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Medizin

Gen-Kalb gibt hypoallergene Milch

Dienstag, 2. Oktober 2012

dapd

Hamilton – Genforscher aus Neuseeland haben eine Kuh geklont, deren Milch kein Beta-Lactoglobulin enthält. Das Molkeeiweiß ist ein häufiger Auslöser der Kuhmilch­allergie bei Kleinkindern. Nach dem Bericht in den Proceedings of the National Academy of Sciences (2012, doi: 10.1073/pnas.1210057109) bleibt unklar, ob die Gen-Kuh, die ohne Schwanz geboren wurde, fortpflanzungsfähig ist.

Etwa zwei bis drei Prozent aller Säuglinge reagieren allergisch auf Kuhmilch. Auslöser können im Prinzip alle Molkeproteine sein, die in Muttermilch und Kuhmilch unter­schiedlich sind. Dazu gehört Beta-Lactoglobulin, das laut Stefan Wagner von der Firma AgResearch in Hamilton/Neuseeland zu den häufigsten Auslösern der Kuhmilchallergie gehört. Das Gen von Beta-Lactoglobulin ist bekannt. Damit waren die Voraussetzungen für das Gen-Kalb gegeben.

Bei einfachen Lebewesen ist es heute relativ einfach möglich, einzelne Gene aus dem Erbgut zu entfernen. In der Forschung wird dies häufig bei sogenannten „Knock-out“-Mäusen unternommen. Bei komplexeren Säugetieren ist dies weit aus schwieriger. Das Team um Wagner entschied sich für einen anderen Ansatz. Statt das Gen gezielt auszuschalten, fügten sie dem Erbgut ein weiteres Gen hinzu, das die Bildung des Eiweißes blockiert. Wagner spricht von einem „knock-down“ des Gens.

Dies gelingt mit einer speziellen Mikro-RNA. Sie bindet in der Zelle an die Messenger-RNA des Beta-Lactoglobulin-Gens. Diese sogenannte RNA-Interferenz verhindert, dass die Geninformation an den Ribosomen in ein Beta-Lactoglobulin-Protein umgesetzt wird. Die Forscher statteten Zellen von der Kuh mit der Mikro-RNA aus. Aus den Zellen wurde dann nach der beim Clon-Schaf Dolly verwendeten Technik das Kalb „Daisy“ gezeugt und von einer Leihmutterkuh ausgetragen.

Daisy ist zwar noch ein Kalb, das selbst noch nicht getragen hat. Die Forscher konnten aber mit Hilfe von Hormonen eine Laktation induzieren. Die Milch von Daisy soll völlig frei von Beta-Lactoglobulin sein. Das ist einerseits wichtig, da allergische Menschen bereits auf kleinste Spuren des Allergens reagieren. Zum anderen ist das Ergebnis erstaunlich, da die RNA-Interferenz (das „Knock-down“) die Produktion eines Proteins nicht immer zu 100 Prozent blockiert. Es bleibt deshalb abzuwarten, ob unabhängige Forscher die Allergenfreiheit der Milch bestätigen werden.

Eine weitere Voraussetzung für die kommerzielle Herstellung einer Beta-Lactoglobulin-freien Milch wäre, dass Daisy sich vermehrt und die Mikro-RNA an ihre Nachkommen weitergibt. Das Klonen einzelner Tiere wäre für eine Milchproduktion zu kostspielig. Rentabel wären nur große Herden von einzelnen geklonten Tieren.

Ob Daisy sich fortpflanzt, ist aber nicht sicher. Das Kalb wurde ohne Schwanz geboren. Dies könnte ein Hinweis auf andere Fehlbildungen und eine eventuelle Infertilität sein. Die Wissenschaftler hoffen allerdings, dass es sich um einen epigenetischen Defekt ohne Bedeutung für die Gesundheit handelt.

Ob die dann produzierte Milch tatsächlich von Kindern mit einer Milchallergie vertragen würde, müsste in einer klinischen Studie untersucht werden. Aufgrund der Vorbehalte gegenüber Gennahrung in der Bevölkerung könnte es eine hypoallergene Genmilch schwierig haben, sich kommerziell durchzusetzen. Junge Mütter gelten in dieser Frage als besonders skeptisch. © rme/aerzteblatt.de

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