlich eine Kausalität widerspiegelt.

Sollte sich die Demenz, wie einige Experten vermuten, tatsächlich über Jahrzehnte entwickeln, könnte die „run-in“-Zeit von 3 Jahren zu kurz gewesen sein. Bégaud nennt auch keine biologisch plausiblen Gründe, wie die Medikamente die Ablagerung der für die Erkrankung verantwortlichen Amyloide fördern könnte. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #103574
mkohlhaas
am Samstag, 29. September 2012, 20:19

Nichts neues

Das man von Kiffen verblödet ist schon lange bekannt.
Von Benzos wird es nicht anders sein.
LNS

Nachrichten zum Thema

19. September 2020
Düsseldorf – Der Kollagenrezeptor Glykoprotein VI (GPVI) ist offenbar an der Aktivierung und Aggregation von Thrombozyten und der darauffolgenden Verklumpung von Amyloid-Beta-Protein in Hirngefäßen
Thrombozytenrezeptor möglicher Angriffspunkt für Alzheimermedikament
18. September 2020
Greifswald – Bei der bundesweiten Verteilung von Menschen mit Demenz gibt es große regionale Unterschiede. Das ist das Ergebnis einer Studie des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen
Demenzerkrankungen bundesweit unterschiedlich verteilt
18. September 2020
Berlin – Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen haben durch die Einschränkung sozialer Kontakte besonders unter der Coronapandemie gelitten. „Sollte eine neue Welle kommen, müssen wir dafür sorgen,
Alzheimerexperten warnen vor erneuter „krankmachender Isolation“ demenzkranker Menschen
25. August 2020
Bonn – Die persönliche Wahrnehmung von Betroffenen kann ein wichtiges Indiz sein, um eine Alzheimer-Erkrankung frühzeitig zu bemerken. Das berichtet ein Forschungsteam unter Federführung des Deutschen
Subjektiv empfundene Gedächtnisprobleme können Demenzdiagnostik unterstützen
21. August 2020
Boston – Entgegen weit verbreiteten Befürchtungen nimmt die Zahl der Demenzerkrankungen in Europa und Nordamerika nicht zu. Die Auswertung von 7 großen Kohortenstudien ermittelt in Neurology (2020;
Demenzen werden in Amerika und Europa seltener
17. August 2020
Washington/Berlin – Der Tyrosinkinase-Inhibitor Nilotinib könnte einen Ansatz für die Behandlung der Alzheimererkrankung bieten. Das hofft die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) nach einer
Neuer Wirkstoffkandidat für die Alzheimertherapie bewährt sich in Phase-2-Studie
11. August 2020
München – Wegen der Coronakrise verzögert sich die geplante Gründung eines Bayerischen Demenzpakts, mit dem die Situation von Betroffenen und Angehörigen verbessert werden soll. Die erste
LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER