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Ärzteschaft

Trotz Einigung im Honorarstreit halten die Proteste an

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Protest auf dem Neumarkt in Köln © Hahne

Berlin/Köln – Obwohl sich die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der GKV-Spitzenverband am Dienstagabend auf ein Honorarplus von rund vier Prozent für die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte geeinigt haben, sind in zahlreichen Städten Ärzte und Medizinische Fachangestellte (MFA) auf die Straße gegangen. Praxen blieben geschlossen. Die von der Allianz Deutscher Ärzteverbände organisierten Proteste fanden an bundesweit 34 Standorten vor den Filialen gesetzlicher Krankenkassen statt.

„Wir sind Unternehmer und als solche haben wir viele Unkosten“, sagt die Gynäkologin Kerstin Fischer, die am Mittwochmorgen zusammen mit ihren MFA nach Berlin-Mitte vor das Gebäude des GKV-Spitzenverbandes gekommen ist. „Wir müssen die stetig steigenden Tarife für unsere MFA bezahlen, wir müssen medizinische Geräte anschaffen.“

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„Und uns wird noch nicht einmal der Inflationsausgleich bezahlt“, ergänzt Axel Eisinger, ebenfalls Gynäkologe aus Berlin. „Insofern empfinden wir das Verhandlungsergebnis von gestern als unbefriedigend.“ Es gehe den Ärzten jedoch nicht nur um das Honorar. „Es geht auch um die unsäglichen Diffamierungen durch die Krankenkassen in der letzten Zeit“, kritisiert Eisinger. „Möglicherweise würden wir hier nicht stehen, wenn die Haltung der Krankenkassen gegenüber den Ärzten eine andere wäre.“

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Seit der Gründung des GKV-Spitzenverbandes sei der Ton zwischen Kassen und Ärzten unsachlich geworden, meint der 56-jährige Arzt aus Berlin-Friedrichshain. „Ich habe das Gefühl, der GKV-Spitzenverband hat sich völlig von der Realität entfernt und konzentriert sich nun vor allem darauf, die Ärzteschaft zu diffamieren.“ Dadurch entstehe in der Öffentlichkeit das Bild des geldgierigen Arztes.

„Ein Drittel des Quartals arbeiten wir umsonst. Das wird von uns verlangt und obendrein werden wir noch beschimpft“, kritisiert Eisinger. Das Bild des Arztes, das die Kassen zeichneten, habe mit der Realität aber nichts zu tun. „Uns geht es um die Versorgung“, ruft er. „Wir wollen das System der niedergelassenen Fachärzte erhalten. Wer das nicht will, kann ja mal nach Großbritannien fahren und sich anschauen, ob es dort besser funktioniert.“

Zu Eisingers Forderungen zählt die Einführungen eines festen Punktwertes, „damit wir überhaupt wissen, wie viel wir verdienen“. Die Verteilung zwischen den Facharztgruppen hält er hingegen nicht für das Problem. „Es ist insgesamt zu wenig Geld im System.“

„Wenn man berücksichtigt, welche Ausbildung wir haben, wie viel wir arbeiten und dass wir Unternehmer mit zum Teil vielen Angestellten sind, ist ein Durchschnittseinkommen von 5.000 Euro nicht viel“, sagt der Berliner Allgemeinarzt Madjid Massih. Das Problem sei, dass das Einkommen der Ärzte mit dem Einkommen von Lehrern verglichen werde und nicht mit dem von anderen Unternehmern.

„Ich empfehle meinen Kindern mittlerweile nicht mehr, Arzt zu werden“, so Massih. „Und wenn nicht mal mehr Ärzte ihren Kindern empfehlen, diesen Beruf zu ergreifen, wer wird denn dann später noch nachwachsen? Und das in Zeiten des demografischen Wandels, in denen heute schon zum Teil ein Ärztemangel besteht.“

In Köln sind dem Protestaufruf der Allianz deutscher Ärzteverbände rund 100 Ärztinnen und Ärzte sowie deren Praxismitarbeiterinnen gefolgt. Sie versammelten sich vor der Geschäftsstelle der Barmer GEK am Neumarkt. „Der Honorarabschluss von gestern kann nur ein kleiner Teil der Gesamtverbesserung für die Patientenversorgung sein“, sagt die Kinderärztin Ursula Kleine-Diepenbruck. Er sei zum einen vorläufig und zum anderen auf Dauer nicht ausreichend.

„Und der Anfang der Verhandlungen zwischen KBV und GKV-Spitzenverband hat gezeigt, dass die Krankenkassen versuchen, uns in den Praxen auszuhungern“, erklärt die Obfrau des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Köln. Auf Dauer könne man damit keine vernünftige ambulante, patientennahe Versorgung sicherstellen. Kleine-Diepenbruck fordert einen Orientierungswert von 5,11 Cent, wie er ursprünglich einmal kalkuliert war, auch um die Arbeitsplätze ihrer MFA zu sichern.

„Mein Beruf macht mir sehr viel Spaß“, sagt die Kinderärztin. „Wenn wir aber nur noch Zeit haben, uns auf das Krankheitsbild und ein Rezept oder eine Heilmittelverordnung zu reduzieren, dann werden wir dieser Gesellschaft mit dieser Medizin nicht wirklich weiterhelfen können.“

„Ich wünsche mir, dass die gute ärztliche Leistung, die wir erbringen, auch entsprechend honoriert wird“, erklärt Hals-Nasen-Ohrenarzt Jan-Henning Lemke. „Zurzeit erbringen wir im Sinne unserer Patienten aber viele Leistungen, von denen wir wissen, dass sie am Ende nicht bezahlt werden.“ Er sei jetzt seit vier Jahren niedergelassen und könne seine gute Medizin nur deshalb anbieten, weil seine Privatpatienten das System quersub­ventionierten.

Honorarstreit: Ärzte und Kassen einigen sich

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Einigung ist nur Zeitaufschub
Das funktioniert bei Werner Stolle nicht. Der Kinderarzt betreibt eine Praxis im Problem­bezirk Köln-Bilderstöckchen. Dort liegt der Anteil an Privatpatienten unter zehn Prozent. „Die Einigung von gestern Abend hat eigentlich nur einen Zeitaufschub gebracht. Sie ändert nichts an dem grundsätzlichen Problem, dass unsere Leistungen nicht aus­reichend bewertet sind“, sagt Stolle. „Wir brauchen, was vor Jahren kalkuliert wurde, einen Orientierungswert von 5,11 Cent. Jetzt schwimmen die Kassen im Geld, da ist es nur gerechtfertigt, wenn man auf die damaligen Vereinbarungen zurückkommt.“ Es gehe ihm darum, eine vernünftige ambulante Versorgung aufrecht zu erhalten. „Dazu brauchen wir auch unsere Mitarbeiterinnen.“

Petra Enja-Lenz, MFA in einer Frauenarztpraxis, die sich gemeinsam mit ihren Kolleginnen dem Protest angeschlossen hat, sagt: „Es geht auch darum, unseren eigenen Arbeitsplatz zu erhalten.“ Die Forderungen ihres Chefs hält sie für berechtigt. „Ich sehe das hier nicht unbedingt als Protest, sondern als Unterstützung.“

Wie viele Ärzte und MFA insgesamt an den bundesweiten Protestaktionen teilgenommen haben, steht noch nicht fest. In Hamburg beteiligten sich Schätzungen der Kassen­ärztlichen Vereinigung (KV) zufolge etwa ein Viertel aller Arztpraxen an den Protesten.

In Baden-Württemberg waren Aktionen in den Städten Stuttgart, Freiburg, Heidelberg, Karlsruhe, Offenburg und Pforzheim geplant. Mit Praxisschließungen sei vor allem in den Bereichen Kardiologie, Orthopädie und Gastroenterologie zu rechnen gewesen, sagte der Koordinator des Aktionstages, Sean Monks.

In München kamen mehr als 100 Ärzte und MFA vor der örtlichen Filiale des Verbandes der Ersatzkassen zusammen. In Brandenburg beteiligten sich etwa fünf Prozent aller Arztpraxen an den Protesten, wie der Sprecher der KV Brandenburg, Ralf Herre erklärte. Weitere Protestaktionen seien jedoch nicht ausgeschlossen, wenn die Verhandlungen zwischen Krankenkassen und KV auf Landesebene beginnen. © fos/HK/dapd/aerzteblatt.de

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