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Politik

Gutachter macht Senatorin für Hygiene-Skandal mitverantwortlich

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Vor dem Untersuchungsausschuss: Renate Jürgens-Pieper dpa

Bremen – Bremens Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) ist nach Auffassung eines Gutachters der Staatsanwaltschaft an dem Hygiene-Skandal auf der Frühgeborenenstation mitschuldig. Die senatorische Behörde und die Geschäftsführung des Klinikverbundes würden die meiste Verantwortung für die Missstände tragen, sagte der Essener Krankenhaushygieniker Walter Popp heute vor dem Untersuchungs­ausschuss, der sich mit dem Tod mehrerer Frühchen im Klinikum Bremen-Mitte beschäftigt.

So seien Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektions­prävention nicht befolgt worden, sagte Popp. Diese hätten etwa eine bessere personelle Ausstattung auf der Frühchenstation vorgesehen. Wären die Empfehlungen umgesetzt worden, wären weniger Schäden aufgetreten, betonte Popp, der im Auftrag der Staatsanwaltschaft Bremen ein Gutachten erstellt hat.

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In der Regel habe sich eine Pflegekraft um drei Frühchen kümmern müssen, in Einzelfällen sogar um sechs. Das entspreche nicht den Empfehlungen, die allerdings rechtlich erst ab 2016 gelten.

„Moralisch“ aber wäre die Behörde jetzt schon verpflichtet gewesen, das Personal aufzustocken, sagte Popp. Denn bei dem bestehenden Betreuungsschlüssel sei die notwendige Desinfektion der Hände vor jeder neuen Berührung mit einem Kind unmöglich, sagte Popp. Es brauche allein schon Zeit, bis die alkoholische Desinfektions­lösung auf den Händen getrocknet sei. Die Mitarbeiter der Klinik trügen jedoch die „geringste Verantwortung“ für die Hygienefehler, betonte Popp. Sie seien angesichts der personellen Unterbesetzung überfordert gewesen. Zudem habe es nicht genügend Hygienefachkräfte gegeben.

Jürgens-Pieper wird nächste Woche im Ausschuss angehört
Die Reinigung der Frühgeborenen-Station sei „desolat“ gewesen. Zum Teil sei mit Desinfektionslösungen gearbeitet worden, deren Konzentration völlig ungenügend gewesen sei. Somit seien beim Wischen Keime von einer Geräteoberfläche zur nächsten und auch auf Hände übertragen worden. Obwohl die Probleme mit der Reinigung bekannt gewesen seien, sei nicht reagiert worden.

Senatorin Jürgens-Pieper soll sich am 11. Oktober noch einmal vor dem Ausschuss äußern. Sie lehnte bislang jede Verantwortung für den Hygieneskandal ab.

CDU-Ausschuss-Mitglied Rainer Bensch kritisierte die Ausschuss-Vorsitzende Antje Grotheer (SPD) scharf für ihre Fragen an den Gutachter, „die darauf abzielen, den Zeugen zum Angeklagten zu machen“. Grotheer hatte dem Mediziner unter anderem vorgehalten, dass er für sein Gutachten offenbar einige wichtige Akten von der Staatsanwaltschaft nicht zur Verfügung gestellt bekommen habe und somit zum Teil zu falschen Schlussfolgerungen gekommen sei. Zudem sei Popp mit „juristischen Spitzfindigkeiten madig gemacht“ worden, bemängelte auch das Ausschuss-Mitglied der Linken, Claudia Bernhard.

Der im Zuge des Hygieneskandals entlassene Chefarzt Hans-Iko Huppertz ist inzwischen zurück an seinem Arbeitsplatz. Anfang Oktober nahm er seinen Dienst als Leiter der Professor-Hess-Kinderklinik am Klinikum Bremen-Mitte wieder auf. Das teilte ein Sprecher des Krankenhausverbundes Gesundheit Nord auf Anfrage mit. Huppertz war im November 2011 entlassen worden. Der Aufgabenbereich von Huppertz ist kleiner als zuvor. Die pädiatrische Intensivstation liegt derzeit im Verantwortungsbereich eines leitenden Oberarztes. Auch ist Huppertz nicht mehr Hygienebeauftragter der Klinik.

Die Neonatologie ist nach wie vor geschlossen. Nachdem sie umfangreich desinfiziert, umgebaut und dann wiedereröffnet worden war, tauchte der Keim im Februar 2012 erneut auf. Neben der Frühchen-Station ist auch die Geburtshilfe des Klinikums Bremen-Mitte geschlossen. © BH/dapd/aerzteblatt.de

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doc.nemo
am Freitag, 5. Oktober 2012, 09:42

Die Sündenböcke steigen in der Hierarchie aufwärts

Ich freue mich, dass Herr Huppertz zurück an seinem Arbeitsplatz ist. Endlich hat es ein designierter Sündenbock gewagt, gegen die ihm von der Politik zugedachte Rolle aufzumucken, und glücklicherweise fand er verständnisvolle Richter. Arbeits- resp. Verwaltungsgerichte sind leider nur zu gerne bereit, sich am Sündenbockritual zu beteiligen.
Dafür hat es nun die Gesundheitssenatorin erwischt. Nun ja, man kennt das. Findet man keinen eindeutig Schuldigen, steigen die Sündenböcke in der Hierarchie aufwärts - bis hin zur "politischen Verantwortung", gegen die es kein Rechtsmittel mehr gibt.
LNS

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